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14. Juli 2014

TV-Kritik: Im Visier der Hacker: Wenn ein Schiff über Land fährt

 Von 
Fatal: Durchaus ist es möglich, sich in das Navigationssystem eines Schiffes einzuhacken.  Foto: NDR/Uni Austin

ARD-Reporter Klaus Scherer berichtet von den bisher zu wenig wahrgenommenen Schattenseiten der Elektronik in unserem Alltag.

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Bei der jüngsten Automobilmesse war sie das ganz große Ding: die Elektronik. Die Wagen der neuesten Generation sind nicht mehr bloß mit  Navi und Bordcomputer ausgestattet, ihre Innereien sind weitgehend elektronisch gesteuert, vom Fensterheber bis zum Einspritzmotor.  Aber so wie das Automobil selbst sich seit den gut 100 Jahren seines Bestehens vom Segen zum Fluch für die Menschheit zu entwickeln scheint (Ozon und andere Umweltbelastungen), so hat auch der Komfort seine Schattenseite, und die ist mit einem Wort zu benennen: Elektronik. Denn was immer irgendwie vernetzt ist, bietet auch die Möglichkeit, in dieses Netz einzugreifen – von außen. NDR-Reporter Klaus Scherer hat das Thema aufgegriffen und sich die Gefahren erklären lassen, denen die Steuerungssysteme von Autos, Flugzeugen, Schiffen ausgesetzt sind. Und wie jeder Computer, jedes Handy gehackt werden kann, so ist es auch möglich, sich in das System jedes Fahr- oder Flugzeugs, ja sogar in Herzschrittmacher einzuschleusen. Der ehemalige US-Vizepräsident Dick Cheney zum Beispiel hat sich seinen Herzschrittmacher gegen Hacks „imprägnieren“ lassen...

Aber es sind nicht nur einige Prominente, die sich gegen Bedrohungen durch Hacker wappnen. Der Telekom-Sicherheitschef erzählt Scherer, sein Unternehmen registriere 3000 Attacken in einer Stunde. Und als Einfallstor für die Überfälle im virtuellen Raum dient vor allem das Smartphone, längst zum Vademecum für Jedermann avanciert. Nur ist Jedermann zwar bewusst, dass er sein Handy oder seinen Laptop schützen muss, aber der brave Autofahrer denkt beim Start wohl kaum daran, dass er mit seinem Wagen auch einen Computer bedient, der von Kriminellen übernommen werden kann.

Das erzählt ihm auch die Autoindustrie nicht – im Gegenteil: Die lockt die potentiellen Käufer mit solch praktischen Features wie der elektronischen Einparkhilfe. Ein Audi-Ingenieur zeigt Scherer, wie weit das Unternehmen da schon ist: Er lässt einen Wagen ohne Fahrer selbstständig den Weg von der Schranke unten bis zur Parklücke im oberen Stockwerk eines Parkhauses finden und einparken. Und Audi ist auch eine der wenigen Firmen, die Scherer Auskunft über die Möglichkeiten des Hackings geben wollten. Daimler zum Beispiel schwieg ­– dabei ist eines ihrer Autos in den USA in einem tödlichen und nicht  aufgeklärten Unfall zerstört worden. Der Fahrer war der  Enthüllungsjournalist Michael Hastings, und der NDR-Reporter kann Experten interviewen, die meinen, der Unfall sei ein Mordfall – durch einen Hack ausgelöst.

Weniger dramatisch, dafür in der Darstellung spektakulär, ist Scherers Erfahrung mit einem Mittelmeer-Kreuzschiff, das infolge eines – offiziellen  – Hacks vom Kurs abwich: Todd Humphries von der Unversität Austin, Texas, konnte das Schiff von seiner Route abbringen, indem er die echten GPS-Daten, nach denen die Crew sich üblicherweise richtete, mit falschen „mischte“ und sie schließlich ganz eliminierte. Ein absurdes Schauspiel: Während die Yacht durch  den Isthmus von Korinth schippert, zeigt das Navigationsgerät auf der Brücke eine Fahrt über Land an...

Das Verfahren hat schon einen Namen: Spoofing. Und wären die somalischen Piraten nicht arme Fischer, sondern High-Tech-Esperten – die christliche Seefahrt hätte längst ein ernstes Problem. Die Schwachstelle seien die nicht verschlüsselten  Daten im zivilen Bereich, weiß Humphries. Und davon gibt es nun wahrlich mehr als genug. Scherer gelingt es, in seinem flott geschnittenen und optisch abwechslungsreichen Film, mögliche Bedrohungen unseres Alltags bis hin zum unerlaubten Öffnen eines Garagtentors ohne Dramatisierung zu schildern. Mit der reichen ARD im Rücken konnte er dafür die halbe Welt bereisen und Forscher an Universitäten befragen. Aber dass der Film auf das Problem aufmerksam macht, ist nicht sein geringstes Verdienst.

Im Visier der Hacker, ARD, Montag, 14. Juli, 22.50 Uhr.

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