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26. Mai 2014

TV-Kritik "Die Vatikanverschwörung": Hinter kirchlichen Kulissen

 Von Harald Keller
Der Vatikan hat schon vielfach die Fantasie von Buchautoren und Regisseuren angeregt. Jenseits von Verschwörungstheorien bemüht sich Filmautor Thomas um Aufklärung.  Foto: dpa

Die Abgeschlossenheit des Vatikans hat vielfach Fantasien von Schriftstellern und Verschwörungstheoretikern angestachelt und allerlei Mythen hervorgebracht. In einer internationalen Koproduktion bemüht sich der Filmautor Antony Thomas um Aufklärung.

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Von „Hudson Hawk“ über „Die Päpstin“ bis „Illuminati“ – ob Roman oder Kino, der Vatikan-Thriller bildet ein eigenes Subgenre der Unterhaltungserzählung. Der in Rom gelegene traditionsreiche katholische Stadtstaat ist ein gegen Einblicke von außen abgeschottetes Gebilde. Wo immer aber Geheimniskrämerei betrieben wird, bleibt viel Raum für Spekulationen.

Im Vatikan wird über die Ausrichtung der Kirche entschieden, werden theologische Fragen erörtert, aber auch praktische Dinge beschlossen und umgesetzt. Für finanzielle Angelegenheiten ist die Vatikanbank zuständig, deren amtlicher Name „Institut für die religiösen Werke“ lautet. Ein Institut, das wegen seines zwielichtigen Geschäftsgebarens unter Beobachtung der italienischen Finanzpolizei und anderer Aufsichtsbehörden steht.

Ende der Vertuschungsaktionen

Schwarzgeld, Geldwäsche, Profitgier – der britische Dokumentarfilmer Antony Thomas hat vielerlei Vorwürfe gegen die Vatikanbank zusammentragen können. Nicht der einzige Skandal, der sich dem Vatikan nachweisen lässt. Thomas nimmt den Amtsantritt des deutschstämmigen Papstes Benedikt XVI. und dessen Rücktritt als zeitliche Klammer für seine Ausführungen.

Sendetermin

„Die Story im Ersten: Die Vatikanverschwörung“, Montag, 26.5., 22.45 Uhr, Das Erste.

Als Kardinal Joseph Ratzinger 2005 zum Papst gewählt wurde und unter dem Namen Benedikt sein Pontifikat antrat, wurde die katholische Kirche bereits von heftigen Krisen geschüttelt. Die zahllosen Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs gegen katholische Priester in aller Welt konnten nicht länger, wie es lange Zeit üblich gewesen war, ignoriert und vertuscht werden.

Ein gescheiterter Papst

Vor diesem Hintergrund sind auch Recherchen italienischer Journalisten zu sehen, die Ansichten der katholischen Glaubensführer zur Sexualität und insbesondere zur Homosexualität deren eigener Lebensweise gegenüberstellten und einen Ausbund an Heuchelei fanden. Homosexuelle Verbindungen innerhalb des Vatikans wurden bekannt, Priester gehören zu den Gästen der römischen Schwulenbars oder organisieren, wie heimlich aufgenommenes Filmmaterial belegt, selbst ausschweifende Partys. Woran wenig auszusetzen wäre, würde die Kirche nicht auf offizieller Seite ein solches Verhalten vehement geißeln und verdammen.

Kirchenkritiker vertreten die These, dass Benedikt XVI., der schon als Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation bestens mit den problematischen Verhältnissen im Vatikan vertraut war, zu schwach war, um, teils gegen mächtige und intrigante Gegenspieler, die nötigen Reformen durchzusetzen, und sich auch deshalb für den Rücktritt entschied. Der Film endet mit dem Amtsantritt von Papst Franziskus, der seine Aufgabe offenbar um einiges beherzter angeht als Benedikt. So wurden mittlerweile führende Mitarbeiter der skandalumwitterten Vatikanbank ausgetauscht, fragwürdige Konten aufgelöst.

Bilderbogen einer Skandalära

Antony Thomas‘ Dokumentation basiert mehrheitlich auf Recherchen anderer wie etwa des italienischen Reporters Carmelo Abbate oder des britischen Rom-Korrespondenten Robert Mickens. Die Journalisten geben vor der Kamera Auskunft über ihre Ermittlungen, Kirchenvertreter nehmen Stellung, auch Roms Oberstaatsanwalt und andere Kenner der Materie. Nachgestellte Szenen, die nicht als solche ausgewiesen werden, sollen geografische und personelle Nähe suggerieren. Zudem setzt der Autor in hohem Maße auf Oberflächenreize und eine Spannungsdramaturgie, um das Publikum zu gewinnen und zu halten. Verständnisfördernd ist diese Machart nicht.

In der Summe ergibt sich eine auf Massenappeal ausgelegte Kompilation ohne nennenswerte neuen Erkenntnisse, eine Art Bilderbogen über die Skandale der Benedikt-Ära. Eine nützliche Zusammenfassung für all jene, die dem Thema fernstehen und allenfalls die Schlagzeilen kennen, auf die der Untertitel der Sendung – „Sex, Intrigen und geheime Konten“ – publikumswirksam anspielt. Die Strukturen, die diese Skandale erst ermöglichen, das Klima im Vatikan bleiben unterbelichtet – als Hintergrunddokumentation lässt die 45-Minuten-Sendung, die immerhin unter Beteiligung renommierter Auftraggeber wie der nichtkommerziellen Bostoner TV-Station WGBH und des britischen Senders Channel 4 entstand, noch deutlich zu wünschen übrig.

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