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TV-Kritik "Beckmann": Bilder wie aus Guantanamo

Alte Menschen werden in Pflegeheimen oft misshandelt. Bei Beckmann sitzen zwei Pflegerinnen, die das anprangern. Doch Gesundheitsmininister Rösler sagt: Irgendwann ist das Geld halt aus. Von Arno Widmann

Reinhold Beckmann moderiert seit 1999 die nach ihm benannte Talk-Show in der ARD.
Reinhold Beckmann moderiert seit 1999 die nach ihm benannte Talk-Show in der ARD.
Foto: dpa

Es ging ums Alter, um Pflege und Gesundheit. Der Gesundheitsminister war da, ein Pflegeexperte, zwei Altenpflegerinnen, die die ungeheuerlichen Zustände, in dem Heim, in dem sie arbeiteten, aufgedeckt haben, ein Mann, der seit 12 Jahren seine Mutter pflegt, die Gattin von Johannes Heesters und nur kurz als Zuschaltung ein Gesundheitsexperte.

Es gab einen ersten Höhepunkt. Als der Pflegeexperte Claus Fussek erklärte, wie verheerend die Situation in vielen Pflegeheimen ist und als er dann sagte: Da gehen Angehörige hin, Ärzte, Pfleger, Reinigungspersonal, Elektriker. Sie sehen, was dort passiert. Sie erzählen es weiter. Und nichts geschieht. Niemand macht etwas. Nicht Niemand. Aber viel zu selten macht jemand etwas. Wir sind Zuschauer.

Dabei sind es doch unsere Eltern, unsere Großeltern, die in diesen Heimen misshandelt werden. Kämen die Bilder, die wir zeigen könnten, aus Guantanamo, mit ihnen würden die Nachrichten der Tagesschau eröffnet werden. Aber die schweren Menschenrechtsverletzungen in Altersheimen interessieren uns nicht. Die Würde des Menschen ist altersabhängig.

Die beiden fränkischen Pflegerinnen hatten die Zustände in dem Heim, in dem sie arbeiteten protokolliert, fotografiert und gefilmt. Mit diesem Material gingen sie zur Leitung und als die nichts davon wissen wollte, gingen sie zur Polizei, als die nichts unternahm, gingen sie zur Presse. Sie gaben nicht nach. Sie sorgten dafür, dass die Behörden sich mit diesem Heim beschäftigen mussten. Im Heim hat sich nicht viel verändert, aber ein klein wenig doch und wir - die Öffentlichkeit - wurden wieder einmal daran gehindert wegzuschauen.

Das haben diese beiden Frauen zu Stande gebracht. Sie sind keine Enthüllungsjournalisten, sie haben keine Wochenendseminare absolviert, in denen ihnen beigebracht wurde, wie sie selbstbewusst auftreten und sie wissen wahrscheinlich auch nicht so schön eine power-point-präsentation darzubieten, wie das mittlere Management das kann, aber sie haben uns weitergebracht als mir das - und vielen meiner Kollegen - jemals in meinem Leben geglückt ist.

Stefan Krastel war 31 Jahre alt, als er beschloss seine Mutter nach einem Schlaganfall zu pflegen. Das macht er inzwischen 12 Jahre. Tag für Tag 24 Stunden lang. Das Geld seiner Mutter ist weg, sein eigenes auch. Er möchte seine Mutter nicht in ein Heim geben. Er hat das Gefühl, dass er dazu kein Recht hat. Er muss sich selbst um sie kümmern. Stefan Krastel missioniert nicht. Er verlangt nicht, dass andere das auch tun sollen. Aber er versteht nicht, warum der Staat seinen Einsatz nicht besser bezahlt. "Wenn ich meine Mutter in ein Heim gäbe, wäre das Geld da!" sagt er und schüttelt den Kopf.

Der Minister Philipp Rösler (FDP), der bis dahin vor allem das Kinn reckte und sagte: ich schaffe das, weiß nun vor allem eines: "Irgendwann ist das Geld zu Ende. Da kann man nichts machen." Das ruft Claus Fussek wieder auf den Plan: "So reden Sie doch nicht zu den Vertretern der Pharma-Industrie, so haben sie nicht zu den Banken geredet! So reden Sie nur zu den Alten." Es war ein großer Augenblick. Dem Minister wurde klargemacht, dass in dieser Situation "irgendwann ist das Geld zu Ende" zu sagen, so viel heißt wie: Lasst sie doch verrecken.

Autor:  Arno Widmann
Datum:  2 | 2 | 2010
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