Lena Meyer-Landrut, also. Die 18-jährige Schülerin aus Hannover wird Deutschland beim Finale des Eurovision Song Contest am 29. Mai in Oslo vertreten. Und zwar mit dem Song "Satellite". Über acht Folgen und insgesamt sechs Wochen hat sich das Auswahlverfahren der Castingshow hingezogen. War es das wert und was ist vom Ergebnis zu halten? Sie-ben Thesen zu "Unser Star für Oslo".
1. Lena ist die Richtige.
"Verdammte Scheiße", stieß sie hervor, als sie zum Abschluss der Show am Freitag ihren Siegertitel noch mal sang. Die Frau ist positiv durchgeknallt und pflegt eine gewisse Unberechenbarkeit. Ihre Konkurrentin Jennifer Braun blieb - trotz ihrer großartigen Soul-Röhre - doch zu sehr das brave Bravo-Girl. Lena Meyer-Landrut könnte man sich dagegen gut in der legendären Grusel-TV-Serie "Addams Family" vorstellen.
2. Es ist das falsche Lied. Eigentlich.
"Satellite" ist der leicht rockige Song, den die Zuschauer per Televoting für Lena ausge-sucht haben. Sie selbst hatte den eher verspielten Gute-Laune-Song "Love Me" als ihren Favoriten gewählt - ein Song, den ihr Stefan Raab auf den Leib geschrieben hatte und der ganz zweifellos besser zu ihrem Gesangsstil passt. Mit "Satellite" kommen als Komponis-ten/Texter nun der Däne John Gordon und die US-Amerikanerin Julie Frost zum Zuge. Ist vielleicht auch ganz gut, dass der Über-Ehrgeizling Stefan Raab nicht den ganzen Ruhm einheimsen kann.
3. In Oslo ist alles offen.
"Sehr auffällig" - so schätzte Jurorin Stefanie Kloß (Silbermond) am Freitag Lena ein. Auf-fallen, das wäre ja schon mal was in Oslo. Lena zersägt auf ihre Art noch jeden Song. Sie besitzt Schlagfertigkeit und Humor. Ihre charmanten Grimassen sind süß. Lenas sehr spezieller Gesangs- und Tanzstil dürfte auch den Rest von Europa aufmerken lassen.
4. Die Musik ist der Sieger.
Bei "Unser Star für Oslo" waren nicht nur die Hits gefragt, die jeder kennt. Da durfte auch fast unbekannter Indie-Pop gesungen werden und sogar selbst komponierte Lieder. Der ausgeschiedene Christian Durstewitz hatte mit "Stalker" einen mitreißenden Rock-Knaller im Programm und Sharyhan Osman rührte mit ihrer Ballade "Feel The Nile".
5. Auch die Verlierer waren richtig gut.
Als Talente konnten nicht nur die beiden Finalistinnen konnten überzeugen. In bester Erinnerung bleiben neben Christian Durstewitz und Sharyhan Osman auch Kerstin Freking, die blonde Elfe aus Osnabrück und Leon Taylor, der Grönemeyer-Interpret mit karibischen Wurzeln.
6. Zwei Sender sind es besser als einer.
Die ausgelaugte ARD hat es gemacht wie die SPD: Sie hat sich einen jungen Hoffnungsträger geholt, der eigentlich gar nicht mehr jung ist. Nach diversen Eurovisions-Flops entschied man sich für die Zusammenarbeit mit Stefan Raab und dem Kommerzsender ProSieben. Das war ein Risiko, aber es hat sich gelohnt. Denn bei dieser Casting-Show stand die Musik im Mittelpunkt, nicht trashige Teenie-Schicksale, nicht Sex und/oder Crime. Stefan Raab brachte die Show-Kompetenz und den Siegeswillen zurück, ohne die es beim Eurovision Song Contest nicht geht.
7. Das Format ist verbesserungsfähig.
"Unser Star für Oslo" gewann erst in den letzten drei Folgen an Fahrt. Der Anfang war zäh, es fehlte an Dramaturgie. Das Moderatorenpaar Matthias Opdenhövel (teils übermotiviert) und Sabine Heinrich (dauerhaft zu blass) laberte außerdem definitiv zu viel. Und das wechselnde Pop-Personal der Jury gab sich allzu lieb, verbreitete meist eine Überdosis an Good Vibrations, statt kritisch-konstruktive Hinweise zugeben. Um es mit dem Wort von Jury-Mitglied König Boris (Fettes Brot) zu sagen: "Beim nächsten Mal: Arschbombe."
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.