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TV-Kritik "Anne Will": Kannibalismus als Kündigungsgrund

Um die gnadenlose Arbeitswelt ging es bei Anne Will. 80 Prozent seien doch mit dem Chef zufrieden, so der ehemalige BDI-Chef Rogowski. Däubler-Gmelin und Blüm hielten empört dagegen. Von Volker Schmidt

Anne Will
Anne Will
Foto: ddp

Die Bild-Zeitung formulierte es grammatiksicher so: "Nur weil sie eine Frikadelle vom Chef aß - Sekretärin gefeuert". Rettet dem Dativ. Frikadelle vom Chef? So wie Schnitzel vom Schwein? Da fällt einem doch der alte Witz ein: "Mann durch Fleischwolf gedreht - Bild sprach mit der Frikadelle." Kannibalismus als Kündigungsgrund.

Am Sonntagabend nahm aber nicht Lena Odenthal, sondern nach ihr Anne Will sich dem Thema an, den Genitiv elegant umschiffend: "Wegen Frikadelle gefeuert - gnadenlose Arbeitswelt?" Auch der Fall des Müllmanns klang an, der ein Kinderbett aus dem Abfall "gestohlen" hatte, der zweier Brotaufstrich naschender Bäckereimitarbeiter und der von "Emmely", der mutmaßlichen Pfandbondiebin, Schadenshöhe 1,30 Euro.

Redlich ins Zeug für die Sache der Arbeitnehmer legten sich Herta Däubler-Gmelin (SPD), ehemalige Bundesjustizministerin, Psychologe Jürgen Hesse, Leiter eines Unternehmens für Berufs- und Karriereberatung, sowie der knuffige Norbert Blüm (CDU), einst Bundesarbeitsminister. Sie formulierten einen ungeheuerlichen Verdacht: Könnte es sein, dass die Unternehmenskultur in Deutschland gelitten hat? Dass viele Firmen zum abfindungssparenden Mittel der Verdachtskündigung greifen, wenn sie Beschäftigte loswerden wollen?

Einig waren sie und das Publikum sich darin, dass ein Vertrauensverhältnis zu einer seit 34 Jahren im Unternehmen tätigen Sekretärin kaum glaubwürdig zerrüttet sein kann - so der Kündigungsgrund -, weil sie eine für das Bufett bestimmte Frikadelle aß. Auch die zwei dazu verzehrten Brötchenhälften reichten ihnen nicht.

Weil Anne Will eine Talkshow leitet und nicht im Tatort ermittelt, hielt sie die Spannung nicht bis zum Schluss, sondern verkündete gleich zu Beginn: Der Chef der Bullettenesserin hatte sich besonnen, der Bauverband Westfalen zieht die Kündigung zurück und will sich mit der Dame anderweitig einigen. Man sei "juristisch nicht gut beraten" worden.

Das hinderte Norbert Blüm nicht daran, das Vorgehen des Arbeitgebers ("dem Mann fehlt's an Anstand") als "Teil einer Welle" zu charakterisieren: "Arbeitnehmer werden behandelt wie Ersatzteile." Und Däubler-Gmelin: "Mit der Rechtstreue bei Managern haben wir ein größeres Problem."

Das wollte Michael Rogowski nicht so stehen lassen. Der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und Aufsichtsratschef des Maschinenbauers Voith AG behauptete, 80, ja 90 Prozent der Arbeitnehmer seien glücklich in ihren Jobs. Psychologe Hesse wäre kein Psychologe, hätte er nicht mit einer Studie kontern können: 86 Prozent der Arbeitnehmer seien gar nicht glücklich, 23 Prozent fänden ihren Chef ganz schrecklich.

Cornelia Kausch, Chefin des Hotels Berlin am Lützowplatz, findet sich gar nicht schrecklich; für sie ist Unternehmenskultur vor allem ein Regelwerk, an das sich jeder zu halten hat. In ihrer Branche gehe es um Vertrauen, da dürfe der Wert eines gestohlenen Gegenstandes keine Rolle spielen, schon gar nicht, wenn ein Gast den Diebstahl melde. Sie sagte aber auch, zu den Regeln gehöre es, mit dem Mitarbeiter erstmal zu sprechen und nicht beim ersten Vorfall zu kündigen.

Da war sie sich einig mit Däubler-Gmelin, die auf das probate Mittel der Abmahnung verwies. Das Instrument der Verdachtskündigung im Arbeitsrecht bekam zwar immer mal wieder einen Schubs, eingehend besprochen wurde es nicht: Wie lässt es sich eigentlich juristisch rechtfertigen, dass Arbeitgeber auf eine bloße Vermutung hin kündigen können? Im Frikadellenfall allerdings hatte die Übeltäterin gestanden.

Anders als "Emmely", die angebliche Pfandbondiebin. Auf dem Willeschen Sofa saß Tobias Tuchlenski, Regionalmanager von Kaiser's Tengelmann für Berlin, ehemaliger Arbeitgeber der Kassiererin. Er beharrte, was Wunder, auf der Rechtmäßigkeit der Kündigung. Es gelang ihm sogar, die Position des Unternehmens glaubwürdig zu vertreten - und der Eindruck blieb hängen, dass der Fall nicht ganz mit dem Fleischklopsmundraub zu vergleichen ist.

Schnitt, Einspielfilm über Verluste durch diebische Beschäftigte. Ganz schlimm, hat eine Firma herausgefunden, die Unternehmen Schutz vor diebischen Beschäftigten verkauft. Überraschung.

Und wie war das nun mit dem kalten Wind, der laut Blüm durch die Arbeitswelt weht? Viele Unternehmen "haben nix anderes im Hirn als den kurzfristigen Gewinn an der Börse", sagte der CDU-Arbeiterversteher. Prekäre Arbeitsverhältnisse und häufig wechselnde Manager führten zu schwachen Bindungen an den Arbeitgeber - implizit also auch hier: ein zerrüttetes Arbeitsverhältnis.

Rogowski verwies auf den Mittelstand und seine guten Kaufmannstraditionen, verdammte Firmen, die ihre Manager öfter wechseln als die ihre Maßhemden, verurteilte auch Spitzeleien wie bei Bahn und Telekom und ließ wissen, er kaufe nie bei Lidl. Er behauptete auch, die deutschen Unternehmen gingen verantwortungsvoll um mit dem Abbau von Beschäftigung in einer Krise, für die die meisten nichts können, denn es handele sich ja um eine Weltwirtschaftskrise.

An dieser Stelle hätte Anne daran erinnern können, dass Rogowski im Aufsichtsrat der IKB saß, jener Bank, an deren Beinahe-Pleite wegen verschärften Zockens die staatliche Ex-Mutter KfW immer noch schwer zu knabbern hat. Oder daran, dass Rogowski als Berater für heuschreckenartige Finanzinvestoren wie die Carlyle Group gearbeitet hat.

Stattdessen fragte Will nach den schwarz-gelben Koalitionsplänen, den Kündigungsschutz zu lockern. Rogowski findet sie gut. Hotelmanagerin Kausch, allem Anschein nach keine, die mit dem Betriebsrat mehr kuschelt als nötig, hält sie für überflüssig: Geltendes Arbeitsrecht und Probezeiten reichten durchaus. Und schon war die Sendung zu Ende, vieles angesprochen, wenig vertieft. Gnadenlose Medienwelt.

Autor:  Volker Schmidt
Datum:  12 | 10 | 2009
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