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05. Februar 2014

ZDF-Kabarett "Die Anstalt" : Viel Spott, wenig Satire

 Von Harald Keller
Claus von Wagner (l.) und Max Uthoff.  Foto: dpa

Nachwuchs in der „Anstalt“: Die Gastgeber der ZDF-Kabarettsendung wechseln, das Konzept leider nicht. Die Chance zu einer formalen Neuerung wurde verpasst.

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Unter den Vorschlägen zur aktuell laufenden Preisrunde des diesjährigen Grimme-Preises waren acht Sendungen, die dem klassischen Kabarett zuzurechnen sind. Einige dieser Nennungen begegnen den Gremienmitgliedern alle Jahre wieder. Sie wurden noch nie mit einer Nominierung bedacht, aber die Sender bleiben hartnäckig. Damit verschenken sie Plätze aus ihrem begrenzten Vorschlagskontingent, denn sie missachten fahrlässig jenen Passus aus den Grimme-Statuten, der den eingereichten Sendungen abverlangt, dass sie „die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen“.

Das klassische Kabarett ist eine Bühnendarbietung aus der Zeit vor der Erfindung des Fernsehens, die mal mehr, mal minder geschickt von Kameras aufgenommen und in die Wohnstuben übertragen wird. Erstaunlich genug, dass sich diese Kleinkunstvariante bis ins 21. Jahrhundert gehalten hat. Dieter Hildebrandt hatte schon 1973 aufgezeigt, wie eine TV-spezifische Form der politischen Satire aussehen kann: Bei „Notizen aus der Provinz“ bediente er sich der Konventionen des politischen Fernsehmagazins und dabei auch dokumentarischer Filmmaterialien. Weshalb Fernsehrat und Sendeleitung alsbald Anstoß nahmen und eingriffen, wohlmeinend natürlich, aus Sorge um den vollends verwirrten Zuschauer, der vor lauter geistiger Armseligkeit zwischen ernsthafter Berichterstattung und Hildebrandts gesellschaftskritischen Satiren nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Im November 1979 wurde „Notizen aus der Provinz“ abgesetzt und dem Urheber Hildebrandt eine „Denkpause“ verordnet.

Die Denkpause wurde dann aber vom ZDF selbst eingelegt und dauerte ungefähr bis zur Einführung der „heute show“, deren Inspirationen freilich nicht von Hildebrandt, sondern von der US-amerikanischen „The Daily Show“ stammen – die allerdings nach dem Late-Night-Muster werktäglich ausgestrahlt wird. Damit wurde das Prinzip der „Notizen aus der Provinz“ wieder aufgenommen. Derber zwar, platter auch, aber immerhin kommen hier tatsächlich die Mittel des Fernsehens zum Zuge. Die traditionellen Bühnenkabarettisten erhielten derweil Freilauf in der Sendung „Neues aus der Anstalt“.

Die Anstalt im Handstreich genommen

Dort wechselten nunmehr mit der Sendung vom 4. Februar die Protagonisten. Urban Priol und Erwin Pelzig, der im wahren Leben Frank-Markus Barwasser heißt, traten aus eigenem Antrieb von ihren Posten als ‚Anstaltsleiter‘ zurück. Die Neuen im Betrieb, der jetzt nur noch als „Die Anstalt“ firmiert, sind Max Uthoff und Claus von Wagner, und sie inszenieren die Übernahme zu Beginn als handstreichartige Besetzung. Was aber schon mal gar nicht funktioniert, weil sie im selben Atemzug parodistische Hommagen an Urban Priol und Georg Schramm abliefern. Und dann bauen sie, obwohl angeblich gerade erst eingedrungen, auf ihren bereits wartenden Praktikanten (Nico Semsrott), der sich umweltscheu nicht nur unter einer Plane, sondern auch einer Kapuze verbirgt und mit starrem Blick aufs Display die Reaktionen im Internet verfolgt.

Und dann geht es weiter wie gehabt. Uthoff und Wagner spielen sich mal die Bälle zu, mal gibt es Monologe, ferner Gastauftritte von Simone Solga und Matthias Egersdörfer sowie besagtem Nico Semsrott, der in der Rolle eines schluffig-asthenischen Praktikanten in Seminarmanier eine „phasenweise pessimistische Power Point Präsentation“ vorführt. Als Thema nennt er „Chancen und Perspektiven von Depression im 21. Jahrhundert“, verliert das aber bald aus den Augen. Die Jugend von heute. Kann sich einfach nicht mehr konzentrieren. Kommt uns aber mit den Kalauern unserer Urgroßväter. „Wollt ihr mehr sehen?“, fragt der schüchterne Weichling mit zerbrechlicher Stimme. Irgendein Dämel muss Ja gerufen haben, denn Semsrott zeigt daraufhin Meer. Der Gag aus Vorkriegsbeständen wird dann auch noch verbal und grafisch erklärt. Und bleibt leider nicht der einzige halbverweste Kalauer, bei dem eine Wiederbelebung versucht wird.

Beschimpfungen statt Satire

Die anderen Herren bewitzeln zumeist die politische Lage und machen sich einen Sport daraus, bekannte Politiker mit lachdienlichen Beschimpfungen zu traktieren. Ursula von der Leyen ist „die heilige Ursula von der dauernden Empfängnis“, Frank-Walter Steinmeier „ein Mann mit dem Charisma eines sedierten Uhus“ und Joachim Gauck „die moralische Knautschzone aus Rostock“ oder auch „der angriffslustige Pfaffe“. Im Studio sitzen Menschen, die bei solchen Injurien feixen. Der Spaß sei ihnen gegönnt. Nur hat er nichts mit dem zu tun, was Wagner und Uthoff eingangs versprachen: Demnach wollen sie Missstände mit den Mitteln der Satire sichtbar machen.

Vereinzelt gab es solche Passagen, zum Beispiel ein Solo über die Schandtaten der Deutschen Bank – wobei der darin erwähnte, ungemein geschmacklose Anlagefonds „db Kompass life 3“, bei dem darauf spekuliert wurde, dass Referenzpersonen früher starben als berechnet, bereits vor zwei Jahren durch die Presse ging. Eine Bankberatung der anderen Art, Information mit provokantem Witz gemischt, aber eben nur ein kurzer Moment in einer insgesamt 45-minütigen Sendung. Und alles andere als aktuell.

Wie überholt diese Form ist, bewies Simone Solga, die, durchaus eine anerkennenswerte Leistung, stimmlich das Zappen durchs Fernsehen nachahmte – wobei sie allerdings alles mögliche, jedoch keine ZDF-Prominenz zitierte. Andere Mediensatiriker arbeiten längst mit dem originalen Material und mit den Techniken des Fernsehens, mit Schnitt, Zoom, Einblendungen, neu unterlegtem Kommentar. Oder sie spielen, wie der Fernsehmoderator Philipp Walulis und seine Mitstreiter, bekannte Fernsehphänomene mimetisch präzise, karikierend und damit in entlarvender Weise nach. Dieser (gar nicht mehr so) junge Wilde Philipp Walulis bekam 2012 einen Grimme-Preis.

Genau daraus sollten die Mitarbeiter öffentlich-rechtlicher Unterhaltungsredaktionen ihre Lehren ziehen, ehe sie wieder Unmengen von DVDs mit abgefilmtem Bühnengeschehen zu den Grimme-Kommissionen in die Marler Medienoase expedieren.

 

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