Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

TV-Kritik
Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

23. Februar 2016

TV-Kritik: „Finding Carter“ : Unvertrautes Heim

 Von 
"Finding Carter" im Disney Channel  Foto: obs/Disney Channel

In der US-Familienserie haben herkömmliche Rollenmuster ausgedient. Das Genre ist aktuell, zeitkritisch, bisweilen unkonventionell und jugendaffin – die Serie „Finding Carter“ wurde von MTV in Auftrag gegeben. In Deutschland startet sie jetzt im Disney Channel.

Drucken per Mail

Von Müttern wie Lori Stevens (Milena Govich) träumen 16-jährige Teenager. Mit Lori kann man die Klamotten tauschen, um die Wette Frozen Yogurt mit Gummibärchen-Dressing futtern. Und Lori versichert ihrer Tochter Carter (Kathryn Prescott) mindestens einmal täglich, dass sie sie liebt.

Nicht lange, und das schöne Bild liegt in Scherben. Als Carter nach einem harmlosen Streich nebst Freunden festgenommen wird, dürfen alle Sünderlein bald wieder gehen. Nur Carter nicht. Denn beim Datenabgleich sind die Ermittler auf ihre wahre Identität gestoßen. Carter wurde im Alter von drei Jahren entführt. Lori ist nicht ihre Mutter, sondern eine Kidnapperin.

Carter, die eigentlich Lyndon heißt, wird ihren leiblichen Eltern zugeführt. Ihre Mutter Elizabeth Wilson (Cynthia Watros) ist Polizistin, der Vater David (Alexis Denisof) ein Schriftsteller. Mit „Losing Lyndon“, einem Buch über den Verlust seiner Tochter, hatte er einen Bestseller, daran aber nicht anknüpfen können. Sein Agent steht schon bereit und erlebt angesichts des Presserummels einen geistigen Orgasmus. „Fang an, dir Notizen zu machen“, drängt er seinen Goldesel. Der Titel des neuen Buches ist bald gefunden: „Finding Carter“.

Denn Carter besteht darauf, den ihr vertrauten Namen zu behalten. Auch reagiert sie zornig, wenn Lori als „Monster“ bezeichnet wird. Die emotionale Bindung an die Frau, die sie als ihre Mutter kennt, ist ungebrochen. Elizabeth Wilson fällt es dagegen schwer, eine Beziehung zu Carter aufzubauen, zumal sie als Polizeibeamtin in die Fahndung nach der bundesweit gesuchten Lori eingebunden ist. Carter begegnet ihr kühl, bisweilen feindselig. Besser ist das Verhältnis zu ihrem Vater, zu ihrer Zwillingsschwester Taylor, zu ihrem kleinen Bruder. Das Zusammenleben mit Geschwistern ist neu für Carter. Das lebenslustige, kontaktfreudige Mädchen wirbelt die Familie Wilson mächtig durcheinander. Die scheue, brave Taylor ist mal abgestoßen, mal fasziniert. Zumal sie Carters Ex-Freund Max (Alex Saxon) kennenlernt, mit dem sich bald eine ungewohnte Vertrautheit entwickelt.

Zeitkritik in Fortsetzungen

Bei allem Aufheben um die Programmform Fernsehserie und die vermeintlich neue Erscheinung des horizontalen, mithin fortgesetzten Erzählens bleibt das Genre der Familienserie stets ein wenig außer Acht. Dabei ergibt sich gerade hier der Fortsetzungscharakter schon aus dem Inhalt. Familienserien haben heute nichts mehr gemein mit den idealisierenden Unser-trautes-Heim-Idyllen der Sechziger. Längst befassen sich die Autoren mit modernen Formen des Zusammenlebens wie der Patchwork- und der Pflegefamilie, der Wohngemeinschaft. Einige sehenswerte US-Produktionen dieser Art wurden in jüngerer Zeit im deutschen Fernsehen, viele davon im Disney Channel, ausgestrahlt: „Life Unexpected“, „Switched at Birth“ und „The Fosters“ – Alex Saxon ist dort in einer ähnlichen Rolle zu sehen wie in „Finding Carter.

Zur Sendung

„Finding Carter“

dienstags, 20.15 Uhr

Disney Channel

Die Familienkonstellation erlaubt den Autoren, die unterschiedlichsten Problemfelder zu erschließen. Themen der genannten Serien waren unter anderem der Umgang mit behinderten Schülern und Pflegekindern, die Defizite US-amerikanischer Schulen, das Wesen der Kunst, Homosexualität unter Jugendlichen, die Nachteile der sogenannten Gentrifizierung und vieles mehr.

In diese Reihe fällt auch die von einer jungen Autorin erdachte, in den USA von MTV ausgestrahlte, entsprechend mit viel zeitgenössischer Musik unterlegte Serie „Finding Carter“. Der Einstieg erfolgt genregemäß mit einer melodramatischen Wendung. Folge für Folge weitet sich das Spektrum, die Figuren gewinnen an Kontur, bringen ihre eigenen Interessen, Schwierigkeiten, Passionen in die Handlung ein. Teilweise gibt es Anleihen beim Krimi. In „Finding Carter“ ist die Entführerin Lori Stevens auf der Flucht vor der Polizei, ein Strang, der aus mehreren Perspektiven erzählt wird. Auch aus der von Lori, die trotz der Gefahr, gefasst zu werden, immer wieder versucht, Kontakt zu Carter aufzunehmen. Sie hat ihr zu der – angeblichen? – Entführung noch etwas Wichtiges zu sagen. Ein Spannungsmoment, das sich über mehrere Episoden hinzieht.

Die Titelrolle der Serie wurde der Britin Kathryn Prescott übertragen. Der Part der zutiefst verunsicherten Carter verlangt schauspielerisches Vermögen. Die 16-Jährige kann sehr verständig und liebenswürdig sein, aber auch misstrauisch, verantwortungslos, widerborstig. Die Hormone toben noch, die Gefühle schlagen bisweilen Purzelbäume.

Die 1991 in London geborene Kathryn Prescott war bereits in jüngeren Jahren im Zusammenspiel mit ihrer Zwillingsschwester Megan in der außergewöhnlichen, international preisgekrönten britischen Jugendserie „Skins – Hautnah“ hervorgetreten, die derzeit bei Nicknight zu sehen ist. Unbedingt empfehlenswert, denn so drastisch, einfühlsam, komplex und zugleich schmissig – Ko-Schöpfer Jamie Brittain war bei Drehbeginn gerade Anfang zwanzig – werden die Freuden und Qualen von Heranwachsenden selten gezeigt. „Finding Carter“ bewegt sich nicht auf diesem Ausnahmeniveau, lässt sich aber vielversprechend an, kommt ebenfalls ohne billige Gefühlsduseleien aus und hält noch allerlei Überraschungen bereit.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

Unsere Kritiker
Daland Segler.

Segler ist langjähriger Medienexperte und Autor der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Tilmann P. Gangloff.

Gangloff schreibt seit vielen Jahren Fernsehkritiken für die FR. Er ist auch Juror für den renommierten Grimme-Preis. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Harald Keller.

Keller ist Medienhistoriker und Buchautor, Dozent und DJ - und gehört immer wieder mal den Gremien des Grimme-Preises an. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Judith von Sternburg.

Judith von Sternburg ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Sylvia Staude.

Sylvia Staude ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau - und Krimi-Expertin. Aktuelle Texte.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Talkshow-Seiten im Internet
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Fotostrecke
Alle Tatort-Kommissare (20 Bilder)
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien