Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

TV-Kritik
Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

08. März 2016

TV-Kritik: „Terror von rechts“: „Eine Art Pogromstimmung“

 Von Daland Segler
Mehr als 200 Anhänger der rechtsextremen Splitterpartei gedenken der Toten der Wehrmacht.  Foto: SWR

Die ARD zeigt zu später Stunde einen aufrüttelnden Dokumentarfilm, der belegt, wie die neuen Nationalsozialisten kaum behelligt die Demokratie angreifen.

Drucken per Mail

Derzeit verhandelt das höchste Gericht der Bundesrepublik darüber, ob die Partei NPD zu verbieten sei. Über den Sinn eines Verbots ist ausführlich diskutiert worden. Doch wer diesen Film von Thomas Reutter gesehen hat, weiß: Es geht nicht um die Partei und ob die legal existiert oder nicht, es geht um die Verbrecher, die in deren Dunstkreis agieren. Sie haben sich zusammengerottet unter scheinbar neutralen Namen wie „Der dritte Weg“ oder „Freies Netz Süd“ und treten mit Fahnen und Abzeichen bei diversen Aufmärschen auf.  

Der Film stellt einige dieser Neonazis vor, sie heißen zum Beispiel Martin Wiese, Oliver Rösch,  Karl Heinz Statzberger, Tony Gentsch, Norman Kempken, Thomas Schatt,  Benjamin Hager. Sie wurden wegen ihrer Vergehen, meist Körperverletzung, oft nur zu Bewährungsstrafen verurteilt, und wenn sie in Haft waren, sind sie dort nicht resozialisiert worden, sondern gingen hinterher weiterhin ihren Umtrieben nach. Der Film stellt Szenen von Anschlägen und Bombenbasteln nach, aber er verfremdet die Bilder und vermeidet dadurch peinliche Schauspielerei.

Im vergangenen Jahr gab es allein 200 Straftaten mit Spreng- und Brandvorrichtungen durch Rechtsextreme und 94 Brandanschläge auf Asylbewerberunterkünfte – von denen nur ein Fünftel aufgeklärt wurde. Im sächsischen Heidenau wurden 31 Polizeibeamte von rechten Gewalttätern verletzt, auch durch Sprengsätze. Aber nur gegen einen der Kriminellen wird wegen Sprengstoffbesitzes ermittelt, berichtet Reutter. Gegen einen einzigen.

Selbst Emily Haber, eine soigniert wirkende Dame, die im Innenministerium für Rechtsradikalismus e zuständig ist, sagt angesichts der Zahlen: „Es ist etwas im Gang“ . Bei den Aufnahmen von Nazi-Demonstrationen wird auch sichtbar, warum so viele Rechtsradikale wegen Körperverletzung mit dem Gesetz in Konflikt kamen: Sie wirken nicht nur gewalttätig... Der sächsische Polizeichef Bernd Merbitz, CDU, selbst von Morddrohungen nicht verschont, berichtet von „einer Art Pogromstimmung“.

Bomben bauen leicht gemacht

Das Filmteam reist nach Polen und zeigt, wie einfach es ist, sich „Böller“ zu besorgen, von denen einer genügt, um ein Auto in die Luft zu jagen. 22 Kilo Chemikalien zum Bombenbau samt Anleitungen dazu wurden etwa bei Thomas B. gefunden. Aber es bestehe für ein Verfahren wegen Vorbereitung einer Straftat kein „hinreichender Grund“ –

obwohl dem Amtsrichter klar war, wozu eine mit diesen Chemikalien hergestellte Bombe dienen sollte. 22 Kilo.  Während etwa die islamistische Sauerlandgruppe wegen ähnlicher Verbrechen Haftstrafen zwischen fünf und zwölf Jahren verbüßen muss, kam Thomas B. mit einer Strafe wegen unerlaubten Waffenbesitzes davon.

Dass die Justiz auf dem rechten Auge blind ist, hat sich in den nun 70 Jahren der Nachkriegszeit immer wieder erwiesen.  Der Apparat war offenbar immer noch von Leuten durchsetzt, die einen Linken für den Gottseibeiuns hielten,  die Rechten aber für  „Wirrköpfe“ oder „Schwadronierer“, wie es auch jetzt bei dem Bombenbastler wieder hieß. Dabei hat sich spätestens seit den Morden der NSU gezeigt, dass Bertolt Brechts Satz „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, sich nicht nur bewahrheitet hat, sondern dass „es“ schon wieder  wie die vielköpfige Hydra auf unseren Straßen sein Unwesen treibt – ohne von Polizei und Justiz angemessen verfolgt zu werden.

Besonders böses Beispiel: Ein bekannter Neonazi, Silvio Weiser, wurde mit anderthalb Kilo TNT und  ebensoviel Schwarzpulver samt rechtsextremen Propagandaschriften erwischt.  Ohne Folgen. „Er hat uns glaubhaft versichert, nichts mit diesem Material anfangen zu wollen“, sagt treuherzig ein Magdeburger Polizist ins Mikro des Filmemachers. Während der Verfassungsschutz Weiser gleichzeitig unter „Rechtsterrorismus“ führte. Aber die Staatsanwaltschaft Magdeburg hat das Verfahren eingestellt. Man habe Weiser nicht nachweisen können, dass er mit  dem TNT eine Bombe bauen wollte.  Das macht selbst Emily Haber sprachlos. Dabei ist sie, nicht zuletzt durch die skandalösen Pannen bei der Aufklärung der Mordfälle der NSU, sensibilisiert. Man versuche genau zu beobachten und „das Undenkbare mitzudenken“. In mehr als einem Fall, so zeigt es dieser aufrüttelnde Film, ist es wohl beim Versuch geblieben.

„Terror von rechts“, ARD, von Montag, 7.März, 22.45 Uhr. Im Netz: ARD Mediathek.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

Unsere Kritiker
Daland Segler.

Segler ist langjähriger Medienexperte und Autor der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Tilmann P. Gangloff.

Gangloff schreibt seit vielen Jahren Fernsehkritiken für die FR. Er ist auch Juror für den renommierten Grimme-Preis. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Harald Keller.

Keller ist Medienhistoriker und Buchautor, Dozent und DJ - und gehört immer wieder mal den Gremien des Grimme-Preises an. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Judith von Sternburg.

Judith von Sternburg ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Sylvia Staude.

Sylvia Staude ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau - und Krimi-Expertin. Aktuelle Texte.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Talkshow-Seiten im Internet
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Fotostrecke
Alle Tatort-Kommissare (20 Bilder)
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien