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15. Oktober 2014

TV-Kritik: Der Kapitalismus: Interkontinentale filmische Bildungsreise

 Von Harald Keller
Über das Wesen des Kapitalismus klärt Arte in einem Themenschwerpunkt auf.  Foto: Arte

Der Kultursender Arte widmet noch bis Anfang November einen Themenschwerpunkt der Frage: „Kapitalismus, quo vadis?“ Um zunächst das Wesen des Kapitalismus zu ergründen, liefert die sechsteilige Reihe „Der Kapitalismus“ einen vorzüglichen Einstieg.

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In Edinburgh zeigt ein Denkmal den Philosophen und Ökonomen Adam Smith in staatsmännischer Pose. An seinem Grab treffen die Filmautoren eine Gruppe chinesischer Studenten, die sich hier gegenseitig fotografieren und davon berichten, wie sehr dieser Schotte in ihrem Heimatland verehrt wird. Nicht nur dort.

Der Mann mit dem unscheinbaren Namen trat 1776 mit der Forderung nach einem ungehinderten Handel hervor, niedergeschrieben in dem Buch „Der Wohlstand der Nationen“, einer Art kapitalistischem Manifest, nach noch immer kursierender Meinung ein Grundlagenwerk der modernen Wirtschaftsordnung.

Die Autoren David Nadjari, Bruno Nahon und Ilan Ziv nehmen diese Behauptung nicht so ohne weiteres hin. Sie blenden zurück, rekapitulieren das politische Geschehen zu Lebzeiten Smiths und dessen direkte und indirekte Einflüsse, bis hin zum fernöstlichen Weisen Konfuzius. Die Begegnung mit François Quesnay darf nicht fehlen, einem Arzt, der, wie man annimmt, seine Kenntnisse des menschlichen Blutkreislaufs auf die Ökonomie übertrug und mit diesem Modell einer zirkularen Volkswirtschaft für Furore sorgte.

An dieser Stelle ist schon deutlich, dass Smith nicht allein aus eigener Forschung, Beobachtung und Analyse schöpfte. Aber die Fragestellung des Filmteams reicht weiter: Formulierte Smith eine Art Leitfaden, aus dem die kapitalistische Wirtschaftsweise hervorging, oder gab es die Grundformen des Kapitalismus bereits, und Smith fasste, als gelernter Philosoph, nur in abstrakter Form zusammen, was längst zumindest Teile des wirtschaftlichen Lebens bestimmte?

Sinnliche und spannende Auflösung

Klingt trocken akademisch, findet aber zumindest in der Auftaktfolge der sechsteiligen Reihe eine sinnliche und auch spannende Auflösung. Grafiken, Projektionen, alte Gemälde, Stiche, Zeichnungen illustrieren das Gesagte, Segelschiffe erscheinen am Horizont, es gibt auch mal Kanonendonner und sogar dezent ironisches Spiel mit der Form der professoralen Vorlesung.

Die in jeder Hinsicht abwechslungsreiche Bildungsreise führt durch mehrere Jahrhunderte und über vier Kontinente: Europa, Asien, Amerika, Afrika. Einzelne, teils bekannte Sachverhalte – die Eroberung der Neuen Welt, der Sklavenhandel, Chinas anfängliche Überlegenheit auf den Weltmeeren – werden klug miteinander verknüpft. Kein reiner datengesättigter Geschichtsunterricht, sondern leicht nachvollziehbar und unverzichtbare Basis für das Verständnis der heute noch geltenden Wirtschaftsordnung.

Nebenbei erzielen die Autoren einen gewissen Aha-Effekt. Sie arbeiten, wie häufig bei derartigen Dokumentationen – vor allem das angelsächsische Publikum wünscht diese Form – mit zahlreichen Statements renommierter Wissenschaftler. Aber anders als andere Filmemacher stellt diese Crew die Methode an einem Beispiel in Frage: Viele Wirtschaftshistoriker berichten noch immer von archaischen Gemeinschaften, deren Wirtschaft vom Tauschhandel geprägt gewesen sein soll.

Anthropologen halten dem entgegen: Solche Gemeinschaften habe es nie gegeben. Dieser Vorgang besagt natürlich auch: Die alleinige Reihung von Expertenaussagen führt noch lange nicht zur zutreffenden Aussage – es braucht schon auch Sachkenntnis und den offenen, von vorgefassten Meinungen ungetrübten Recherchewillen eines Dokumentarfilmers (oder Journalisten), mithin einen gesunden Widerspruchsgeist. Eine wichtige Aussage, die hier ganz beiläufig und ohne Zeigefinger verabreicht wird.

Wdh.: „Der Kapitalismus“, Donnerstag, 16.10., 8.55 Uhr, Arte

 

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