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TV-Kritik
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21. Januar 2016

TV-Kritik: „Wölfe“: Bis dass der Tod sie scheide …

 Von 
Kardinal Wolsey (Jonathan Pryce).  Foto: ARTE France/Giles Keyte

Soeben mit einem Golden Globe als bester Mehrteiler ausgezeichnet, gelangt die Verfilmung der Bestseller von Hilary Mantel um die Kabalen am Hofe Henrys VIII. auch in Deutschland zur Ausstrahlung. Ein sechsteiliges, auf Dialoge bauendes Historiendrama mit beeindruckenden Schauspielerleistungen.

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Geblieben ist nichts von der einstigen Pracht. Eine Wolfhall Road erinnert zumindest namentlich noch an die geschichtsträchtigen Vorgänge im frühen 16. Jahrhundert. Aber Wulfhall respektive Wolfhall, der Sitz des Seymour-Geschlechts, ist lange verschwunden. Ersetzt wurde er durch ein Wohnhaus mit viktorianischer Fassade, erbaut erst zu einem Zeitpunkt, als die berühmtesten Bewohner des Anwesens längst ihr Leben gelassen hatten. Die nötigen Kulissen für die Dreharbeiten zur TV-Serie „Wolf Hall“ – bei Arte heißt sie „Wölfe“ – mussten also anderswo gefunden werden. Weshalb die heutigen Besitzer des Anwesens, anders als die Eigner des nur wenige Kilometer entfernten Highclere Castle, Drehort der Kultserie „Downton Abbey“, nur wenig Kapital schlagen konnten aus dem Umstand, dass sie auf historischem Boden leben.

Jane Seymour, die dritte Ehefrau des für seine serielle Vielweiberei und tödlichen Trennungen berüchtigen Königs Henry VIII., wurde vermutlich hier geboren und hat hier gelebt. Sie starb, anders als ihre Vorgängerin Anne Boleyn, einen friedlichen Tod. Jedoch ebenfalls vor der Zeit: Sie erlag, vermutlich 29-jährig, dem Kindbettfieber. In einer ebenfalls nicht mehr existenten großen Scheune neben dem Herrenhaus sollen Jane und Henry 1536 ihre Hochzeitsfeier ausgerichtet haben.

Die damaligen Ereignisse sind Gegenstand einer Romanreihe der britischen Autorin Hilary Mantel. Für zwei ihrer Bücher wurde sie mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet. Der TV-Sechsteiler „Wölfe“, im Original „Wolf Hall“, basiert auf ihren Vorlagen; die Adaption übernahm Peter Straughan. Mantels literarische Leistung liegt darin, dass sie die Geschehnisse auf eigene Weise interpretiert, auf klare Gut-und-Böse-Zuweisungen verzichtet und stattdessen jeder Figur Ambivalenzen und auch eine gewisse Tragik zubilligt. 

Der Ränke-Schmied

Der zentrale Charakter der TV-Produktion ist Thomas Cromwell, gespielt von dem preisgekrönten, jüngst für seinen Part in „Bridge of Spies“ Oscar-nominierten Mark Rylance. Cromwell, Sohn eines einfachen Schmieds, hat Europa bereist und nicht nur die Rechtswissenschaft, sondern auch die Kunst der Diplomatie erlernt. Als Kind half er seinem Vater am Amboss, jetzt schmiedet der Emporkömmling Allianzen, Ränke, Intrigen. Anfangs steht er in Diensten von Kardinal Wolsey (Jonathan Pryce), seinerseits ein Meister der höfischen Kabale. Und am Ende seiner Tage auch deren Opfer.

Weil Katharina von Aragon (Joanne Whalley) dem König keinen männlichen Erben gebar, will Henry VIII. (Damian Lewis) die Scheidung. Lordkanzler Wolsey scheitert beim Bemühen um die Annullierung der Ehe durch den Papst. Daraufhin gerät er in Ungnade, verliert Ämter und Besitz und wäre möglicherweise sogar hingerichtet worden, starb aber zuvor eines natürlichen Todes.

Die Sendung

„Wölfe“, am 21. und 28.1., jeweils drei Teile, ab 20.15 Uhr, Arte. Mehr Infos auf den Seiten der Sendung.

Sein Vertrauter Cromwell wird bei Hofe Zeuge, wie der eben noch gefürchtete Wolsey auf unwürdige Weise verhöhnt wird. Cromwell wird diese Szene nicht vergessen. Wolseys Rat folgend, erwirbt Cromwell zunächst das Vertrauen von Henrys aktueller Favoritin Anne Boleyn (Claire Foy) und wird alsbald zu einem der engsten Berater des Königs. Er unterstützt den Regenten, als der sich zum Oberhaupt der Kirche von England erhebt, und er wird ihm auch die nötige Munitionierung für eine blutige Scheidung liefern, als der launenhafte Monarch Anne Boleyns überdrüssig wird und in Jane Seymour (Kate Phillips) eine neue Auserwählte findet. 

Schauspiel auf höchstem Niveau

„Wölfe“ ist kein Mantel- und Degenstück und hat auch nicht die panoramischen Schauwerte der Ausnahmeserie „Game of Thrones“. Das zumeist in geschlossenen, oft nur von Kerzenlicht erhellten Räumen angesiedelte Geschehen wird vorrangig über Konversationen vorangetrieben. Regisseur Peter Kosminsky erlaubt sich gar lange Momente des Schweigens. Was nicht als Verharren der Handlung misszuverstehen ist – die Aussagen liegen in den Mienen und Gesten der Protagonisten. Inszenierungen wie diese verlangen nach erstklassigen Schauspielern, die in ihren Rollen aufgehen statt sie nur zu reflektieren.

Der theatererfahrene Mark Rylance ist die perfekte Besetzung für die Hauptrolle; Claire Foy als Anne Boleyn bewältigt souverän ein breites Spektrum an Gefühlen, vom brennenden Ehrgeiz der Thronanwärterin über den Hochmut einer mächtigen Königin, schließlich das in Verzweiflung aufgehende mähliche Begreifen, dass sie sich durch ihre Hoffart anfechtbar gemacht und ihren Einfluss auf den König verloren hat.

„Wölfe“ gelangt mit frischem Preisruhm auf deutsche Bildschirme. Die von der BBC und der nicht-kommerziellen US-Sendestation WGBH-TV verantwortete internationale Produktion gewann neben anderen Auszeichnungen in diesem Jahr den Golden Globe der Hollywood Foreign Press Association als bester Mehrteiler.

In seiner Dankesrede wies der Produzent Colin Callender, ein ehemaliger Programmverantwortlicher des angesehenen Abokanals HBO, darauf hin, dass Sendungen dieses Niveaus ohne Institutionen wie die öffentlich-rechtliche BBC kaum möglich wären. Und er forderte die britische Regierung und namentlich Premier David Cameron auf, die BBC gegen geplante Einschränkungen und Mittelkürzungen zu schützen. Das Publikum, Prominenz aus Film und Fernsehen, schien dabei ganz auf seiner Seite.

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