Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

TV-Kritik
Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

26. Februar 2016

TV-Kritik: Maybrit Illner: „Schengen war eine Fata Morgana“

 Von 
Maybrit Illner zum Thema: „Koalition der Wenigen – Wer steht noch zu Merkel?“  Foto: imago/Metodi Popow

Maybrit Illner hatte einen ehemaligen und einen amtierenden Parteichef eingeladen, deren rhetorisches Dauerfeuer die anderen Gäste kaum zu Wort kommen ließ

Drucken per Mail

a#bigimage[0]

„Koalition der Wenigen – Wer steht noch zu Merkel?“ hatte sich Maybrit Illners Redaktion diesmal als Thema ausgedacht, aber da die Frage rasch beantwortet war – niemand außer Teilen der SPD – durfte sich die Runde anderen Themen zuwenden. Allerdings hatte man einen ehemaligen und einen amtierenden Parteichef eingeladen, und die machten aus der geplanten Debatte einen Doppel-Monolog mit  Zwischenbemerkungen anderer Gäste. Das wird die Gastgeberin geahnt haben, aber es war doch erstaunlich, wie lange sie die Herren extemporieren ließ.

Edmund Stoiber, ehemals Ministerpräsident in Bayern und seit einigen Jahren in Brüssel auf dem Altenteil, brach ein ums andere Mal leidenschaftlich eine Lanze für Europa.  Die Bindung an die EU sei ja sogar  im Grundgesetz verankert. Er warf Kanzlerin Merkel vor, sie stimme sich nicht ab, verfehle die Aufgabe, die Notwendigkeit gemeinsamen europäischen Handelns „woanders bewusst zu machen“.  Ihn treibe die Angst vor dem Erstarken der Rechtsparteien in der EU um.

Stoibers Kontrahent in der Runde, SPD-Chef Sigmar Gabriel, gab sich angesichts der Ausbrüche des CSU-Politikers um so staatsmännischer.  Es bestreite doch niemand die Notwendigkeit der Begrenzung der Zuwanderung; er sieht in festen Kontingenten die Lösung. Wie er das mit Merkels Kurs des Verzichts auf „Obergrenzen“ kompatibel machen will, wurde er nicht gefragt.

Aber er war auf der Seite der Kanzlerin, als es um die Schuldfrage ging: Wer verantwortlich sei für die Dimension der Einwanderung. Denn Ungarns Regierungschef Viktor Orban habe EU-Recht gebrochen, als er sich weigerte, auch nur einen Geflohenen ins Land zu lassen. Wenn Deutschland einen Fehler gemacht habe, dann den, die Bereitschaft  zur Solidarität der EU überschätzt zu haben. Von den 28 Staaten der EU nähmen 23 keine Vertriebenen auf.  „Schengen war doch eine Fata Morgana.“

Meistens zum Zuhören verdammt ob des Redeschwalls der Spitzenpolitiker, konnte Melissa Fleming, Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, doch immerhin darauf verweisen, dass Europa Deutschland im Stich gelassen habe. Sie war gerade auf Lesbos Augenzeugin des Elends der Tausenden – die sich nun, da die EU-Staaten die Grenzen schließen, andere Wege suchten.

Christoph Schwennicke, Chefredakteur des soeben vom Ringier  Verlag verkauften und schon seit längerem nach rechtsaußen abdriftenden Magazins „Cicero“, nahm das zum Anlass, Angela Merkel „Realitätsverweigerung“ zu unterstellen. Sie habe schließlich die „Einladung“ an die Fliehenden ausgesprochen. Er fragte allen Ernstes, ob die Kanzlerin sich zur Märtyrerin stilisieren wolle.

Es war an Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, auf  die Leistungsfähigkeit eines Staates wie Deutschland hinzuweisen und daran zu erinnern, dass der Anteil der Entwicklungshilfe am Staatshaushalt grotesk niedrig sei. Aber dieser Einwurf verhallte fast ungehört und wurde von Stoiber mit dem Hinweis abgeschmettert, wie viel Bayern und die Deutschen überhaupt schon für die Ankommenden täten.

Die Frage an Sigmar Gabriel, woher er die Hoffnung nehme, dass sich die Europäer doch noch zusammenrauften, beantwortete der zunächst mit dem Hinweis, dass ein Land wie Portugal jetzt zugestimmt habe, 10000 Menschen aufzunehmen („eine homöopathische Dosis“ höhnte da Schwennicke), und dass man die Außengrenzen sichern müsse.

Zur Sendung

„Maybrit Illner“, ZDF, Donnerstag, 25. Februar, 22.15 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

Die wiederholte Beschwörung Stoibers, dass die Kommunen nicht mehr Zuwanderer verkraften würden, konterte der Sozialdemokrat mit dem Hinweis, dass der Finanzminister, bekanntlich ein Christdemokrat, den Kommunen mehr Geld zukommen lassen müsse. Was Illner zur Frage veranlasste, ob Wolfgang Schäuble die schwarze Null abschaffen werde. Stoibers interessante Antwort: Es werde geschehen wie nach der Wiedervereinigung, als man letztlich auch nachgebessert habe.

Ein Zuschauer-Kommentar war es schließlich, der die Debatte auf ein anderes Niveau hob. Er bot zunächst den Anlass für Illners Frage, wie zu verhindern sei, dass die kleinen Leute das Gefühl hätten, sie zahlten die Zeche. Man müsse aufpassen, dass es nicht  zu einem „Kampf um den vorletzten Platz“ komme, warnte Rekowski, und Gabriel will verhindern, dass sich die (allerdings längst verbreitete) Haltung verstärkt: „Für die macht ihr alles, für uns nix“. Deshalb müsse man Geld in die Hand nehmen. Dabei sei die so genannte „Flüchtlingskrise“ (die in Wirklichkeit eine Krise der Politik ist) nur ein Katalysator der Unzufriedenheit mit der politischen Klasse. Schon seit den abstrusen Thesen des Thilo Sarrazin sei zu beobachten, wie sich „ein Frust  aus der Mitte der Gesellschaft“ Bahn breche.

Maybrit Illner griff das geschickt auf, indem sie Stoiber fragte, ob denn nicht Horst Seehofers Behauptung,  es herrsche ein System der Unordnung, woanders (sprich bei AfD und Pegida) Widerhall fände. Das konnte der CSU-Mann selbstverständlich nicht zugeben. Die Gesellschaft sei ja so emotionalisiert, klagte er. Journalist Schwennicke fand, auch wegen der langen Zeit einer Großen Koalition der Parteien sei in Deutschland „polit-psychologisch etwas aus dem Lot geraten“.  Da war er mit Gabriel insofern einig, als der mit dem Hinweis auf das Internet („Das lebt von der Radikalisierung“) feststellte, die politische Kultur im Land sei „auf den Hund gekommen“.  Wobei zu fragen wäre, was die Politik damit zu tun hat.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

Unsere Kritiker
Daland Segler.

Segler ist langjähriger Medienexperte und Autor der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Tilmann P. Gangloff.

Gangloff schreibt seit vielen Jahren Fernsehkritiken für die FR. Er ist auch Juror für den renommierten Grimme-Preis. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Harald Keller.

Keller ist Medienhistoriker und Buchautor, Dozent und DJ - und gehört immer wieder mal den Gremien des Grimme-Preises an. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Judith von Sternburg.

Judith von Sternburg ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Sylvia Staude.

Sylvia Staude ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau - und Krimi-Expertin. Aktuelle Texte.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Talkshow-Seiten im Internet
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Fotostrecke
Alle Tatort-Kommissare (20 Bilder)
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien