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01. Januar 2016

TV-Kritik: Silvester 2015: „… und wir klatschen im Rhythmus“

 Von 
Die Terrorgefahr in Müchen - kam im deutschen Fernsehen in der Silvesternacht nur am Rande vor. Nur das ausländische Fernsehen half weiter.  Foto: dpa

Zu den üblichen Kuriosa in den Silvesterprogrammen gesellte sich in diesem Jahr eine Besonderheit. In München wurde Terroralarm ausgegeben. Manch ein TV-Zuschauer erfuhr davon nur durch Zufall.

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Das Erste war spät dran. Um 23:38 Uhr gab es in der Sendung mit dem seltsamen Titel „Stadlshow Silvester“ eine Einblendung: „Terror-Warnung für München (...)“ Dazu Verweise auf tagesschau.de und auf eine Sonderausgabe der „Tagesschau“ um 0:10 Uhr. Wer zuvor zufällig zu den kommerziellen Nachrichtensendern n-tv oder N 24 geschaltet hatte, war bereits informiert. Zumindest im Telegrammstil, denn auch dort hatte man nicht mehr zu bieten als eine Laufschrift am unteren Bildrand, während das Programm wie angekündigt weiterlief. Beim öffentlich-rechtlichen Kanal Phoenix gab es nicht einmal das.

Das ausländische Fernsehen half weiter. CNN hatte eine Schaltung zu seinem Londoner Korrespondenten eingerichtet, der sich trotz des großen Abstands zum Geschehen recht gut informiert zeigte. Die Münchener Polizei hatte gegen 23 Uhr die Bürger der Stadt aufgefordert, größere Menschenansammlungen zu meiden. Der Münchener Hauptbahnhof und der Bahnhof Pasing waren evakuiert und stillgelegt worden. Polizeieinheiten aus Südbayern befanden sich auf dem Weg in die Landeshauptstadt. Keine Kleinigkeit also, was dort im Süden der Republik vor sich ging. Zumindest vom zuständigen Bayerischen Rundfunk hätte man erwarten können, dass er das laufende Programm unterbricht und die Zuschauerschaft informiert. Es geschah jedoch – nichts dergleichen.

Kurios: Nach Mitternacht bekam man die Stimme der Radio-Redakteurin Jeannette Winter vom Bayerischen Rundfunk zu hören, die ihre aktuellen Eindrücke beschrieb. Nicht in einem der ARD-Sender, sondern in der britischen BBC, die auch aktuelle Bilder aus München ausstrahlte.

Um 0.00 Uhr sendete n-tv eine Kurznachrichtensendung, danach folgten geschmackvollerweise „Die spektakulärsten Explosionen der Welt“.

Wer an diesem Abend sein Glück beim ZDF suchte, bekam zwei erstaunlich schlechte Shows, aber keine aktuellen Nachrichten, nicht einmal in Form von Schrifteinblendungen, geboten. Auf der Web-Seite heute.de verlautbarte der Mainzer Sender: „Nach ZDF-Informationen aus deutschen Sicherheitskreisen bestehe aber ‚keine unmittelbare Gefahr eines Anschlags‘.“ Grund genug, auf die Unterrichtung der Öffentlichkeit zu verzichten?

Missglückte Shows

An Tagen wie diesen ist man besonders dankbar für das Bouquet an digitalen Kanälen. Nicht nur wegen der mangelhaften Informationsleistung der großen Sender. Auch auf dem Unterhaltungssektor fällt deren Bilanz negativ aus. Im Ersten hat die „Stadlshow Silvester“ den früheren „Silvesterstadl“ abgelöst. Die einst von Karl Moik begründete und von Andy Borg weitergeführte Eurovisionssendung war und ist ein Marathonunternehmen: vier Stunden live, mit teils komplizierten Kamerabewegungen mitten durchs Publikum. Eine beachtliche technische Leistung und in der alten Form gar nicht so vollends krachledern, wie das Vorurteil es will. Bisweilen nämlich geriet echte Folklore unter die sogenannte Volksmusik.

Inzwischen obliegt die Moderation der Schweizerin Francine Jordi und dem Deutschen Alexander Mazza, die, höflich ausgedrückt, ihre Form noch finden müssen. Die Gespräche mit Gästen und Künstlern waren verhaspelt, als amüsant gedachte Einlagen verpufften, das musikalische Angebot tendierte, mit den Ausnahmen Marianne Rosenberg und Tom Gäbel, deutlich zum Einheitsbrei, der Ablauf wirkte ungewohnt holprig. Wenn auch nicht so dilettantisch wie die Live-Show „Willkommen 2016“, die das ZDF ab 21:45 Uhr ausstrahlte. Dort gab es reihenweise verpatzte Playback-Einsätze, ungenau eingesetzte Pyroeffekte, eine offenbar heillos desorientierte Bildregie, der es nicht gelang, das Geschehen auf der Bühne und später das Silvesterfeuerwerk angemessen einzufangen. Drollig: The Sweet hatten auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor ihre Verstärkertürme aufgebaut, mussten aber wie alle anderen ihre musikalischen Darbietungen zum Playback simulieren. Das ZDF machte gar keinen Hehl aus der Täuschung: Eine Kamera fuhr hinter den Verstärkern entlang und führte aller Welt vor Augen, dass die nicht eingestöpselt waren.

Musikalische Parallelwelt

Egal ob „Stadlshow“, „Die ultimative Chart-Show“ bei RTL, Die „Aprés Ski Hits Silvesterparty“ bei RTL 2 oder „Sat.1 Gold Hüttenzauber“ bei Sat.1 Gold – die gebotene Musik sollte mitklatschtauglich sein. Das Duo Sigrid & Marina wusste im Ersten sein Publikum entsprechend zu nehmen: „Die linke Hand nach oben, die rechte dazu, und wir klatschen im Rhythmus“. Auch das ZDF setzt inzwischen auf ein Publikum mit schlichteren Vorlieben und buchte für seine von Johannes B. Kerner moderierte Show „Guten Rutsch!“ unter anderem die in den Vorjahren vor allem bei RTL 2 vielbeschäftigte Hermes House Band, die passende Titel der Pophistorie zu Medleys zusammenpappt und mit einem dumpfen Stampfrhythmus unterlegt. Bei der „Stadlshow“ im Ersten war die niederländische Partykapelle parallel ebenfalls zugange.

Die Formation mit den meisten Auftritten an diesem Abend aber waren gefühlsmäßig Glasperlenspiel, die unter all den Mallorca- und Aprés-Ski-Stimmungskanonen immer etwas deplatziert wirkten. Es ist ja eine Art musikalischer Parallelwelt, in der Interpreten Namen wie Pornostars tragen und beispielsweise Ina Colada oder Lorenz Büffel heißen. In der das Nockalm Quintett dem Bandnamen widersprechend sieben Musiker auf der Bühne versammelt. In der die Top-5 der „größten Stimmungsmacher“ sich laut RTL 2 wie folgt gestaltet: Matthias Reim mit „Wo bleibt der Schnee?“, Dorfrocker mit „Tiefkühlpizza“, Markus Becker mit „Wir wollen feiern!“, Culcha Candela mit „Wildes Ding“. Und auf Platz eins: Mickie Krause mit „Hütte auf der Alm“.

Attraktive Alternativen

Nun darf aber nicht verschwiegen werden, dass man, zumindest als Musikfreund, all diese Silvestershows getrost ignorieren konnte. Es fiel sogar schwer, sich für eine der vielen attraktiven Alternativen zu entscheiden. 3sat gestaltete wie immer zum Jahresende einen Thementag unter dem Motto „Rock Around the Clock“ mit Live-Mitschnitten unter anderem von Eric Clapton, Tina Turner, Aerosmith, Katy Perry, The Who. Ein ganz exquisites Programm bot ARD Alpha mit Jazzkonzerten von Spyro Gyra, Rebekka Bakken mit der Bigband des Hessischen Rundfunks und, da brodelte der Groove, mit Monty Alexander & The Harlem Kingston Express. Frischen jungen Rock gab es auf Eins Plus mit Mitschnitten vom Reeperbahn Festival. Wer lieber in Erinnerungen schwelgte, bekam bei RTL Nitro eine ganze „Formel Eins“-Staffel nur zum Thema 90er serviert, nachdem Eins Festival am frühen Abend bereits die 80er abgefeiert hatte.

Musikfans also kamen an diesem Silvesterabend auf ihre Kosten. Kabarettfreunde wurden, unter anderem von Phoenix, ebenfalls verwöhnt. Spielfilme, Serien, Sketchsendungen, Volkstheater rundeten das Angebot. Unter dem Gesichtspunkt der Vielfalt darf man als Zuschauer zufrieden sein.

Nur mit der aktuellen Berichterstattung haperte es in den Stunden vor dem Jahreswechsel; die Münchner Vorfälle brachten es an den Tag. Ein sträfliches Versäumnis, insbesondere, wenn auf das Internet als mögliche Alternative verwiesen wird. Auch das zeigte sich an diesem Abend: Das Web ist noch immer ein vergleichsweise anfälliges Medium – dem Verfasser dieser Zeilen war am Silvesterabend mehrere Stunden lang die Einwahl nicht möglich.

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