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21. März 2014

TV-Kritik: Maybrit Illner: Die Macht und ihr Preis

 Von 
Maybrit Illner.  Foto: dpa

Maybrit Illner ließ über „Putins Alleingang“ diskutieren – und die Runde war sich einig: Alle haben Fehler gemacht, und jetzt hilft nur noch Diplomatie

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Irgendwann im Eifer des Gesprächs nannte Maybrit Illner ihren Nachbarn, den russischen Botschafter Wladimir Grinin, „Herr Putin“. Damit tat sie ihm sehr unrecht. Denn mag der Gesandte auch Diener seines Herrn in Moskau sein, so ist er doch vom Typ her eher das Gegenteil des Möchtegern-Machos im Kreml, der schon mal mit nacktem Oberkörper oder mit der Knarre in der Hand posiert, um den starken Mann zu markieren – eine lächerliche Art der Selbstdarstellung, begründet allerdings im zynischen Kalkül, dass dergleichen beim Volk ankomme. Doch dass Putin tatsächlich dem Atavismus eines Neandertalers huldigt, zeigte er eben bei der Besetzung der Krim – und die Europäer wollten es kaum glauben, dass im 21. Jahrhundert tatsächlich ein zuvor als zivilisiert geltender Präsident sich Teile eines anderen Staates mit Waffengewalt nimmt. Jetzt hat Putin die Halbinsel völkerrechtswidrig annektiert, und sein Außenminister droht im Hinblick auf die Ost-Ukraine im schönsten Neusprech, Russland sei „bereit, die Bürger der Ukraine unter seinen Schutz zu stellen“.
Wladimir Grinin aber, der Botschafter, muss sich in bundesdeutsche Talkshows setzen, kiloweise Kreide zu sich nehmen und in wohlgesetzten Worten formulieren, dass man – reden müsse, denn „die Ausweitung des Konflikts ist nicht in unserem Interesse“. Die Ausweitung des russischen Staatsgebietes schon eher, aber als Diplomat, der er ist, säuselt Herr Grinin auf die direkte Frage von Moderatorin Maybrit Illner: „Weitere Interventionen planen wir nicht“. Nur hatte er anfangs auch beteuert, vor der „Machtergreifung“ der neuen Regierung in Kiew habe Russland auch „weder die Absicht noch die Pläne“ gehabt, militärisch zu agieren. Man ist nun gespannt, welche Gründe Putin für seine nächste Aggression angeben wird, denn wie Grinin ausführt, sei man in Transnistrien „in Gesprächen“...
„Putins Alleingang – droht jetzt Krieg in Europa?“ lautete das schon dümmlich reißerische Motto von Maybrit Illners jüngster Talkshow, und ihre Anmoderation mit der Frage, ob Putin „mit Gewalt die Grenzen des Kontinents verändern“ könne, ließ Schlimmstes befürchten: Er hat sie doch schon verändert. Historiker Michael Wolffsohn räumte denn auch bald mit solchem Unsinn wie dem Vergleich mit der Lage vor dem Ersten Weltkrieg auf: Das sei „völlig absurd“.

"Demokratische Mechanismen"

Und da aus solchen Spekulationen kein Funken zu schlagen war, blieb der Runde nicht viel anderes, als sattsam bekannte Informationen noch einmal hin- und herzuwenden. Schriftstellerin Katja Petrowskaja, Ukrainerin, konnte immerhin darlegen, dass die Rolle der Rechten in ihrem Heimatland völlig überzogen dargestellt würde und die Extremisten erst Oberwasser bekommen hätten, als Janukowitsch zur Gewalt gegriffen habe. Sie wies auch darauf hin, dass tausende Demonstranten sich über das Video mit dem auf einen Rundfunk-Journalisten einprügelnden rechtsextremen Abgeordneten empört hätten: „Im Unterschied zu Russland gibt es in der Ukraine eben demokratische Mechanismen!“
Martin Schulz, Präsident des Europa-Parlaments, betonte, dass die Regierung in Kiew nicht illegal sei und brachte den Auslöser des Konflikts noch einmal auf einen simplen finanziellen Nenner: Janukowitsch habe das Assoziierungsabkommen mit der EU im November letztlich deshalb nicht unterzeichnet, weil die EU ihm nicht die verlangten 15 Milliarden Euro geben wollte – jetzt aber solle die Ukraine fast soviel, elf Milliarden, als Unterstützung bekommen. Die Macht hat eben ihren Preis...
Der Blick in die jüngere Geschichte war aber vor allem die Domäne von Hans-Dietrich Genscher (87), der noch einmal Klarheit in die Bedingungen der deutschen Wiedervereinigung zu bringen suchte, weil die Russen sich doch angeblich nun um damals gemachte Versprechen betrogen fühlten: So seien Russland die Verringerung der Zahl der deutschen Soldaten und die Abstinenz der Natotruppen im Ex-DDR-Gebiet zugesichert worden, nicht aber ein Verzicht auf eine Osterweiterung der Nato: „Anfang 1990 hat kein Mensch über Polen in der Nato nachgedacht.“
Im übrigen aber müsse man nun Strukturen für ein stabiles Europa schaffen, und Russland gehöre dazu. Die Ukraine könne dann vielleicht eine Brücke zwischen Europa und Russland bilden, hoffte Schulz. Darüber waren sich ebenso alle einig wie über die Unwirksamkeit von Sanktionen: Man müsse stattdessen miteinander reden. Und das mit „kühlem Kopf“, warf Botschafter Grinin ein und fügte hinzu, sein Land habe schon viel getan für ein gemeinsames Haus Europa. Er musste sich allerdings von Martin Schulz sagen lassen: „Was wir nicht brauchen, ist expansive Politik.“
Ohnehin habe Putin mit der Annexion der Krim einen Pyrrhussieg errungen, glaubt Wolffsohn, denn Minderheiten in der Föderation wie Tschetschenen und die Bewohner Dagestans etwa könnten sich nun veranlasst sehen, ihre Lage zu ändern und Russland in einen „Abnutzungskrieg“ zerren. Und weil er schon einmal dabei war, über künftige Entwicklungen zu spekulieren, schlug Wolffsohn, der an der Bundeswehrhochschule lehrte, vor, man solle in Deutschland doch darüber nachdenken, die Wehrpflicht wieder einzuführen, um wie in den sechziger Jahren nach dem Prinzip der Abschreckung „Spaziergänge dieser Art zu verhindern“.
Da hatte er sich gleich doppelt vergaloppiert. Denn weder Genscher noch Schulz wollten die Wehrpflicht wiederhaben. Und die Besetzung der Krim einen „Spaziergang“ zu nennen, stand dem Herrn Professor so gar nicht an.
Die Sendung wird am heutigen Freitag um 16 Uhr auf Phoenix wiederholt.

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