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TV-Kritik

12. November 2012

TV-Kritik "Absolute Mehrheit" Raab: Nichts für zarte Politikergemüter

 Von Peer Schader
Stefan Raab mischt den Polit-Talk in Deutschland auf. Foto: dpa

In seinem Polit-Talk auf Pro Sieben lässt Stefan Raab die Zuschauer entscheiden, welcher Volksvertreter die besten Argumente hat. Zum Auftakt ist das konfus und temporeich. Für echte politische Debatten ist "Absolute Mehrheit" zu schnell. Um den Polit-Talk im deutschen TV wachzurütteln reicht es allemal.

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Achtung, hier kommt eine schockierende Eilmeldung aus dem deutschen Politikbetrieb: Es gibt Volksvertreter, die Spaß daran haben, sich in politischen Talkshows die Argumente um die Ohren zu hauen. Oder zumindest gut so tun können. Das ist vorerst die wichtigste Erkenntnis aus Stefan Raabs neuem Pro-Sieben-Talk "Absolute Mehrheit", der am Sonntagabend Premiere hatte. Lachende Politiker gehören im Fernsehen sonst ja eher zur Ausnahme.

Vielleicht lässt es sich deshalb verschmerzen, dass Raabs Polit-Rodeo inhaltlich mindestens genauso mau ausfiel wie bei den üblichen Verdächtigen der öffentlich-rechtlichen Sender.

Aber schon weil das private Fernsehen sonst niemals anderthalb Stunden Sendezeit opfern würde, um Themen wie Reichensteuer, Energiewende und Internetregulierung zu diskutieren, hat sich der Versuch gelohnt. Am Ende musste Pro Sieben ja nicht mal die angekündigten 100.000 Euro Redeprämie raushauen, weil FDP-Krawalli Wolfgang Kubicki in der Zuschauerabstimmung zwar vorne lag, aber eben nicht die erforderlichen Auszahlungsprozente erreichte. Immerhin kann er jetzt von sich behaupten, nur knapp an der 50-Prozent-Hürde gescheitert zu sein.

Raab richtet sich an politikferne Zuschauer

Auch in der eigenen Partei für sein Mundwerk berühmt und gefürchtet: Wolfgang Kubicki (FDP), zweiter von links, kommt bei den Zuschauern gut an.
Auch in der eigenen Partei für sein Mundwerk berühmt und gefürchtet: Wolfgang Kubicki (FDP), zweiter von links, kommt bei den Zuschauern gut an.
Foto: dpa

Raabs Show ist der Versuch, sonst eher politikfernen Zuschauern wenigstens einen winzigen Einblick in das zu liefern, was sonst ohne sie verhandelt wird – weil sie sich nicht für Politik interessieren. Und ihnen die Möglichkeit zu geben, mit fernmündlicher Sympathiebekundung sofort darauf zu reagieren.

Sollten nur ein paar treue Pro-Sieben-Zuseher drangeblieben sein und nachher im Netz gegoogelt haben, wie das denn nun wirklich mit der Abschaltung der Atomkraftwerke oder den geforderten Spitzensteuersätzen ist, wäre das erste Ziel erreicht.

Das ändert freilich nichts daran, dass es bei "Absolute Mehrheit" noch gewaltigen Justierungsbedarf gibt. Es ist wohl eine richtige Entscheidung, in einer Sendung drei völlig unterschiedliche Themen zu verhandeln, damit das Publikum nicht einschläft. Und in Sachen Tempo macht dem Pro-Sieben-Talk so schnell kein Frank Plasberg und kein Günther Jauch was vor.

Aber für mehr als einen schnellen Stichwortaustausch bleibt dann halt auch keine Zeit. Am Ende gewinnt auch nicht der, der die plausibelsten Reformvorschläge macht – sondern der, der am eloquentesten Rechthaben kann. Kubicki hat da natürlich Übung.

Per SMS vom Wähler abgestraft

Der größte Schock für die Politiker ist, dass sie nach jeder Themenrunde gesagt kriegen, ob und wie die Zuschauer per Telefon uns SMS für sie abgestimmt haben. In der Sendung am Sonntag erzielte CDU-Vertreter Michael Fuchs, der für (den kurzfristig abgesprungenen) Bundesumweltminister Peter Altmaier da war, prompt das niedrigste Ergebnis – und nahm's mit versteinerter Fassung auf. Wohl fühlte er sich auf Raabs Politcouch über dem lädiert-metallenen Bundesadler aber nicht.

Genau das wird die große Herausforderung für die Redaktion von "Absolute Mehrheit": Politiker dafür zu gewinnen, sich überhaupt in eine Sendung zu setzen, mit deren Konventionen sie nicht vertraut sind und in der die Gefahr besteht, schon nach wenigen Minuten als derjenige dazustehen, der die Zuschauer am wenigsten mitreißen konnte.

Um Überzeugen geht es in "Absolute Mehrheit" nur am Rande. Weil sich komplizierte politische Entscheidungen eben nicht in anderthalbminütige Statements packen lassen, die augenblicklich gefallen müssen. Für echte Diskussionen ist der Pro-Sieben-Talk deshalb wohl kaum geeignet. Aber mal ehrlich: Die vielen ARD-Talker schaffen das in ihren wöchentlichen TV-Streitgesprächen auch eher selten.

Mit seiner Sendung hat Raab immerhin das Zeug, den öden Polittalk im deutschen Fernsehen wieder wachzurütteln. Ob die Politiker da dauerhaft mitspielen wollen, wird mindestens genauso spannend wie die nächste Ausgabe im Januar.

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