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TV-Kritik

20. November 2012

TV-Kritik „Hart aber Fair“: Sterben und Sterbenlassen

 Von Felix Brumm
Frank Plasberg Foto: dapd

Auch „Hart aber Fair“ beschäftigt sich in der aktuellen ARD-Themenwoche mit dem Tod. Besonders spannend wird das, wenn ein Sterbehelfer auf einen Kapuzinermönch trifft.

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Es war ein schöner Tag, als Frau Bolinger starb. Der Föhn trug warme Luft in die Stadt. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn stieg sie noch einmal auf den alten Hausberg: ein letzter Blick über ihr Leben. Sie gingen gut essen, und dann nach Hause. Ein letzter Wein noch, dann starb Frau Bolinger, die an Alzheimer litt, durch ein Sterbemittel. Sie selbst hatte es so gewollt und lange vorher verfügt. Den erlösenden Tod im Familienkreis begleiteten zwei Sterbehelferinnen. Ihr Mann, Walter Bolinger, sagt an diesem Abend bei „Hart aber fair“: „Es war traurig, aber trotzdem gut.“

Die Geschichte von Frau Bolinger spielt in der Schweiz. Warum sie nicht in Deutschland spielen kann, ist eine der Fragen, die die ARD in ihrer Themenwoche „Leben mit dem Tod“ zu erörtern versucht. Bei Günther Jauch ging es am Sonntag bereits um das Leben mit einer unheilbaren Krankheit. Und vor Frank Plasbergs Sendung am Montag lief „Sie bringen den Tod“ – ein Film über Sterbehelfer in Deutschland.

Bruder Paulus wird „eiskalt“

Wenn Herr Bolinger vom Tod seiner Frau erzählt, wird Bruder Paulus „eiskalt“ unter seiner Kutte. Der Kapuzinermönch und frühere Krankenhaus-Seelsorger ist überzeugt, dass man mit etwas Zuwendung selbst in Sterbenskranken ungeahnte Lebenskräfte wach rufen kann. „Warum haben sie ihrer Frau nicht die Pulsadern aufgeschnitten?“, fragt er Bolinger. „Sie waren es offensichtlich nicht wert, dass ihre Frau ihnen zuhört“. Er spricht von Giftbechern und Stimmen des Herzens. Bolinger hingegen spricht vom Sterben in Ruhe und Menschen mit starkem Unabhängigkeitsdrang.

Können glückliche, gestandene Menschen überhaupt diejenigen verstehen, die sterben wollen? Und viel wichtiger: Sollten sie darüber entscheiden, wann die Kranken sterben dürfen? Die Mehrheit der Deutschen stirbt in Krankenhäusern und Heimen, und nicht im Familienkreis, wie die meisten es sich wünschen. Wer sein Leben lang frei war, möchte vielleicht ebenso frei entscheiden, wann das alles vorbei ist. Dass die Deutschen keine Betreuung bis zum bitteren Ende wünschen belegt zumindest ein Umfrage im Auftrag von „Hart aber fair“: Ihr zufolge sagen 76% der Deutschen, dass es Ärzten erlaubt sein sollte, beim Suizid zu helfen.

Einer, der das wirklich tut, ist Uwe-Christian Arnold – seit 15 Jahren. Er begreift das als „Akt der Menschlichkeit“. Dabei bewegt er sich immer noch in einer Grauzone. Bruder Paulus‘ Kommentare ( „Sie bringen das Unheil zu den Menschen“) winkt er seufzend ab. „Jeder hat seine eigene Ethik“, findet er. „Ich bin nicht der Meinung, dass ich Schmerzen, Leid und unwürdige Umstände ertragen muss.“

Das Online-Gästebuch kollabiert

Die übrigen Gäste sind da skeptischer. Henning Scherf, SPD-Politiker und Bremer Ex-Bürgermeister wünscht sich keine weitere juristische Regelung für diese Grenzfrage. Er hält es vielmehr für gefährlich, das Lebensunwerte zum politischen Thema zu machen und verweist auf die Euthanasie: „Wenn wir nicht aufpassen, rutschen wir da ganz langsam wieder hin.“

Die Palliativmedizinerin Barbara Schubert hat etliche Menschen beim Sterben betreut. Beim Sterben helfen will sie jedoch nicht. Das Sterben sei eine Ausnahmesituation im Leben eines Menschen. „Zu respektieren, dass das Leid einen Platz im Leben hat, ist, wie ich finde, eine sehr wichtige Erfahrung“, sagt sie. Es mag starke Menschen wie Frau Bolinger geben. Doch Schubert ist überzeugt, dass die meisten Menschen sehr schwach sind. Sie sollten in schwerer Krankheit nicht das Gefühl bekommen, gehen zu müssen.

Wie wichtig es ist, dass die ARD sich diesem Thema widmet, zeigt sich nach der Sendung im Internet: Um 23 Uhr, keine Stunde nachdem „Hart aber fair“ zu Ende ist, muss die Redaktion ihr Online-Gästebuch „wegen des außergewöhnlich großen Aufkommens“ schließen.

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