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16. Januar 2014

TV-Kritik Arno Schmidt: Auf der Suche nach der davon laufenden Zeit

 Von Hans-Jürgen Linke

Der Sender Arte zeigt ein Film-Porträt des Schriftstellers Arno Schmidt zu dessen 100. Geburtstag. Das vielstimmige Porträt begnügt sich dabei nicht mit Chronologie und Tatsachen

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Einen so beeindruckenden Menschen, sagt Jan Philipp Reemtsma, habe er nie wieder erlebt, und man sieht dem klugen, gut gereiften Hanseaten für einen Augenblick die tiefe Rührung an, die ihn nach all den Jahren immer noch bewegt, wenn er sich an das erste Zusammentreffen mit dem Schriftsteller Arno Schmidt erinnert. Reemtsma hatte Schmidt später durch eine Zuwendung in der Höhe des Preisgeldes für einen Literaturnobelpreis die Chance verschaffen wollen, endlich „Lilienthal“ zu schreiben. „Lilienthal“ war der Arbeitstitel für den wirklich großen Roman, für den Schmidts nach landläufigen Maßstäben selbst schon unglaublicher „Zettel’s Traum“ nur eine Handübung gewesen sein sollte. Leider wurde „Lilienthal“  nicht mehr geschrieben.

Reemtsmas intakte Bewunderung für den Schriftsteller und Gesprächspartner eröffnet ein Film-Porträt, das Oliver Schwehm zu Arno Schmidts hundertstem Geburtstag gefertigt hat. Arte zeigt diese redliche, in ihrer schwebenden, beredten Ruhe wunderbar gelungene Dokumentation „Arno Schmidt – Mein Herz gehört dem Kopf“ am 15. Januar um 22.40 Uhr.

Das vielstimmige Porträt begnügt sich nicht mit Chronologie und Tatsachen, obwohl es in diese Hinsicht kaum Wünsche offen lässt. Man erfährt die wichtigsten Daten über Lebensstationen und Lebensumstände des Ehepaares Alice und Arno Schmidt, man bekommt einen skizzenhaften Eindruck von Schmidts Persönlichkeit, seiner anfangs von Not, später von Rückzug geprägten Privat- und Innenwelt. Man sieht viel, aber keine Sekunde zu viel Heidelandschaft, also jene Gegend, in der Schmidt die längste und wohl auch beste Zeit seines Lebens verbracht hat. Dokumentarische Aufnahmen, in denen Schmidt auf nicht immer sympathische Weise den alles am besten wissenden Welterklärer gibt, wirken wie eingestreute Selbst-Karikaturen. Und Wilhelm Michels kommt zu Wort, der über viele Jahre ein enger Freund der Schmidts gewesen ist, von dem sie sich aber später auf durchaus unangenehm irrationale Weise distanzierten. Bereichernd wirken Bemerkungen der Schriftstellerin Marie Darrieussecq über ihre Schmidt-Rezeption aus französischer Perspektive.

Lakonischer, teils zynischer Humor

Der Film vermittelt einen nachhaltigen Eindruck davon, wie ein Schriftsteller durch Lebensumstände, durch (in Krieg und Nachkrieg) verloren gegangene Lebenszeit, aber auch durch eine Art permanentes Nicht-Erwünschtsein auf dem literarischen Markt und in anderen Segmenten der Wirklichkeit in eine Haltung gerät, die aus der dauerhaften Not eine arrogante Tugend destilliert. Erkennbar wird auch der tiefe, lakonische und zuweilen zynische Humor, der Schmidts Einlassungen über die Um- und Mitwelt charakterisierte. Und warum er seit den späteren sechziger Jahren eigentlich nur noch zu Hause sitzen und arbeiten wollte und Reisen und Außenwelt nur mehr zu Recherche-Zwecken ertrug, wird beklemmend nachvollziehbar: Dem Mann lief einfach die Zeit davon, die er für sein Werk brauchte.

Ein gewichtiger Teil des Films besteht aus Fotos, die Schmidt selbst gemacht hat, und aus jenen eindrücklichen, in Ton wie Wortwahl und Grammatik unverkennbaren Texten Schmidts. Einige davon werden mit profundem Charme und ebenso profundem Timbre gesprochen von Mechtild Grossmann (die Staatsanwältin mit der Whisky-und-Rauch-Stimme im Münsteraner „Tatort“). Der Film bedient keine Vorurteile, sondern lässt das Material sprechen, indem er es überlegt montiert und mit einem zurückhaltenden Off-Text homogenisiert. So entsteht ein weitgespanntes Porträt, das vieles zulässt, ohne sich vor notwendiger Klarheit in die trübe Unverbindlichkeit einer Materialsammlung zu retten.

Seine Poesie bekommt der Film vor allem durch das elegische Zeitgefühl, das sich in ihm ausbreitet. Seine souveräne Objektivität hätte Schmidt womöglich gefallen, wenn er sich die Zeit genommen hätte, ihn anzuschauen.

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