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03. Februar 2016

TV-Kritik "Meine fremde Frau": Wie eine gelöschte Festplatte

 Von 
Der ermittelnde Kommissar Freddy Turek (Dominik Warta) hat seinem Freund und Kollegen Bruno Hofer (Harald Krassnitzer) eröffnet, dass dessen Frau Maria ein Verhältnis habe.  Foto: ZDF und Oliver Roth

In Lars Beckers Krimidrama steht die Titelfigur nach einem Unfall vor dem geistigen Nichts.

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Das klingt wie ein typischer Krimistoff: In der Wiener Innenstadt wird eine Frau von einem Raser überfahren, der sich aus dem Staub macht. Der erschütterte Gatte des Opfers ist Staatsanwalt und lässt fortan nichts unversucht, um den Fahrer zu finden. Der Filmtitel „Meine fremde Frau“ ist allerdings ein deutliches Zeichen, dass „Nachtschicht“-Schöpfer Lars Becker diesmal eine gänzlich andere Geschichte erzählt: Krankenpflegerin Maria Hofer (Ursula Strauss) hat den Unfall zwar überlebt, aber ihr Gedächtnis verloren. Ihr Mann, die Ehe, die Kinder: alles weg; als wäre ihre autobiografische Festplatte gelöscht worden.

Natürlich spielt die Suche nach dem flüchtigen Fahrer eine wesentliche Rolle, aber über seine Identität besteht schon recht bald kein Zweifel mehr, zumal Nicholas Ofczarek den Verdächtigen, einen  Bauunternehmer, mit unfassbar viel Arroganz verkörpert. Im Zentrum steht jedoch die Frage, wie es einem Menschen gelingen kann, ein Leben wieder aufzunehmen, das ihm völlig fremd vorkommt. Leider geht Becker ausgerechnet in diesem Punkt nicht genug in die Tiefe; die Handlung wird meist aus dem Blickwinkel des Ehemanns (Harald Krassnitzer) erzählt. Der Film hätte noch viel stärker verdeutlichen können, wie verloren sich ein Mensch in einer Existenz fühlt, die er nicht als die seine erkennt. Marias Perspektive kommt ohnehin etwas zu kurz; es hätte sicherlich mehr Möglichkeiten gegeben, ihre Verlorenheit zu verdeutlichen.

Zur Sendung

"Meine fremde Frau“, Mittwoch, 3.2., ZDF, 20.15 Uhr

Weitere Infos auf der Homepage des ZDF

Der Reiz der Geschichte liegt nicht zuletzt in der Chance des Neubeginns, denn es stellt sich raus, dass die Ehe schon länger nur noch auf dem Papier existierte. Das ist für Filme über Gedächtnisverlust nichts Neues; auf diese Weise macht die durch den Unfall verursachte Entfremdung endgültig sichtbar, was sich schon vorher im Stillen vollzogen hat. Maria ahnt davon natürlich nichts, doch ihrem Mann Bruno ist das sehr wohl klar, und deshalb nutzt er die unverhoffte Gelegenheit, um seine Frau ein zweites Mal zu erobern; aber davon zeigt Becker viel zu wenig. Das Blättern in Fotoalben führt Maria zwar die gemeinsame Vergangenheit vor Augen, doch da ihre Erinnerung nicht zurückkehrt, können sich auch die mit den Bildern verbundenen Gefühle nicht einstellen. Irgendwann ist das Paar trotzdem wieder ein Herz und eine Seele, was jedoch eine bloße Behauptung ist, weil Becker schuldig bleibt, wie es dazu gekommen ist.

Vielleicht wollte Becker auch verhindern, dass sich der Film zu sehr in diese Richtung entwickelt und womöglich zur Romanze wird, weshalb er vor allem die dramatischen Aspekte der Geschichte betont. Bei der Rekonstruktion von Marias Unfalltag erfährt Bruno mehr über seine Frau, als ihm lieb ist: Nachdem er all ihre Patienten abgeklappert hat, zeigt sich schließlich, dass sie schon seit Monaten eine Affäre hatte; ihr Geliebter (Philipp Hochmair) war auch beim Unfall zugegen. Erst recht pikant wird die Angelegenheit, weil der Mann Dirigent an der Staatsoper ist. Das Orchester ist durch seine Schuld in erhebliche finanzielle Turbulenzen geraten, was naturgemäß die Vertragsverlängerung gefährdet; und Baulöwe Lorant ist der Chef des Aufsichtsrats der Oper.

Gespielt ist das alles ausgezeichnet. Bei Krassnitzer zum Beispiel genügt die Veränderung weniger äußerlicher Merkmale, um den Staatsanwalt deutlich von „Tatort“-Kommissar Moritz Eisner zu unterscheiden. Ofczarek ist ohnehin ein formidabler Schurkendarsteller. Juergen Maurer, ein weiterer dieser vielen großartigen österreichischen Schauspieler, die ruhig öfter im deutschen Fernsehen präsent sein könnten, hat als Marias Arzt ebenso markante Momente wie Jasmin Gerat als Gattin des Bauunternehmers. Und dass man eine Geschichte auch anders hätte erzählen können: Das lässt sich im Grunde über jeden Film sagen.

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