Abo | ePaper | App | Newsletter | Facebook | Anzeigen | Trauer

TV-Kritik

05. Dezember 2012

Zappelphilipp, ARD: Immer schneller

 Von Klaudia Wick
Die Lehrerin und ihr Schüler: Bibiana Beglau, Anton Wempner. Foto: BR/Kerstin Stelter

Ein beeindruckendes Fernsehdrama über einen Jungen mit ADHS: „Zappelphilipp“ in der ARD ist Aufklärung und Filmpoesie zugleich.

Drucken per Mail

Wo andere zur Arbeit radeln, rast sie. Wo andere hin und wieder einen Nachmittagskurs übernehmen, renoviert Hannah Winter Wochenende für Wochenende die Klassenzimmer ihrer Schule. Für die Direktorin ist die engagierte Lehrerin ein Glücksfall. „Wo nimmst du nur diese Energie her?“, fragt die dauerabgespannte Englischlehrerin. Aber einen Energieabfall scheint Hannah nicht zu kennen.

Warum sie so wie getrieben wirkt, beantwortet der Film nur in Andeutungen. Privat lebt Hannah ein sozial kaum bindungsbereites Leben: Die Liebhaber wechseln, der einzige Dauerfreund ist ein zugelaufenes Frettchen; das Verhältnis zu ihren Kollegen bleibt distanziert, zu ihrer Mutter dauerhaft gestört. Hannah verdampft ihre Einsamkeit auf dem Rennrad. „Du bist voll schnell!“, findet ihr neuer Schüler Fabian. Der Neunjährige weiß, wovon er spricht. Wo andere laufen, rennt er. Wo andere sprechen, schreit er. Wo andere etwas sehen, scannt er seine Umgebung wie mit dem Weitwinkelobjektiv.

Auf den ersten Blick finden die beiden Hyperaktiven Kontakt zueinander: Der Problemschüler und die Problemlöselehrerin. Der Zappelphilipp und die Rennraserin. Das einsame Kind und die einsame Tochter. Klassenlehrerin Hannah Winter sieht in dem auffällig unkonzentrierten Schüler nicht nur den nächsten undiagnostizierten ADHS-Fall, sondern ein besonders sensibles und damit besonders förderungsbedürftiges Kind. Mehr als sonst schon wirft sie sich deshalb in ihre neue Aufgabe: Hannah verteidigt Fabians ständige Eskapaden gegen den besorgten Elternvertreter, der in jeder Störung des Unterrichts eine Gefährdung für den Leistungsstand der Klasse sieht. Sie macht einen Hausbesuch bei Fabians Eltern, um „normale“ Gründe für den Dauerstress des Kindes zu finden, sie gibt Fabian in ihrer Freizeit Nachhilfe: Sport und Mathe in einem – Speednahrung für das Speedhirn.

Nicht einfach zu lösen

Aber das Drehbuch von Silke Zertz erzählt keine Märchen. So einfach, wie sich die Lehrerin die Integration von Fabian vorstellt, ist das Problem dann doch nicht zu lösen. „Zappelphilipp“ fächert angemessen weit auf, wie viele Interpretationsspielräume Fabians Verhalten lässt. Ist es ADHS? Oder spielt er doch zu häufig das Computer-Ballerspiel seines Stiefvaters? Ist seine soziale Kontaktschwäche, die sich mit einem verblüffenden grafischen Merkvermögen paart, gar auf ein Asperger-Syndrom zurückzuführen? Oder fehlt heute in unserem genormten Alltag einfach der Blick für das Besondere, wie sein Musiklehrer meint: „Früher wäre einer wie Fabian ein erfolgreicher Jäger geworden“.

Die Regie von Connie Walther folgt vor allem dieser Strukturthese, indem sie den dynamischen Handkamerabildern von Birgit Gudjonsdottir immer wieder Draufsichten aus der Vogelperspektive gegenüberstellt. So wird die Welt zu einem starren Gitterkreuz, in dem der Einzelne zu einem Punkt im Koordinatenkreuz zusammenschnurrt, der seine Identität durch einen präzisen X- und einen Y-Wert erhält. Seht her! Wer seinen Platz hier nicht findet, wird aussortiert, sagen diese Bilder. Und sie gemahnen zur Eile: Gleich fängt wieder der Unterricht an, gleich schaltet die Ampel auf rot, gleich fährt dir der Bus vor der Nase davon, gleich hast du den Anschluss verpasst, den falschen Beruf gewählt, das falsche Leben gelebt.

Dank einer rhythmisch kongenialen Montage von Cutterin Sabine Brose darf dieser Film immer Aufklärung und Filmpoesie zugleich sein. Connie Walther lässt berührende Szenen zwischen dem kleinen Anton Wempner (als Fabian) und Bibiana Beglau als seine Lieblingslehrerin entstehen und seziert in der nächsten Minute die ausgepumpte Verzweiflung des Lehrerkollegiums so schonungslos wie glaubwürdig als individuelle wie gesellschaftliche Überforderung. Am Ende macht ausgerechnet Hannah den entscheidenden pädagogischen Fehler, der das fragile Gleichgewicht zum Kippen bringt. Die Bewegung ist tragisch, aber für alle auch eine Chance. Selbst das mag der Film noch glaubwürdig zu vermitteln.

Jetzt kommentieren

TV-Kritik
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Kino: Neustarts
Medien
Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Quiz

Thomas Gottschalk übergibt "Wetten, dass..." an Nachfolger Markus Lanz. Testen Sie Ihr Show-Wissen!

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Filmtipps
Videonachrichten Kultur