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Ukraine
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25. Juni 2015

Flug MH17 in der Ukraine: Eine Geschichte voller Widersprüche

 Von  und 
Das Trümmerfeld der abgestürzten Maschine MH17 im ostukrainischen Donbass. Keiner der 298 Menschen an Bord überlebte das Unglück am 17. Juli 2014.  Foto: REUTERS

Krieg der Bilder: Knapp ein Jahr nach dem Absturz von Flug MH17 in der Ukraine ist die Frage, wer die Maschine abschoss, ungeklärt. Wie verlässlich sind Aufnahmen bei der Wahrheitsfindung? Über die schwierige Suche nach der Wahrheit.

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Wir haben Euch gewarnt, fliegt nicht durch unseren Himmel“, bringt Igor Girkin seine Erfolgsmeldung auf den Punkt. Am 17. Juni 2014, um 17:50 Moskauer Zeit, meldet der russische Geheimdienstoffizier, der sich selbst „Strelkow“, deutsch: Schütze, nennt, auf „vkontakte“, dem russischen Facebook: „Eben ist eine Antonow (AN-26) zerschellt, im Raion Torez, nahe der Schachtanlage „Progress“. Der Vogel sei in der Nähe eines Wohngebiets heruntergekommen, allerdings ohne Schäden anzurichten, berichtet Girkin. Kurze Zeit später sei ein zweites Flugzeug abgestürzt, „wahrscheinlich eine Suchoi (SU)“. Dazu postet Girkin zwei Videoaufnahmen auf deren Standbildern Rauchsäulen zu erkennen sind.

Es ist genau das Gebiet, auf das kurz zuvor die Trümmer einer Passagiermaschine niedergehen: Flug MH 17 der Malaysian Airline von Amsterdam nach Kuala Lumpur mit 289 Menschen an Bord. Girkins Videos sind die ersten Bilder des Absturzes, die in Umlauf gebracht werden. Nachdem die ostukrainischen Separatisten, als deren Anführer Girkin firmiert, kurze Zeit später mitbekommen, dass die bei Torez abgestürzte Maschine eine Passagiermaschine war, verschwindet die Meldung aus dem Netz.

Damit beginnt diese Geschichte. Sie ist ein Wendepunkt in der Auseinandersetzung um die Ostukraine. Sie kennt viele Bilder, tausende Ansichten, aber nur zwei Meinungen: Die Russen waren es, lautet die eine, die Ukrainer sind es gewesen, die andere. Die Geschichte ist eine Geschichte des Krieges zweier eng verbundener Nationen. Es ist auch ein Krieg der Bilder, von Beginn an.

Ein Krieg der Bilder

Im November präsentierte das russische Staatsfernsehen eine Satellitenaufnahme, die den Abschuss der Passagiermaschine durch einen Kampfjet belegen sollte. Die Bilder kursieren eine Weile im russischen Netz und werden schließlich als Fälschung enttarnt. Mit der Unfalluntersuchung des Fluges MH 17 wurde schließlich die niederländische Behörde Onderzoekksraad voor Veiligheid (OVV) (Untersuchungsrat für Sicherheit) betraut. Ein offizielles Endergebnis gibt es noch nicht.

Aber seit Sonntag, dem 31. Mai, ist dieser Krieg der Bilder um einen Schauplatz reicher geworden. Es ist der Tag, an dem die Rechercheplattform Bellingcat ein Dossier ins Netz stellt, das alle bisherigen Aussagen des Kreml widerlegen soll.

Mit Hilfe von Fotoanalyse-Software will das Team zweifelsfrei nachgewiesen haben, dass die Satellitenfotos des Kreml falsch datiert und mit Hilfe von Foto-Software verändert wurden. Doch was Klarheit bringen sollte, stiftet nur noch mehr Verwirrung. Nach knapp drei Wochen Debatte zwischen Computerexperten und Journalisten, auf Medienwebsites und in Blogs, ist nicht mehr zu leugnen, dass die Analyse von Bellingcat eben auch nicht frei von Zweifelhaftem ist.

Vier Tage nach dem Absturz der MH 17 hatte der russische Generalstab erklärt, ein ukrainischer Kampfjet vom Typ SU-25 habe sich der malaysischen Boeing 777 genähert. Er sei auf die Maschine zugeflogen, das hätten die Aufzeichnungen der russischen Flugüberwachung ergeben. Außerdem forderte das russische Verteidigungsministerium Aufklärung über die Stationierung von Flugabwehrraketen des Typs Buk in Krasnoarmejsk, einem Ort, der sich zum Zeitpunkt des Absturzes unter ukrainischer Kontrolle befand. Das Verteidigungsministerium legt die Aufnahme einer Buk-Batterie vor, der eine Rakete fehlt. Die Aufnahme soll in Krasnoarmejsk gemacht worden sein.

Bellingcats Analyse

Mehrere Satellitenfotos, die das russische Verteidigungsministerium nach dem Abschuss des Fluges MH17 veröffentlicht hat, sollen gefälscht sein.

Ein Beispiel: Das Bild unten soll die Aktivitäten ukrainischer Luftabwehr in Schussposition zu Flug MH17 am 17. Juli 2014 beweisen. Bellingcat, eine Bürgerjournalisten-Rechercheplattform, kennzeichnet fünf Bereiche mit „unterschiedlichem Fehlerniveau“.

Bellingcat folgert, der Bildinhalt sei wahrscheinlich verändert worden. So seien die Wolken im rechten Bereich wohl nachträglich hinzugefügt worden, um womöglich andere Bildinhalte zu verdecken.

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier weist auf „Ungereimtheiten und haarsträubende Kurzschlüsse“ der Untersuchung von Bellingcat hin. FR

Bellingcat aber erklärte, seine Analyse habe zweifelsfrei nachgewiesen, dass die Satellitenfotos falsch datiert und mit Hilfe der Software Adobe Photoshop CS5 verändert wurden. Das russische Verteidigungsministerium habe der Weltöffentlichkeit manipulierte Satellitenfotos vorgelegt, um den Abschuss der Passagiermaschine durch eine ukrainische Buk-Rakete zu belegen. So hatte der Kreml eine Aufnahme präsentiert, die belegen sollte, dass sich eine ukrainische Buk-Batterie am 17. Juli 2014 nicht mehr an ihrem ursprünglichen Ort, einem Militärstützpunkt nördlich von Donezk befand, sondern andernorts zum Einsatz gekommen sei.

Bellingcat wollte nun bewiesen haben, dass das Bild vor der Veröffentlichung bearbeitet und verändert wurde. Unterschiedliche Bildbereiche wiesen demnach unterschiedliche Kompressionsstufen auf. Wolken seien nachträglich hinzugefügt worden. Auch das Beweisfoto, mit dem die russische Regierung belegen wollte, dass sich der ukrainische Raketenwerfer nahe dem Abschussort befand, sei manipuliert worden. Auch hier wiesen die Bildbereiche unterschiedliche Kompressionsstufen und Fehlerniveaus auf. Der Vergleich mit anderen Satellitenaufnahmen vom 17. Juli 2014 zeigen nach den Recherchen von Bellingcat außerdem, dass das vorgelegte Foto vor dem Tag des Abschusses entstanden sein müsse.

Vorwürfe gegen Bellingcat

Bellingcat versteht sich selbst als „investigatives Recherche-Netzwerk“, das die Ergebnisse seiner Analysen auf seiner Website veröffentlicht. Gegründet wurde es von einem früheren britischen Finanz- und Verwaltungsangestellten, Eliot Higgins. Higgins, Jahrgang 1979 und damals ein blasser, arbeitsloser Blogger aus Leicester, hatte vor drei Jahren begonnen, Hunderte Online-Videos aus dem syrischen Bürgerkrieg zu durchforsten. Teils mit der Hilfe ortskundiger Internet-User ermittelte er Aufnahmeorte, erforschte Details zu den Waffen, die in den Filmchen sichtbar wurden. Er wollte beweisen, dass das syrische Regime Chemiewaffen und Streubomben einsetzte. Es gelang ihm, so die allgemeine Lesart; selbst so renommierte Magazine wie der „New Yorker“ würdigten ihn dafür.

In diesem Jahr wurde Bellingcat sogar mit dem renommierten „Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis“ ausgezeichnet. Die Jury rühmte Higgins‘ „kompetente und verantwortungsvolle Auswertung“ der Online-Quellen als die „beste journalistische Aufklärung auf dem Schlachtfeld moderner Propaganda- und Verunsicherungskriege“.

Noch immer forschen Ermittler an der Absturzstelle nahe Donetsk.  Foto: rtr

Noch am 1. Juni – dem Tag, als „Spiegel Online“ und die meisten deutschen Medien die Bellingcat-Analyse zitierten – tauchte Kritik an den Schlüssen der Rechercheure auf. Allerdings kam sie nicht von prorussischen Bloggern, sondern von ausgewiesenen, neutralen Fachleuten. Sogar der US-Computerspezialist Neal Krawetz, der die Software programmiert hatte, die Bellingcat einsetzte, warf Bellingcat auf Twitter harsch eine „fehlerhafte Analyse“ vor: „Markieren Sie sie als ‚Wie man eine Bildanalyse NICHT durchführen darf‘.“

Tatsächlich waren Higgins und sein Team dieses Mal von ihrer üblichen Vorgehensweise abgewichen, Videos und Fotos mit Hilfe weiterer Fotos und der Expertise Ortskundiger auszuwerten. Sie hatten selbst mit Computerprogrammen gearbeitet – und stehen nun in der Kritik, diese nicht ausreichend zu beherrschen. So habe es nichts zu bedeuten, dass die Bearbeitung mit Photoshop nachweisbar sei: Das könne auch am Einfügen des Erklärtextes in die Bilder oder schlicht an einer Größenveränderung liegen. Die unterschiedlichen Fehlerstufen und Komprimierungen, könnten auf Retuschierungen hinweisen – aber auch auf mehr Detailtiefe in einem Foto. Andere Blogger merkten an, dass von ihnen manipulierte Fotos von der Software gar nicht entlarvt wurden oder dass der Vergleich eines Satellitenbildes mit dem auf Google Earth das Aufnahmedatum keineswegs widerlege, da auch Google alte Aufnahmen verwende.

All das belegt freilich genauso wenig die Echtheit der Kreml-Fotos. Aber dass etliche Medien – wo Journalisten in der Regel von den Feinheiten solcher Software-Analysen überfordert gewesen sein dürften – Bellingcats Schlüsse als letzte Wahrheit verbreiteten, ging wohl auch zu weit. „Spiegel Online“ ließ sich diese selbstkritische Erkenntnis von einem Bild-Forensiker bestätigen und gestand ein, diese „professionelle Skepsis im Umgang mit der Quellenlage, das Hinterfragen der Quelle hätten wir stärker zum Ausdruck bringen sollen“.

Das ist die Lage, sie ist voller Widersprüche und Unsicherheiten. Und das einzige, was wir heute sicher wissen, entstammt einem ersten Zwischenbericht der niederländischen Behörde OVV. Darin heißt es, dass „Objekte mit hoher Geschwindigkeit von außen in das Flugzeug eindrangen.“ Der Report macht keine Angaben zur Art dieser Objekte. Der Abschlussbericht soll im Sommer erscheinen.

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