Mal was Neues: Anne Will als Croupière am Spieltisch der Spekulationen. Die Euro-Krise, besonders eine drohende Inflation im Euro-Raum stand im Mittelpunkt der gestrigen Diskussion, die eindrücklich das Wirrwarr vorherrschender Ängste und Meinungen, aber auch schizophrener Konstellationen spiegelte.
Claus Vogt, Chefanalyst der Quirin-Bank, ist davon überzeugt, dass binnen einem Jahrzehnt der Euro nur noch die Hälfte wert sein wird. Seine Überzeugungen hat er in seinem Buch "Die Inflationsfalle" ausführlich dargestellt. Die Voraussetzung sei "beliebig vermehrbares, ungedecktes Geld" auf dem Markt (weil die EZB dazu übergegangen ist griechische Staatsanleihen aufzukaufen).
Wer genauer hinhörte, bemerkte, dass Vogt in Wahrheit über eine langfristige Entwicklung nachdachte: Die Inflationsgefahr bestehe seit dem Ende von Bretton-Woods, dem System fester Wechselkurse nach dem Zweiten Weltkrieg. Leitwährung war der US-Dollar, der üppigen Goldreserven im Land gedeckt war. Doch keiner der Anwesenden nahm sich die Zeit, die Frage zu stellen, ob man nach 40 Jahren Inflationsfalle von einem akuten Problem sprechen könne. Zeit ist heutzutage nicht nur aufgrund begrenzter Sendezeiten knapp. Sie ist es bekanntlich auch deshalb, weil die Finanzmärkte die Nationalökonomien in ihrem Tempo vor sich hertreiben.
Gabor Steingart, Chefredakteur des Handelsblatts, sagte, eine Voraussage über eine Inflation in der jetzigen Situation zu treffen, trage religiöse Züge. Nur den Hinweis auf die Möglichkeit ließ er gelten. Und SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi empfahl mehr Sachverstand in der Debatte, Vogt würde unnötig Hysterie schüren. Will ging sogar soweit, Vogt zu fragen, ob er nicht etwas davon habe, Spekulationen um eine mögliche Inflation vor einem Millionenpublikum anzuheizen. Habe er nicht in Gold angelegt? Er würde also direkt von einem Anstieg des Goldpreises im Falle einer Inflation profitieren.
Keine Antwort. Interessant war ja auch eher die Konstellation: In der aktuellen Debatte zählen nur noch kurzfristige Ziele. Außerdem ist sie von einer kolossalen Verunsicherung geprägt. Dass Worte wie Hysterie und eventueller Eigennutzen ins Feld geführt werden, hängt mit dem Misstrauen zusammen, das die fragwürdige Integrität eines Mannes wie Josef Ackermann zu schüren vermocht hat.
Ackermann macht die Runde
Nachdem er den Bankenrettungsschirm mit entworfen hatte, um hinterher hinauszuposaunen, es werde sich nicht die Blöße geben, ihn in Anspruch zu nehmen, ging der Politik auf, dass zum Terror der Spekulation auch eine Stimmungsmanipulation durch mächtige Banker gehört. Nun hat Ackermann erneut zugeschlagen, als er bei Maybrit Illner im ZDF verlautbaren ließ, er zweifle daran, dass Griechenland in der Lage sein werde, seine Schulden zurückzuzahlen.
Doch welche Absicht Ackermann mit einer solchen Aussage verfolgen könnte, ist wohl nicht ganz klar. Von Dohnanyi war der Meinung, Ackermann könne nichts anderes sagen, weil wenn die Leute wie verrückt griechische Staatsanleihen kauften und hinterher ihr Geld verlören, dann könnten sie die Deutsche Bank verklagen. Von Dohnanyi setzt sowieso auf einen kühlen Kopf und Vertrauen in die Stabilisierungsversuche der EU.
Renate Künast von den Grünen war ganz anderer Meinung. Pampig, wie es ihre Art ist, bellte sie in die Runde, Ackermann sei nicht in der Lage für fünf Minuten den Mund zu halten. Damit verwies sie abermals auf das Zeitproblem. Denn, dass weder die Griechenlandhilfe, noch der exorbitante Euro-Rettungsschirm alleine die Probleme lösen werden, darüber herrschte bei Anne Will Einigkeit.
Sogar Otto Fricke von der FDP sprach vom Sparen, zur hämischen Freude von Renate Künast: "Gestern wollten Sie noch Steuern senken." Baumgart warf ein, man brauche jedoch auch Wachstum, Investitionen in die Wirtschaft. Die Spardiskussion sei sehr deutsch. Nur von einer Regulierung des Finanzmarktes war weiterhin nur spärlich die Rede. Lediglich Renate Künast machte immer wieder Vorstöße, man müsse doch den Zockern Geld abknöpfen und so.
Künast und Fricke wirkten seltsam unsicher und nicht eben meinungsstark, was die momentane finanzpolitische Situation anbelangt. Und da soll man glauben, die Politik werde in der Lage sein, wie von allen Seiten gefordert, das Ruder rumzureißen? Wie soll sie sich dazu die Zeit verschaffen, wenn es ihr noch nicht einmal gelingt, den Ackermännern auch nur für fünf Minuten den Mund zu verbieten.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.