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TV-Kritik "Olympia-Test": Kurven, die "der Stier" sind

Mehr als 320 Stunden wollen die Öffentlich-Rechtlichen von den Winterspielen in Vancouver berichten. Doch bei der Generalprobe laufen die wirklich spannenden Sportereignisse woanders. Ein Selbstversuch von Felix Helbig.

Die Olympischen Winterspiele in Vancouver werden von Millionen Fernsehzuschauern verfolgt.
Die Olympischen Winterspiele in Vancouver werden von Millionen Fernsehzuschauern verfolgt.
Foto: rtr

Es ist "die allerletzte Generalprobe vor Olympia", so ruft das der Ansager aus seiner roten Jacke ins noch mäßig beheizte Wohnzimmer, es ist Sonntagmorgen, kurz nach neun Uhr, zwölf Tage vor Beginn der Olympischen Spiele in Vancouver. Die allerletzte Generalprobe: Siebeneinhalb Stunden Wintersport am Stück, es gilt die Goldchancen der deutschen Athleten auszuloten, "alles steht auf dem Prüfstand", sagt der ARD-Mann. Wirklich alles.

Mehr als 320 Stunden "beste Sicht aus Vancouver" wollen die öffentlich-rechtlichen Sender ab 12. Februar bieten, "hochauflösend" und "trimedial", "packend", "mitreißend" und "emotional". Vancouver mag noch nicht bereit sein - nach aktuellen Berichten mangelt es ja noch am Allerwichtigsten, dem Schnee -, aber die Sender sind es, nicht nur ARD und ZDF, sondern auch Eurosport.

Dort wird weitgehend auf die Aufklärung über Doping und sonstige Problematiken der professionalisierten Leibesübung verzichtet, dafür halt auch auf bunte Jacken, große Worte und hübsche Filmchen, mit denen die ARD den vergnügungsgefährdenden Teil ihrer Sendung auszugleichen versucht. Wir schauen also zu, siebeneinhalb Stunden lang, zappend nach Olympia, die, nun ja, Generalprobe.

9.15 Uhr, Cesana, Rodel-Weltcup der Damen, es liegt Schnee, aber das darf nun wirklich nicht passieren bei Olympia: Eben noch hat der ARD-Kommentator von einer "schwierigen Bahn" berichtet, aber dann setzt schon die Erinnerung aus im kalten Wohnzimmer. Es mag früh sein am Sonntagmorgen, aber wach zu bleiben ist nun wirklich das Einzige, was der Zuschauer wird leisten müssen bei Olympia.

10.39 Uhr, immer noch oder schon wieder Cesana, der Hackl-Schorsch steht neben dem Schlitten "von der Natalie", die Bedingungen seien schwierig, sagt er, "das Eis ist hart". Aber die Natalie, das ist Natalie Geisenberger, sie führt vor dem zweiten Lauf. Der Kommentator erklärt den Anpressdruck, den es braucht, "um vorne hereinzufahren", auch in Kurven, die "der Stier" sind. Die deutschen Damen gewinnen, wie immer, "sie sind die sicherste deutsche Goldmedaille", ruft der Ansager in Rot, "die sind eine Bank". Dann gibt es einen Einspielfilm, dessen zentrales Motiv ganz ernsthaft eine goldene Bank ist. Auf Eurosport läuft derweil ein echtes Sportereignis, das Finale der Australian Open, Federer gegen Murray. Federer führt.

11.02 Uhr, weiter nach St. Moritz, Super-G der Damen, hier ist Maria Riesch die "deutsche Hoffnung" auf der Piste, doch zunächst ist sie ganz woanders zu besichtigen, nämlich beim Juwelier. In den folgenden, durchaus grotesken Szenen legen junge Frauen in Skijacken und Milka-Mützen goldenes Geschmeide an, der ARD-Mensch sagt, das sei nun eine, ja was? Genau, eine "Generalprobe". Auf der Piste gewinnt Lindsay Vonn, und verhilft dem Zuschauer im Interview zu der Erkenntnis, dass "bei Olympia jeder vier Leben hat". Warum auch immer. Wenigstens ist das Wohnzimmer inzwischen warm.

12 Uhr, St. Moritz/Hamburg, Schnee satt, zu dumm, dass "die Maria" nur Zehnte wird, wo doch "alles auf dem Prüfstand" steht, wie der Kommentator noch einmal betont. Das überträgt sich sogar auf die Tagesschau, nach deren Auskunft auch die familienpolitischen Leistungen der Bundesregierung "auf dem Prüfstand" stehen. Auch die Familienministerin macht also mit bei dieser Generalprobe, hoffentlich fährt sie nicht auch noch nach Vancouver.

12.05 Uhr, Hamburg, die ARD zeigt Nerven und unterbricht einfach so die Generalprobe für den Presseclub, es geht wenig golden um den Sozialstaat und seine Schieflage.

Bei Eurosport kämpfen Federer und Murray im Tiebreak des dritten Satzes, das ist tatsächlich richtig spannend, es gibt Satzbälle und Matchbälle, immer wieder. Der Kommentator ruft "Bravo, Murray!" Er hegt offensichtlich Sympathien für den Außenseiter.

12.45 Uhr, Seefeld, Nordische Kombination, das Knie "vom Timo" ist kaputt. Timo Edelmann ist Kombinierer, aber am Vortag gestürzt, nun hofft er, bis Olympia wieder fit zu sein. "Es ist garantiert der letzte Wettkampf, die letzte, die wirklich allerletzte Generalprobe vor Olympia", ruft die ARD-Rotjacke. Hm. Der Timo muss zusehen, wir auch.

13.14 Uhr, auf nach Kranjska Gora, das liegt irgendwo in Slowenien. Auch Eurosport ist jetzt live dabei beim Slalom der Herren, denn Federer hat inzwischen gewonnen, wie immer, "der kommt von irgendwo her", erläutert der Kommentator. Nur von einer "Generalprobe" ist dort irgendwie keine Rede. Stattdessen gibt es neue Wörter zu lernen, etwa "Hungerstaude". Das ist ein Skiflieger. Die ARD bejubelt in Kranjska Gora "den Felix", das ist Felix Neureuther. Er hat einen Platz auf dem Podium nur ganz, ganz knapp verpasst.

14.02 Uhr, Oberstdorf, eintöniger geht’s nimmer: Skifliegen. "Ganz tiefe Oberkörper" versuchen sich in einem unerklärlichen neuen Wertungssystem, das zum Glück auch niemand ernsthaft erklären will. Zwischen den Durchgängen läuft auf einmal ein neuer Jingle, "die Olympischen Winterspiele im Ersten", heißt es da. Jetzt schon? Sind wir wieder nicht wach geblieben?

Irgendwann nach 16 Uhr, wieder Seefeld, Kombination, der Eurosport-Kommentator verkündet "die letzten Meter". Ob das auch für die Generalprobe gilt?

Die ARD schaltet zum Interview mit Mario Stecher, "zum Siegerinterview", wie der Ansager betont, denn das ist etwas Besonderes: Im Gegensatz zu Eurosport interviewt die ARD generell die deutschen Sportler. Eurosport interviewt einfach die Sieger.

Zum Schluss bietet die ARD noch die Wahrheit über das Wetter in Vancouver, in erschütternden Bildern zeigt der Sender schmelzenden Schnee und riesige Lastwagen, die "die weiße Pracht" von irgendwo her ankarren. Es ist unfreiwillig auch die Wahrheit über diese Generalprobe, die ja dann korrekterweise ebenfalls ohne Schnee hätte ausgetragen werden müssen. Aber gut. "Eines kann man den Veranstaltern nicht verworfen", sagt der ARD-Mann, "sie versuchen wirklich alles". Meint er die in Vancouver? Seinen Sender? Die letzten Worte dieser Generalprobe klingen wie eine Drohung: "Freuen Sie sich auf jeden Tag bis zu 18 Stunden Olympia." Emotional, trimedial: Katharina Witt wird twittern.

Eurosport schaltet derweil einfach weiter zum zweiten echten Großereignis des Tages, das in der ARD mit keinem Wort erwähnt wird: dem Finale im Afrika-Cup. "Guten Tag", ruft der Kommentator, als wäre nichts gewesen.

Datum:  31 | 1 | 2010
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