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TV-Kritik
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11. Dezember 2014

TV-Kritik: Neues aus der Anstalt: Ken-Jebsen-Stammtisch im ZDF

 Von 
Claus von Wagner und Max Uthoff mögen Putin.  Foto: imago/APress

Am 9. Dezember blickten die Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner noch einmal auf ihr erstes politisches Jahr in der Anstalt zurück. Sie wollen machen, "was alle machen" - das haben sie geschafft. Eine kritische Betrachtung.

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Weihnachtlich ist das Studio geschmückt, Max Uthoff und Claus von Wagner warten auf das Festmahl. Eine Gans wird ihnen aufgetischt vom bayrischen Mit-Aufklärer Matthias Egersdörfer, der humorlos das ethische Problem mit einer polnischen Weihnachtsgans ins Publikum schreit.

Schnell folgt ihm der lustige Rainald Grebe als Weihnachtsbaumvergifter; im Schutzanzug Biogas versprühend ergänzt er die Politisierung von Weihnachten, die vielleicht 1982 noch nicht abgehalftert war. Aber genau so ist sie, die neue, kritische Anstalt, die ständig aufklären will und ihre Botschaften möglichst 1zu1 an den Zuschauer heranträgt. Der kommt erst gar nicht auf die Idee, selbst zu reflektieren.

Aufklärung mit dem Gummihammer

Das Publikum fühlt sich von der Aufklärung mit dem Gummihammer sichtlich unterhalten. Auch der Nikolausdarsteller Christian Ehring, eingeflogen aus der Konkurrenzsendung extra3, bekommt seine Lacher, wenn er sich ein kleines Scharmützel mit Uthoff liefert. Kurz ist man in der Hoffnung, das konstruierte Gegensatzpaar Staatskabarettist (Ehring) versus Salonbolschewist (Uthoff) werde selbstironisch abgehandelt - doch zu exakt ist Uthoff mit "Kosakenzipfel" umschrieben, was er allzu schnell unter Beweis stellt.

Uthoff watscht harmlos die Springer-Presse ab, die es nicht geschafft habe, einen Ministerpräsidenten der "Linken" zu verhindern: "Gegen Thüringen als abtrünnige Teilrepublik hilft bald nur noch der Einsatz von Streubomben", feuert er nach, um überzuleiten zu seinem Lieblingsthema, der Ukraine. Weil: "So macht man das mit seinem eigenen Volk, fragen Sie Poroschenko." Und das weiß er sicher nicht aus der Springer-Presse, dass der sich unter Beteiligung von Nazis eine Regierung zusammengestellt hat, die - "Ironie an" - sich "völlig frei von äußeren Einflüssen" mit Natalie Jaresko eine eingebürgerte Investmentbankerin als neue Finanzministerin geholt habe neben einem litauischer Finanzinvestor, der jetzt ukrainischer Wirtschaftsminister geworden ist.

Was Uthoff damit sagen will, muss man nicht zwischen den Zeilen lesen, denn natürlich sind sie alle Handlanger der US-amerikanischen Interessenpolitik - denn rein ukrainische Interessen kommen im Modell der Putin-Fans nicht vor. Dass durch diese Personalie das innerukrainische Korruptionsproblem angegangen werden soll, dürfte für Uthoff eine Lüge der US-amerikanisch gesteuerten "Qualitätspresse" sein. Uthoff ist nämlich ganz versessen auf das Märchen von der ferngesteuerten Ukraine und einem Russland, das sich einzig für die Sicherheit der unschuldigen ostukrainischen Bevölkerung in der Pflicht sieht, die - vom Nato-Teufel unterstützt - von einer Fascho-Regierung plattgebombt wird. Schablonenhaftes Schwarz-Weiß-Denken ohne intellektuelle Differenzierung hätte es unter Priol nicht gegeben.

Friedensengel Russland

Die Regierungsbeteiligung der Nazis wird so oft wiederholt, dass man schon einen im Gesicht sitzen hat, weshalb es natürlich völlig an der "Qualitätspresse" herbeigezogen ist, Russland von Seiten der Nato als eine Gefahr für den Weltfrieden zu bezeichnen. Runtergebrochen funktioniert die Gleichung: Nato = Ukraine = Nazis vs. Opfer = Ostukraine = Retter = Russland. So einfach ist die Welt, in der Russland als deeskalierender Friedensengel existiert. Aber Differenzierung ist Uthoffs Kerndisziplin nicht, wieso auch, er ist ja nur Kabarettist, der sich auf Fakten nicht beziehen muss, wie er sich nach seiner vorletzten Sendung hinausredete, die in diversen Faktenchecks in das Land des schlecht recherchierten populistischen Medienbashings verbannt wurde.

Kurz verwiesen sei auf seine Einlassung zum Friedensaufruf von 60 Prominenten, aus denen er mal fix Intellektuelle machte, aber auch nur, um der arroganten Presse "Zeit" und "FAZ" einen mitzugeben, die den Kopf nicht weit schütteln können, da sie " bis zum Hals im Arsch der Amerikaner stecken". So ist sie, die Anstaltswelt, aufgeklärt in ihrer reflektierten Medienkritik, das kann ein Ken Jebsen auf seinen Mahnwachen auch nicht besser, denn natürlich sagt man per se dann die Wahrheit, wenn man das Gegenüber als gekaufter Manipulator denunziert.

Klein gehalten werden die Gast-Kabarettisten Grebe und Egersdörfer, die - "Unsere Botschaft ist auch heuer - das Soziale wird zu teuer" oder "Das wichtigste aus unseren Fürzen: Mindestlohn und Rente kürzen" - maximal das Niveau halten, das vielleicht Satire sein soll, nur hätte man das vorher sagen müssen. Aber das Publikum lacht sich schlapp, wenn einfachste Sachverhalte auf vulgäre Kinderreime heruntergebrochen werden. Wagner darf noch als Wirtschaftsweiser zeigen, wie böse die Wirtschaft ist und eben keine deckungsgleichen Interessen mit der Caritas hat.

Flachwitz und Alltagswissen

Der aufklärende Gummihammer zur besten Sendezeit - merkwürdig, dass das Publikum gar nicht merkt, für wie blöd es gehalten wird. Steigbügelhalter Egersdörfer betet begeistert Naheliegendes nochmals nach - und steigt schließlich zum Werbetexter auf. Was war passiert? Die gekaufte "überregionale Qualitätspresse" hatte nicht über den gewonnen Prozess gegen die "Zeit" berichtet. Die Bombennachricht wurde schlicht zensiert, nur ein kleiner aufrechter Kanal, Russia Today, hatte sich dem widersetzt. "Das heißt ja jetzt, dass Russia Today so was wie Journalismus macht", so was ähnliches wie Journalismus, wollte man dem knuddeligen Bayern gerne zuflüstern, denn RT ist maximal als Forum für Verschwörungstheoretiker und Putin-Fans bekannt.

"Wie macht ihr das bei extra3 mit eurer Nutzlosigkeit?", fragt Wagner. "Wir trinken sehr viel." Gute Idee, sollte jeder Zuschauer tun, wollte er sich die Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen auf Grundschulniveau garniert mit reduziertem Gut-Böse-Schema á la Querfront und Medienbashing schönsaufen.

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