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10. Juli 2013

TV-Kritik Doku „Gasland": Wenn das Wasser aus dem Hahn brennt

 Von 
Fracking: Die Gefahr lauert im Boden.  Foto: obs

Sie sehen nur das Geld, das Gift ist ja unsichtbar: Der preisgekrönte Dokumentarfilm „Gasland" klärt über die Gefahren des „Fracking" auf

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Es ist die derzeit heftig diskutierte Methode beim Thema Energiegewinnung: „Fracking“, ein Begriff, der den meisten Menschen vor wenigen Jahren wohl noch völlig unbekannt war. Und vielleicht wäre es das Beste, wenn es dabei bliebe. Denn das würde bedeuten, dass sich „Fracking“ nicht ausbreitet. Und wer den Dokumentarfilm „Gasland“ von Josh Fox gesehen hat, der wird hoffen, von diesem Wahnsinn verschont zu bleiben – oder etwas dagegen unternehmen.

So wie der jungenhaft wirkende 41-jährige Josh Fox, der eines Tages ein Angebot in Höhe von rund 100.000 Dollar bekam, wenn er auf seinem Grundstück eine Bohrung nach der Fracking-Methode zuließe. Fox sammelte erst einmal Informationen – um sich bald darauf in einen Umwelt-Detektiv zu verwandeln. Denn die Betreiberfirmen und Gasförder-Unternehmen, an der Spitze der Halliburton-Konzern, erwiesen sich als abweisend, verschwiegen und verlogen. Und das mit schlechtem Grund. Denn beim Fracking wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und giftigen Chemikalien unter Hochdruck in die Erde gepresst, um in tieferen Gesteinsschichten Risse und Aufbrüche zu erreichen, die dann das dort lagernde Gas freisetzen. Die USA haben entdeckt, dass unter ihrem Land ein Ozean an Erdgas liegt – eine schier unerschöpfliche Energiequelle.

Aber der Preis für die Gewinnung dieser Vorkommen ist zu hoch, und das kenntlich gemacht zu haben, ist das Verdienst von Josh Fox. Er reist durchs Land und besucht Menschen, auf deren Land Bohrungen stattfinden. Und findet: Kranke. Und sieht und riecht stinkendes Trinkwasser, erfährt von schwarzer Brühe, die aus der Waschmaschine kommt und erlebt, wie aus einem Hahn über dem Spülbecken in der Küche Wasser fließt, das brennt. Und muss sich anhören, dass die Verursacher, etwa eine Firma mit dem schönen Namen „Noble Energy“, kaltlächelnd ihre Verantwortung leugnen und die zuständigen Behörden alles in Ordnung finden.

Die Täter lehnen sich zurück

„Ich dachte, die sind für uns Einwohner da“, wundert sich ein Farmer. Sind sie nicht. Eine Betroffene hat die auf ihrem Land gefundenen toten Tiere eingesammelt und in Plastiktüten in ihre Tiefkühltruhe gepackt, um vielleicht mal etwas beweisen zu können – wenn man sie denn ließe. Denn beweisen, dass ihr Wasser vergiftet ist, müssen hier immer noch die Opfer, die Täter lehnen sich zurück und warten...

Dabei sind die Fakten, die Fox bei seiner Reise durch sein Land über die Gefahren des Fracking zusammenträgt, erdrückend. So sind für diese Gasgewinnung quasi sämtliche Umweltschutzbestimmungen außer Kraft gesetzt worden; die bei der Bohrung verwendeten Chemikalien sind „urheberrechtlich geschützt“ – also geheim; in den Proben wurden unter anderem Strontium und Barium und etliche weitere hochgiftige chemische Verbindungen gefunden; das Luftreinhaltungsgesetz der USA gilt nicht für kleinere Emissionsquellen – als solche gelten die einzelnen Bohrstände aber, auch wenn viele nebeneinander liegen. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Der Skandal erinnert in einem frappierenden Ausmaß an die Geschichte von Erin Brockovich, der amerikanischen Anwaltsgehilfin, die durch unermüdlich Recherche heraus bekam, dass der Konzern Pacific Gas and Electric für die Trinkwasserverseuchung des Ortes Hinkley verantwortlich war. Die Achse des Bösen, sie liegt in George W. Bushs eigenem Land, und ihre Vertreter heißen Halliburton, Monsanto, Chevron. Auch nun arbeitet der Mechanismus der Macht wieder: mauern, leugnen, lügen, oder mit abenteuerlichen Ausflüchten beschwichtigen: „Ich muss realistische Entscheidungen treffen“, formuliert der Chef des Umweltamtes von Pennsylvania. Musste er wenig später nicht mehr, weil ihm 370 Stellen gestrichen wurden...

Landstriche kontaminiert

Josh Fox’ Kameraarbeit ist bisweilen amateurhaft, die Montage unbeholfen, aber er hat für seinen Dokumentation verdientermaßen einen Preis bekommen. Er kann zeigen, welches Ausmaß die Folgen von Fracking landesweit haben können, er legt dar, dass von den Fracking-Bohrungen allein im Osten der USA das Wasser von 15 Millionen Menschen (inklusive New York) verseucht werden könnte. An der Golfküste sind schon Landstriche kontaminiert, denn die Abfälle von Raffinerien und Bohranlagen, die man dort ins Meer gekippt hat, sind mit den Wassermassen des Hurrikans Katrina wieder zurückgespült worden.

Es wirkt schon sehr beruhigend, dass Fox noch Menschen trifft, die die Gefahr des Fracking erkannt und sich dagegen ausgesprochen haben, wie etwa die couragierte Abgeordnete DeCette, die in einem Unterausschuss des Kongresses die Vertreter der Förderfirmen zum Offenbarungseid zwingt.

Davon ist man in Deutschland noch weit entfernt. Auch hier wird von Chevron schon gebohrt, auch hier wird von der Politik erst einmal geleugnet, wie im Arte-Begleitmaterial zu lesen ist: Derzeit lägen über mögliche Umweltrisiken des Fracking „keine Erkenntnisse“ vor, teilte demnach die Bundesregierung auf Anfrage der Grünen mit. Man sehe in der Fördermethode aber „große Potenziale". Sie sehen bloß das Geld, das Gift ist ja unsichtbar. Der Mythos des König Midas scheint aktuell wie nie: Irgendwann werden sie noch merken, dass man Dollars und Euro nicht essen und trinken kann.

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