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TV-Kritik
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29. September 2014

TV-Kritik Günther Jauch: „Schwieriges Thema, schwierige Diskussion“

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Der Imam Abdul Adhim Kamouss zu Gast bei Günther Jauch.  Foto: dpa

Über das Thema „Gewalt im Namen Allahs – wie denken unsere Muslime?“ spricht Günther Jauch unter anderem mit dem CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach, dem Neuköllner SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky und dem Imam Abdul Adhim Kamouss. Eine Herausforderung für Jauch und seine Gäste.

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Selten sah man Günther Jauch so erleichtert am Ende seiner Talkshow. „Schwieriges Thema, ganz schwierige Diskussion“ resümierte er am Sonntagabend die vergangene Stunde, in der er mit seinen Gästen über die Frage „Gewalt im Namen Allahs – wie denken unsere Muslime?“ gesprochen hatte. Vor allem Abdul Adhim Kamouss machte ihm das Leben schwer, einer der bekanntesten islamischen Prediger in Deutschland, der einerseits eine strenge Auslegung des Islam vertritt, sich andererseits aber ausdrücklich von Gewalt distanziert.

Mit ihm in einer Runde zu sitzen, ist eine sichtbar schwere Herausforderung für seine Kontrahenten, den CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach und den Neuköllner SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky. Denn beide sind fest davon überzeugt, dass die Neuköllner Al-Nur-Moschee, an der auch Kamouss predigt, ein Hort des Hardcore Fundamentalismus in Deutschland ist, wie Buschkowsky sagt. „Da werden Dinge gepredigt, die mit unserer offenen demokratischen Gesellschaft nicht vereinbar sind.“

Kamouss gibt angesichts solcher Vorhalte die Unschuld in Person. Er predige an vielen Moscheen und habe Zuhörer aller Kategorien und von Hasspredigten in Neukölln noch nie etwas gehört. Mit strahlendem Lächeln, allerhand Charme und einem überbordenden Rededrang dominiert er die Runde und lässt dem oft hilflosen Jauch wenig Chancen. Er bestreitet energisch alle Vorwürfe des Radikalismus, zeigt einen Dankesbrief des früheren SPD-Innensenators Körting für seine Integrationsarbeit vor und warnt vor wachsender Islamophobie in Deutschland. „Darauf habe ich gewartet“, stöhnt Bosbach.

"Ich habe mich weiterentwickelt“

Doch hat Jauchs Team auch wenig gefunden, um den Imam als gefährlichen Islamisten vorzuführen. Immerhin ein Video mit einem Vortrag von Abdul Adhim Kamouss zeigt Jauch, in dem dieser über die Rolle der Frau im Islam spricht: Wenn sie das Haus verlassen will, muss sie ihren Mann um Erlaubnis fragen, wenn er sie in seinem Bett sehen will, muss sie folgen. Kamouss zeigt sich wenig beeindruckt. „Das ist über zehn Jahre alt. Ich habe mich weiterentwickelt“, sagt er strahlend. „Das war falsch, was ich damals gesagt habe.“ Er freue sich darüber, sich jeden Tag weiterzuentwicklen. So spreche er auch nicht mehr von Ungläubigen, sondern  von anderen Leuten. Einen gemeinsamen Videoauftritt mit dem zum Dschihadisten gewordenen Berliner Rapper Denis Cuspert tut er ab. Den habe er leider mit seinen Worten nicht mehr erreichen können, ansonsten mache er aus Jugendlichen „radikale Friedensstifter“.

Bosbach kann das Auftreten des in Marokko geborenen Predigers kaum ertragen- „Das ist ein bühnenreifer Auftritt, ein Schauspiel, gut gemacht“, ruft er. Aber in den Freitagspredigten werde etwas ganz anderes gelehrt, da werde eine über tausend Jahre alte innerislamische Auseinandersetzung geführt, und die habe in Deutschland ebenso wenig zu suchen wie die Scharia, die islamische Rechtsprechung. „Da müssen wir klare Kante zeigen.“

Heinz Buschkowsky (SPD v. l. n. r.), Bezirksbürgermeister von Neukölln, Wolfgang Bosbach (CDU), Vorsitzender des Bundestags-Innenausschusses, Günther Jauch, Özlem Gezer, Journalistin, Abdul Adhim Kamouss, Imam in Berlin, und der Journalist Stefan Buchen sprechen über das Thema "Gewalt im Namen Allahs - wie denken unsere Muslime?"  Foto: dpa

Die muslimische Spiegelredakteurin Özlem Gezer und der ARD-Journalist Stefan Buchen haben wenig Raum in der Runde, rationalen Argumente einzubringen. Buchen verweist darauf, dass in Syrien und Irak 30 000 Islamisten kämpften und davon aus Deutschland vielleicht 450 kämen, 1,5 Prozent  – man das Problem also auch nicht übertreiben solle. Und er sagt, dass in Deutschland Salafisten und radikale Gegner wie die AfD sich gegenseitig befeuerten. Gezer und auch Buschkowsky sprechen von einer neuen Jugendkultur unter Muslimen, deren Magnetwirkung  man mit Angeboten unserer Gesellschaft entgegenwirken müsse. Bedenkenswerte Worte am Ende einer Runde, die immerhin einen leibhaftigen Imam in das deutsche Abendfernsehen gebracht hat, worüber sich niemand mehr freut als der fröhliche Abdul Adhim Kamouss.     

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