Maybrit Illner war nicht die erste, die in diesen Tagen über sexuellen Missbrauch in schulischen Einrichtungen diskutieren ließ. So wurde ihre Runde nicht zuletzt auch zum Beispiel für die Lernfähigkeit des TV-Formats Talk-Show. Es war eine abgeklärte die Runde, die die Redaktion Illners zusammengebracht hat. Der katholische Bischof Stephan Ackermann vermied es im Gegensatz zu einigen Amtskollegen vor ihm ausdrücklich, eine offensive Gesellschaftsanalyse zu betreiben.
Beinahe demütig hörte er die Berichte eines betroffenen Jesuitenschülers, des Schauspielers Miguel Abrantes Ostrowski, an. Geduldig nahm er dann auch die Überlegungen zum Zölibat hin. Es handele sich um männerbündische Zusammenhänge, aus denen heraus Missbrauch entstehe, sagte Alice Schwarzer, die für sich in Anspruch nahm, seit über 30 Jahren auf sexuellen Missbrauch in der Gesellschaft aufmerksam zu machen.
Was sich jetzt in Jesuitenschulen, aber auch in privaten Einrichtungen wie der Odenwaldschule offenbare, seien Phänomene geschlossener Welten. Die Übergriffe auf die jugendliche Sexualität ereigneten sich aus einem Machtgefälle heraus, ganz unabhängig von der jeweiligen pädagogischen Überzeugung. Der gleichberechtigte Ansatz einer pädagogischen Lehre schütze nicht vor dem Missbrauch eines Vertrauensvorschusses.
Alice Schwarzer war jedoch wiederholt versucht, den Vertrauensvorschuss, als kompetente Mitstreiterin eingeladen zu sein, zu missbrauchen. Immer wieder drängte sie auf die große Zahl des Missbrauchs von Mädchen, der in den letzten Wochen aber eher nicht zur Diskussion stand. Sie scheute auch nicht davor zurück, die Formel vom Missbrauch des Missbrauchs zu attackieren, die vor etwa 20 Jahren in einen ganz anderen Zusammenhang völlig zu Recht Eingang in die Debatte fand.
Frau Schwarzer ist eben auch dort ideologische Kämpferin für ihre Sache, wo es primär um ein anderes gesellschaftliches Problemfeld geht. Maybrit Illner war ihrerseits alert genug, um dieser rechthaberischen Abschweifung keine weitere Redezeit zu gewähren.
Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wirkte indes, als sei das Thema bereits eine zurückliegende Schlacht. Vehement hatte sie in der Vorwoche die Sperrmentalität der Katholischen Kirche beklagt, nun berief sie sich darauf, dass das Strafrecht als solches gut gerüstet sei, um den Fällen zu begegnen. Sie verwahrte sich aber die Selbstregulierungsabsichten von sich unabhängig wähnenden Institutionen.
Wer die Geduld hatte, einer eher unspektakulären Diskussion beizuwohnen, der konnte auch lernen, dass sich die Neigung zur Pädophilie sehr früh entwickelt und in der Regel dauerhaft bleibt. Man kann sie nicht von außen erkennen. Vielmehr müsse der Pädophile ermuntert werden, sich selbst zu erkennen zu geben. Derlei sexualwissenschaftliche Erkenntnisse könnten schon helfen, so manchen Nachrichtenfuror der letzten Wochen zu kalmieren.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.