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TV-Kritik
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01. Oktober 2014

TV-Kritik: Ein Fall fürs All: Satirischer Schiffbruch

 Von 
Urban Priol und Alfons  Foto:  ZDF/ Klaus Weddig

Urban Priol darf als Raumfahrer mit "Ein Fall fürs All" weitermachen im ZDF. Nun hat sich der Aschaffenburger Kabarettist den Franzosen Alfons als Partner gesucht.

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Der Mainzer Lerchenberg droht noch zur Heimstatt des deutschen Kabaretts zu werden. Seit Urban Priol und Georg Schramm im ZDF die „Anstalt“ eröffneten, jagt eine Satiresendung dort die nächste. Priols zweiter Partner Frank Markus Barwasser hält sich als „Pelzig“, Oliver Welke wandelt leider etwas zu witzisch auf den Pfaden von Jon Stewarts „Daily Show“ mit seiner „heute Show“, unter Vorsitz von Wigald Boning tagt das bemüht komische Parlament „Vier sind das Volk“, und nur Claus von Wagner und Max Uthoff zeigen den Kollegen, was eine satirische Harke ist.

Selbst wenn sie lärmend überziehen wie in ihrer jüngsten Ausgabe zum Thema Krieg, so unterfüttern sie doch allen Klamauk mit Fakten, die mitunter das Lachen im Halse stecken bleiben lassen. Oder den Aufschrei Getroffener zur Folge haben wie im Falle von Josef Joffe, der noch immer als seriöser Journalist der „Zeit“ gilt, obwohl ihm Uthoff und von Wagner einige Wahrheiten unter die Nase gerieben haben. Die Autoren des Duos zeichnen sich durch gründliche Recherche aus. Der Geschichtsunterricht in der Sendung am 23. September war schon politisches Kabarett, wie es sein sollte.

Das ist umso nötiger, als die ARD den Anschluss komplett verschlafen hat und nur mehr den etwas selbstzufriedenen Dieter Nuhr und den noch selbstzufriedeneren Matthias Richling aufbieten kann, der noch jeden Skandal, der Anlass zur Empörung böte, unter seiner schwäbelnden Hysterie erstickt. Schmerzlich erinnert man sich an die Zeiten von Dieter Hildebrandts „Scheibenwischer“. Immerhin soll jetzt noch „Extra drei“ als Nachfolge für Reinhold Beckmann ins Erste.

Im Zweiten aber darf sich nun wieder Urban Priol produzieren, und die Eitelkeit, die er in der „Anstalt“ schon im Übermaß gezeigt hatte – er gibt sich ihr immer noch hin. Zusammen mit Emmanuel Peterfalvi alias Alfons gibt Priol nun einen Raumfahrer, der auf die Erde gekommen ist, um sie zu retten. Die Dekoration verrät Größenwahn, die Qualität der Scherze eher Kleinmut. Der Blick auf den Planeten bietet selbstredend die Möglichkeit zum kabarettistischen Rundumschlag, zur Satire reicht es allerdings nicht.

"Marienkult" um Merkel?

Erwartungsgemäß lässt Priol nicht von seinen Predigten gegen die Kanzlerin, die er als Zentrum eines „Marienkults“ wähnt – ein schiefes Bild. Besser geraten sind Beleidigungen dreier Politiker: Ursula von der Leyen als „letzte Blendgranate“ der Regierung, Alexander Dobrindt als „mentaler Einzeller“ und Günther Oettinger als „Flachbildschirm“. Dass aber die Herkunft Alfons’ tatsächlich genutzt wird, abgestandene Witzchen über die Franzosen abzuspulen, ist schon peinlich, wird aber von der Erwähnung eines Zielgeräts für Männer-Pissoirs noch unterboten.

Das ist Anlass für Christine Prayon, über das „Nudging“, das Schubsen, zu räsonieren und zu dem Schluss zu kommen: „Wer in der Demokratie zu oft geschubst wird, der wacht in der Diktatur auf.“ Oh je... Als hätte nicht Hans Magnus Enzensberger aus Anlass der NSA-Skandals längst die endgültige Feststellung getroffen, dass wir in postdemokratischen Zeiten leben.

Aber den echten Schiffbruch erleidet Raumfahrer Priol dann mit seinen Elogen auf die mangels Ausrüstung unfähig gewordene Bundeswehr als Friedensbewegung. Ein Kabarettist von seinem Rang sollte doch wenigstens reflektieren, dass die Regierenden uns da einen großen Bären aufbinden, indem sie ausgerechnet jetzt von all den Mängeln beim Material des Militärs berichten. Schließlich müssen die Kriegsteilnahme der Bundesrepublik ideologisch und praktisch begründet und das künftige Steigen von Militärhaushalt und Rüstungsexporten vorbereitet werden. Wer offiziellen Verlautbarungen so auf den Leim geht, der verdient vielleicht einen Job als Regierungsclown, aber keine eigene Kabarettsendung.

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