Natürlich könnte man sich hinstellen und greinen, weil dieses Fernsehformat so spät nachts ausgestrahlt wird. Andererseits hat das gerade seinen Reiz. Wenn alles schläft, hat man das Gefühl, dass man endlich ungehindert denken kann, was man will. Arte sendet nach Mitternacht die Reihe "Durch die Nacht mit...".
Diesmal waren es Daniel Pinchbeck ("Breaking Open the Head", "2012, The Return of Quetzalcoatl"), den das Rolling-Stone-Magazine als den neuen Drogen-Guru unserer Zeit feiert, und der chilenische Filmemacher, der selbst ernannte Schamane und Tarot-Meister Alejandro Jodorowsky. Anfang der Siebziger drehte er den mystischen Western "El Topo" und den Alchemisten-Film "Der Heilige Berg".
Doch so durchgeknallt ist Pinchbeck überhaupt nicht. Enttäuschend und amüsant zugleich. Er ist jedenfalls kein Kalifornien-Naturbursche-Superhippie (die von der Art, die glauben, sie seien besonders originell, wenn sie eine Frau indischer Herkunft in ein indisches Restaurant einladen und sie über Indianermedizin vollquatschen). Er ist New Yorker. Das heißt, selbst auf dem Bewusstseins-Erweiterungstripp noch gewinn- und erfolgsorientiert. Fast gierig erwartet er, dem "Meister" Jodorowsky Lebensweisheiten aus den Eingeweiden saugen zu können.
Molekularstruktur der geknickten Getreidehalme
Doch dann wird man Zeuge eines sehr einfachen Gesprächs über fundamentale Dinge: Zunächst fühlt der 76-Jährige dem 43-Jährigen mit einer Frage auf den spirituellen Zahn. Es geht um Kornkreise, und Jodorowsky will von Pinchbeck wissen, ob dieser ernsthaft an Außerirdische glaubt. Tut Pinchbeck - es sei erwiesen, dass sich die Molekularstruktur des geknickten Getreides verändert hätte.
"Montana sacre", Alejandro Jodorowsky, 1973
Jodorowsky lacht und schlägt Pinchbeck vor, es könnten doch auch mutierte Menschen sein, die sie herstellten. Dann fragt er nur noch Basics ab: Ob Pinchbeck seine Freundin liebt, wie oft er ihr Blumen schenkt. Er klärt ihn darüber auf, dass die Frau des Lebens zu finden, nichts mit Monogamie zu tun hat, sondern mit Erfüllung.
Das ist das Beste an diesem Gespräch, zwei Männer, die sich frei über ihre Entwicklung austauschen. Der eine noch regiert von einem überbordenden, wenngleich sympathischen Männerego, der andere vom Wunsch beseelt, es zu überkommen. J. sagt es P. nie direkt und man kann sich leicht vorstellen, dass P. lange nicht verstehen wird, was J. gemeint hat: "Du musst noch 20 Jahre leben, dann wirst du verstehen." Man müsse seine Vergangenheit loslassen, sagt Jodorowsky. Pinchbeck: "Darauf bin ich auch schon gekommen, aber ich frage mich, wie ich es machen soll?"
Interview mit Daniel Pinchbeck über seine Endzeit-Prophezeihung "2012"
Dann packt Jodorowsky seine Tarotkarten aus, ich bin aufgeregt. Die schönsten, die ich je gesehen habe. Nachher lese ich bei Wikipedia, dass J. das ursprüngliche Tarot de Marseille rekonstruiert hat. Auch hier: Pinchbeck will wissen, wie er eine glückliche Beziehung führen kann. Antwort: Er muss seine Mutter-Imago überwinden.
Wir erinnern uns, Freud, Mutter, Ödipusphase, unbewusstes Idealbild der Frau. Oder auch Jung: kollektives Urbild Mutter. Bei Pinchbeck ist es die starke Mutter, die gleichzeitig den Vater mit verkörpert (weil der sich in seiner Rolle verweigert hat, gähn). Er will frei sein von ihr. Jodorowsy rät ihm ein Kleidungsstück des verstorbenen Vaters anzulegen und mit der aktuellen Freundin zu schlafen, während diese Kleider der Mutter trägt.
Nicht mal Inzest
Das wäre noch nicht einmal Inzest, J. hielte es für wirkungsvoll, doch P. kann es sich nicht vorstellen. Sehr beschränkt, die neue psychedelische Elite.
Männer und ihre Mütter, wir ahnten es schon immer. Wir haben es am Ehemann, am Bruder und bei den Geliebten immer wieder beobachten können. Mein Vater ist um den halben Globus geflohen, um seiner Mutter zu entkommen. Doch dann war sein Erstgeborenes ein Mädchen, am gleichen Tag geboren wie sie und vom gleichen Wesen mit ihr wie telepathisch verbunden. So ein Pech. Für alle beide.
Und was für ein Glück, dass das Leben und das Fernsehen nicht nur aus diesem restlos aus den Fugen geratenen Effizienzstreben besteht. Ich kann das Wort Steuersenkung nicht mehr hören. Ich glaube auch nicht daran, weil ich keine Lust habe. Nachts um zwei glaube ich lieber an Telepathie und Gespräche, in denen es um nichts geht, als mit einem andern Menschen zusammen die Zeit verstreichen zu sehen.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.