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Ukraine
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30. Juli 2014

Sanktionen gegen Russland: Wie stark deutsche Firmen betroffen sind

 Von 
Jürgen Fitschen, Ko-Präsident des deutschen Bankenverbandes und Ulrich Grillo (r.), Chef des Industrieverbandes BDI.  Foto: dpa

300.000 Arbeitsplätze in der Bundesrepublik sind von den Sanktionen betroffen. Die Wirtschaftsverbände stehen dennoch hinter den Beschlüssen.

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Kein EU-Land unterhält so enge Wirtschaftsbeziehungen zu Russland wie die Bundesrepublik. Das bedeutet, dass deutsche Unternehmen die neuen Sanktionen gegen Moskau überdurchschnittlich stark zu spüren bekommen werden. Ein Überblick.

Wie wichtig ist Russland für Deutschland als Wirtschaftspartner?
Sehr wichtig. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Bundesrepublik auf Gas- und Öllieferungen von dort angewiesen ist. Aber auch als Abnehmer deutscher Waren – etwa von Maschinen, Autos und Chemieprodukten – ist Russland bedeutsam. Das bilaterale Handelsvolumen betrug im vergangenen Jahr 76,5 Milliarden Euro. Damit war Russland die Nummer 11 in der Rangliste der deutschen Handelspartner.

Wie stellt sich die Situation nun dar?
Die Ukraine-Krise hat bereits voll auf den Russland-Handel durchgeschlagen. Russland steht am Rande einer Rezession, der Rubel ist unter Druck. Die deutschen Ausfuhren sind seit dem Jahreswechsel rückläufig, Investitionen und Projekte mit russischen Partnern werden aufgeschoben oder ganz abgesagt. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet damit, dass die Exporte nach Russland im laufenden Jahr um mindestens 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr einbrechen werden. Das würde einem Volumen von sechs Milliarden Euro entsprechen. Dabei sind die neuesten Sanktionsbeschlüsse aber noch nicht berücksichtigt. 6200 deutsche Unternehmen sind in Russland aktiv. Darunter sind erste Adressen wie Volkswagen, Siemens oder Metro – aber auch zahlreiche Mittelständler. Laut Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft hängen 300 000 deutsche Jobs am Russland-Handel.

Welche Branchen werden die Sanktionen zuerst zu spüren bekommen?
Die größten Auswirkungen dürften die jüngsten Beschlüsse auf den Maschinen- und Anlagenbau haben. Teil des Sanktions-Katalogs ist ein Lieferverbot für Technologie zur Ölförderung sowie für Güter, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Dazu gehören beispielsweise auch Werkzeugmaschinen, Elektronik oder Steuerungstechnik, sofern sie beim russischen Militär oder in der Rüstungsindustrie zum Einsatz kommen. Der Maschinenbau-Verband VDMA geht davon aus, dass das Russland-Geschäft weiter einbrechen wird. Allein in den ersten fünf Monaten seien die Ausfuhren dorthin bereits um ein Fünftel zurückgegangen. Russland ist für die deutschen Maschinenbauer bisher der viertwichtigste Exportmarkt. Der Maschinenbau gilt mit einer Million Beschäftigten als Rückgrat der deutschen Industrie. Der Exportstopp für Ölförder-Technologie werde laut VDMA vor allem US-Firmen und weniger deutsche treffen.

Wie steht die deutsche Wirtschaft zu den Sanktionsbeschlüssen?
Über Monate hinweg haben Spitzen-Repräsentanten der Wirtschaft vor neuen Sanktionen gegen Russland gewarnt und eine rasche politische Lösung des Ukraine-Konflikts angemahnt. Spätestens nach dem mutmaßlichen Abschuss eines malaysischen Zivilflugzeugs durch Separatisten mit fast 300 Toten hat aber auch in deutschen Chefetagen ein Umdenken eingesetzt. Es war der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo, der Anfang der Woche den Kurswechsel verkündete: „Der BDI und ich persönlich sind zu der Überzeugung gelangt, dass das Verhalten der russischen Regierung im ukrainischen Sezessionskonflikt spürbare Konsequenzen haben muss“, schrieb er in einem Zeitungsbeitrag. Der wirtschaftliche Schaden, der Deutschland und den anderen EU-Staaten durch neue Sanktionen entstehe, werde allerdings „mehr als aufgehoben, wenn es gelingt, dem Völkerrecht in Europa und Rechtsgrundsätzen generell Geltung zu verschaffen“. Im Klartext: Die Wirtschaft trägt die Sanktionsbeschlüsse mit und erkennt das Primat der Politik an – auch wenn sie finanzielle Nachteile erleidet. Zufrieden äußerten sich am Mittwoch Wirtschaftsvertreter darüber, dass die neuen Sanktionen gegen Russland auf ein Jahr befristet sind und nach drei Monaten geprüft werden sollen.

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