Aktuell: Peter Tauber | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

TV-Kritik
Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

21. Februar 2011

TV-Kritik zu "Anne Will": Mitquatschen ist alles

 Von Stephan Hebel
Die Talk-Runde bei Anne Will in der Hamburger Wahlnacht war dem Plagiats-Skandal von Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gewidmet.  Foto: Wolfgang Borrs/ARD

Wer solche Freunde hat, muss sich um seine Zukunft ernsthafte Sorgen machen. Vom kläglichen Versuch der Anne Will, zum Thema Guttenberg eine Kontroverse zu organisieren.

Drucken per Mail

Ausnahmsweise müssen wir heute erst mal einen Begriff klären: Unter „Pogromen“ versteht man, so formuliert es die Bundeszentrale für politische Bildung, „gewalttätige Verfolgungen, die sich gegen Minderheiten richten“. Und jetzt zu Anne Will.

Es ging schon auf elf zu am Sonntagabend, als Doktor Dieter Wedel einen letzten Versuch machte. Tapfer versetzte sich der Regisseur in die Lage des bedauernswerten Karl-Theodor zu Guttenberg: „Man empfindet das selber als eine Art Pogrom.“ Niemand – nicht Anne Will, nicht Alice Schwarzer, nicht Hans-Ulrich Jörges (Stern), nicht Karl Lauterbach (SPD) und schon gar nicht Monika Hohlmeier (CSU) – griff an dieser Stelle ein. Niemand erwähnte, dass wir bisher in Deutschland unter „Pogromen“ etwas anderes verstanden haben, als Kritik oder auch Häme an einem Medienstar, der sich erst zum fehlerfreien Superstar stilisierte und dann schwer in den Mustopf griff: nämlich die systematische Verfolgung, Misshandlung, Vertreibung und oft Ermordung von Juden.

So viel zu der Frage, was in unseren Talkshows mit der Angemessenheit von Begriffen passiert. So viel zu einem Niveau, das entsteht, wenn Fernsehen in Hochfrequenz Minderqualifizierte mit Kamera-Erfahrung aufeinander losplappern lässt. Wenn Fernsehen die eigenen Potenziale totzutalken beginnt, weil so viele Moderatorinnen und Moderatoren versorgt werden müssen, das man bald nicht mehr für jeden Tag eine Sendung, sondern für die nächste Sendung einen neuen Tag erfinden muss.

Wills Sendung von diesem Sonntagabend war ein schönes Beispiel, dass das nicht gut gehen kann. Die Moderatorin hatte das Prinzip „Mitquatschen ist alles“ schon ganz am Anfang ungewollt treffend auf den Punkt gebracht: „Wenn so viel diskutiert wird, sind wir natürlich auch dabei.“ An diesem Satz ist so ziemlich alles richtig – außer dem für diese Show viel zu großen Wort „diskutieren“.

Da sitzt auf der einen Seite der SPD-Professor Lauterbach, der es unendlich leicht hat zu erläutern, wie unmöglich Guttenberg nicht nur sich, sondern auch den Wissenschaftsbetrieb gemacht hat. Er überzeugt immerhin durch einen kleinen Trick: Er reiht sich ins große Lager der bisherigen Guttenberg-Fans ein – er habe Guttenberg ja immer für seine Klarheit gemocht -, um ihn dann um so anschaulicher zu demontieren.

Alice Schwarzer: „Irgendwann müssen mich alle lieben“

Dann sitzt da ein Jörges, von dem man immer das Gefühl hat, er sei durch einen Testosteron-Test zum Dauergast geworden. Allerdings verfügt er über eine vollständig entwickelte Artikulationsfähigkeit, was in diesem Umfeld oft sehr hilft. Er ruft uns immerhin in Erinnerung, dass vor allem konservative Werte berührt seien. Und dass der Baron seine Selbststilisierung zum Super-Edelmann vor allem auf ein Bündnis mit der „Bild“ gegründet hat.

Das ist übrigens die einzige Stelle, an der Alice Schwarzer auffallend schweigt. Ja, auch sie war wieder da! Der Versuch einer verdienten Feministin, sich über Bild und Glotze der Lächerlichkeit preiszugeben, nimmt kein Ende. Bild-Kolumnistin Schwarzer sagte also nichts zur Rolle der Bild bei der Heiligsprechung Guttenbergs, dafür sagte sie mal wieder einiges über sich selbst, denn es ging, wie gesagt, schon auf elf zu und Frau Will wollte wissen, ob Guttenberg das Opfer einer „Hetzjagd“ sei. Hierzu konnte Frau Schwarzer beitragen, dass sie den Vorgang des Hoch- und Runterschreibens kennt („Immer, wenn ich mal wieder Erfolg habe...“). Es ging dabei beinahe der Satz unter, mit dem die Publizistin Schwarzer in anderem Zusammenhang das Motiv ihres gesamten Handelns beschrieb: „Irgendwann müssen mich alle lieben.“

Alice Schwarzer findet übrigens, sie habe ja schon immer gefunden, dass Franz Josef Strauß vor Jahrzehnten viel zu hart angefasst worden sei („Sein Nacken!“), so dass sie, Schwarzer, schon 1982 eine entsprechende Kolumne geschrieben habe. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten sollten vielleicht einfach ein Studio mieten, in dem Alice Schwarzer und der Herr Jörges und vielleicht noch der Arnulf Baring und der Heinrich-August Winkler und ein paar andere ohne Unterlass so tun, als redeten sie miteinander, während sie sich in Wahrheit alle nur selbst inszenieren wie lauter kleine Zweitliga-Guttenbergs.

Ach, eins noch: Neben dem armen Wedel saß die noch ärmere Monika Hohlmeier, die sich vor allem durch ihre Eigenschaft als Strauß-Tocher qualifiziert hatte. Sie bewundert an Guttenberg offenbar vor allem, dass er „455 Seiten in sieben Jahren“ (ab-)geschrieben hat. Sie sagte das so oft, dass wir vor lauter Langeweile zu rechnen begannen. Macht etwa 1,25 Seiten pro Woche.

Hohlmeier hatte aber auch noch einen schönen Höhepunkt: Offenbar ermutigt durch das schöne Verständnis der Frau Schwarzer für Papi, die Wedelschen „Pogrome“ und die Erinnerung an den hardcore-reaktionären Vater, fand sie ein dem heutigen Verteidigungsminister höchst angemessenes Wort für das, was dem armen Mann gerade medial geschieht: „Stahlhagel“.

Als Anne Will zurückgab zu den Tagesthemen und zur Hamburg-Wahl, da war klar: Die nächste Talk-Show kommt bestimmt, denn da ist noch eine Moderatorin: Caren Miosga. Die hatte den Hamburger Sieger Olaf Scholz schon so mutig zum „Star“ ausgerufen, dass man dachte: Kann Deutschland nicht besser, als einen verlogenen Show-Politiker durch einen braven Langweiler zu ersetzen, der durch gewissenhafte Verwaltung politischer Schnittmengen in der Mitte gewinnt? Caren Miosga, immerhin, teilte Scholz im Interview mit, er wirke „so euphorisch wie ein englischer Butler zur Tea Time“. Das war sehr hübsch, aber musste Anne Will den kleinen Spaß gleich live mit der maßlosen Bemerkung „Großartiges Interview!“ loben?

Ja, so sieht es aus mit dem deutschen Polit-Fernsehen und seinen Qualitäts-Maßstäben.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Ausgewiesene Fernsehkritiker und Autoren aus dem politischen Berlin besprechen aktuelle TV-Filme, Krimis und Talkrunden - täglich auf FR-Online.

Unsere Kritiker
Daland Segler.

Segler ist langjähriger Medienexperte und Autor der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Tilmann P. Gangloff.

Gangloff schreibt seit vielen Jahren Fernsehkritiken für die FR. Er ist auch Juror für den renommierten Grimme-Preis. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Harald Keller.

Keller ist Medienhistoriker und Buchautor, Dozent und DJ - und gehört immer wieder mal den Gremien des Grimme-Preises an. Aktuelle Kritiken.

Unsere Kritiker
Judith von Sternburg.

Judith von Sternburg ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau. Aktuelle Texte.

Unsere Kritiker
Sylvia Staude.

Sylvia Staude ist Feuilleton-Redakteurin der Frankfurter Rundschau - und Krimi-Expertin. Aktuelle Texte.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Talkshow-Seiten im Internet
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Fotostrecke
Alle Tatort-Kommissare (20 Bilder)
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien