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TV-Kritik
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11. März 2016

TV-Kritik: „Maybrit Illner“: „Sie sprechen doch toll Deutsch!“

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Thema der Sendung: Streitpunkt Flüchtlinge - Drei Wahlen, ein Thema.  Foto: imago/Müller-Stauffenberg

Maybrit Illner wollte mit einem „Spezial“ eine andere Form ihrer Talkshow erproben – doch die geriet zu einer Wahlwerbesendung der etablierten Parteien – und einem Desaster für die AfD

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Besondere Ereignisse verlangen besondere Reaktionen. Also zog Maybrit Illner drei Tage vor den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt in eine andere Örtlichkeit um und gab ihrer Sendung eine neue Struktur. Sie versammelte unter dem Motto "Streitpunkt Flüchtlinge - drei Wahlen, ein Thema" in der Berliner „Malzfabrik“ ein halbes Dutzend Bürger und ebensoviele Politiker um sich und arrangierte mit ihnen Dialoge und kleine Gesprächsgruppen. Also redete etwa der Hausbesitzer aus dem Schwabenland mit der Grünen Claudia Roth oder Thomas Strobl, CDU-Vize, mit Emine Aslan, Studentin aus Mainz. Diese Gespräche, moderiert von Illner, waren in der Regel erhellender als die größeren Runden, wenn die Politiker wie in der Manege aufeinander losgelassen und infolge ihres Wortschwalls die Bürger zu Statisten wurden.

Die Redaktion hatte eine nicht ungeschickte Struktur ersonnen: Zu Beginn wurden die „Sorgen“ der Bürger zum Thema, allerdings etwas arg forciert mit Einspielern und Fragen Illners an den Gast Christian Snurawa wie: „Ist es die Planlosigkeit, die Sie verzweifeln lässt?“ Dabei war der Mann sichtlich alles andere als verzweifelt,  lediglich unsicher, wie er mit den neuen Nachbarn aus Nahost wird zusammenleben können. Claudia Roth wusste erwartungsgemäß nur Gutes von den Grünen zu berichten und forderte, aus der Willkommenskultur müsse eine „Willkommens-Infrastruktur“ werden.

Dazwischen bot Daniel Bröckerhoff von „heute plus“ Statistiken über die Haltung der Wähler in den drei Ländern gegenüber den Zuwanderern und neue  Prognosen zum Wahlausgang. Zum Ende hin aber überwog das Positive, wie es die Hallenser Unternehmerin Angela Papenburg vermittelte. Sie verwendet fast ein Drittel ihrer Arbeitskraft darauf, Schutzsuchenden aus Syrien oder Afghanistan den Weg ins Arbeitsleben und die Integration zu ermöglichen.

Das tut auch Norbert Schweiwe, der in Südbaden im katholischen Hilfswerk St. Christophorus nach eigenen Worten „verhaltens-originelle“ Jugendliche betreut und es derzeit vor allem mit Migranten zu tun hat. Ihn hatte man mit AfD-Chefin Frauke Petry an einem Tisch platziert, und den positiven Eindrücken des Praktikers von seinen Jugendlichen hatte die rechtsextreme Ideologin nichts entgegenzusetzen.

Petry, die ihren Aufstieg ja zum Teil Auftritten in Talkshows wie der von Maybrit Illner verdankt, wo sie in der Vergangenheit viel zu wenig gebremst worden war, hatte intern offenbar ihren Gesinnungsgenossen ihre mediale Strategie präzisiert: "Um sich medial Gehör zu verschaffen, sind daher pointierte, teilweise provokante Aussagen unerlässlich. Sie erst räumen uns die notwendige Aufmerksamkeit und das mediale Zeitfenster ein…" Damit ist sie bei Illner gescheitert, vor allem dank der Linken-Vorsitzenden Katja Kipping, die ihr entschlossen ins Wort fiel und Petry damit aus der Fassung brachte – ein Desaster für die Rechte.

Mit Petry und Kipping am Tisch stand Thomas Strobl, CDU-Vize, der die Gelegenheit zum Lob der Regierungsarbeit weidlich nutzte, sich hernach aber im Dialog mit der Mainzer Studentin Emine Aslan unversehens eine Blöße gab. Hatte er noch beteuert, Diskriminierung sei „verachtenswert“, und in seiner Heimatstadt Heilbronn, deren Einwohner zu 50 Prozent einen Migrationshintergrund hätten, gebe es keine Probleme, lieferte er gleich danach ein Beispiel für diesen nicht bewussten Rassismus, der zugleich zeigt, wie schwierig die Sache mit der Integration ist.

Die junge Frau, in offenem Kopftuch, berichtete davon, dass aus dem Alltagsrassismus inzwischen eine Bedrohung des Lebens geworden sei (Bröckerhoff untermauerte das mit dem Hinweis, dass es im vergangenen Jahr 1000 Angriffe auf  Flüchtlinge gegeben habe). Aslan erinnerte zu Recht daran, dass die Problematik bei der Integration politisch aufgebauscht worden sei. Als muslimische Frau werde sie entweder für unmündig gehalten oder als Terrorgefahr betrachtet. Seit Jahren schon begegne sie Ressentiments, und sei es nur die Bewunderung, wie gut sie Deutsch spreche. Darauf Strobl: „Sie sprechen doch toll  Deutsch!“

Aslan war zu höflich, um daraus eine Szene zu machen, und verwies stattdessen auf das Ungleichgewicht beim Thema Integration. Strobl hatte die vor allem bei Konservativen übliche Verknüpfung hergestellt: Integration sei ein Angebot, aber auch eine Verpflichtung. Warum denn nicht auch von den Rechten der Zuwanderer die Rede sei, fragte die Mainzer Studentin. 

Zur Sendung

„Maybrit Illner Spezial“ zum Thema „Streitpunkt Flüchtlinge - drei Wahlen, ein Thema" von Donnerstag, 10. März, 22.15 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

Danach durfte auch Arbeitsministerin Andrea Nahles noch Wahlwerbung machen, indem sie die Zusammenarbeit mit der integrationsmäßig vorbildlichen Unternehmerin Papenburg loben konnte. Als Spielverderber agierte der ebenfalls geladene FDP-Chef Christian Lindner, der kritisierte, dass die Regierung  bürokratische Hemmnisse nicht schnell genug beseitige und statt mehr Geld für Zugezogene aufzuwenden eine Milliarde an Elektroautos für Besserverdienende verschwende. Immerhin forderte er  bei dankenswert klarer Nennung der Kriterien ein Einwanderungsgesetz.  

Der aus Armenien eingewanderte Arthur Mashuryan, heute Konditor, wies am Ende darauf hin, dass Deutschland als Exportweltmeister sein Geld im Ausland verdiene, auch dort, von wo nun die Zuwanderer kämen.  Er  brachte seine Erfahrungen, die viele der Vertriebenen und Geflohenen teilen dürften, auf den Punkt:  In den Augen vieler Einheimischer sei es doch so: Hat der Flüchtling Arbeit, nehme er den Deutschen den Arbeitsplatz weg. Hat er keine Arbeit, liegt er dem deutschen Staat auf der Tasche...

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