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Ukraine
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09. Juni 2015

Ukraine: „Ich verstehe nicht, wofür ich kämpfen soll“

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Die Romantik nach der erfolgreichen Maidan-Revolution im Winter 2013/2014 währte nicht lange, …  Foto: rtr

Immer mehr ukrainische Männer fliehen nach Deutschland, sobald sie ihren Einberufungsbefehl bekommen. Sie wollen nicht in den Krieg ziehen für eine Regierung, der sie nicht glauben.

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Am frühen Nachmittag werden die Männer nervös. Serhej, Grischa und Roman blicken häufig auf die Uhr, die an der Wand in ihrer Gemeinschaftsküche hängt. An einer anderen Wand hängt ein Zettel, auf dem mit blauer Tinte und in großen Buchstaben jemand geschrieben hat, an welchem Tag es Geld gibt. Heute ist dieser Tag, ein Mittwoch Ende Mai.

Serhej, Grischa und Roman ziehen ihre Jacken über und schalten den Fernseher aus, auf dem Bilder aus dem syrischen Palmyra zu sehen waren. Dann gehen sie anderen Mitbewohnern ihrer Asylunterkunft hinterher. Neun Männer aus der Ukraine leben in einem Haus im bayerischen Kitzingen. Sie alle haben sich in Deutschland kennengelernt, sie alle sind aus dem gleichen Grund hergekommen – sie wollen nicht im Krieg in ihrer Heimat kämpfen. Sie sagen, sie wollen nicht für „kaputte Straßen und Diebe in der Regierung sterben“, sie sagen, sie wollen nicht töten, weil sie – wie Millionen anderer Landsleute – Verwandte und Freunde auf beiden Seiten des Konfliktes haben. Sie bitten Deutschland um Asyl.

Serhej zieht die Holztür des Landratsamtes auf, ein heller breiter Eingang, acht Meter hohe Decken des Spitals aus dem 14. Jahrhundert über seinem Kopf. Er und die anderen gehen an einer gemalten Karte an der Wand vorbei, die Deutschland in den Grenzen vor dem Ersten und vor dem Zweiten Weltkrieg zeigt. Die Männer öffnen noch eine Tür, nicken den Frauen am Empfang zu, nehmen zwei, drei Stufen einer Treppe auf einmal, bis sie auf andere Männer stoßen. „Who is last?“, fragt Serhej die Leute, die vermutlich aus Syrien stammen. Die Flüchtlinge der fernen Kriege – hier, in der bayrischen Provinz, im Landratsamt von Kitzingen, kommen sie zusammen.

280 Euro plus 30 Euro Kleidergeld erhalten sie in Deutschland als Asylbewerber. Das muss für einen Monat reichen. Wird ihnen Asyl zugesprochen, bekommen sie mehr. Doch ob ukrainische Kriegsdienstverweigerer in Deutschland Asyl erhalten können, das ist die große Frage. Je länger die Kämpfe zwischen der Ukraine und Separatisten dauern, desto mehr Asylanträge gehen bei den deutschen Behörden ein. Allein im Mai beantragten 506 ukrainische Frauen und Männer hierzulande Schutz.

Zurück in der Gemeinschaftsunterkunft schauen sich zwei Männer eine amerikanische Komödie auf einem Laptop an, während sie essen. Auf dem Herd kocht Kraut, es wird Borschtsch zu Abend geben. Roman hat sich Nudeln gekocht, er isst dazu Fleischklopse aus dem Glas. Romans Augen sind dunkel umrandet, sein Blick ist gesenkt, er schweigt lange, bevor er von sich erzählt. Er stammt aus der Hafenstadt Cherson, war elf Jahre bei der Handelsmarine, hat die Welt umrundet und hätte längst in einem anderen Staat leben können, sagt er. „Das wollte ich nicht. Ich wollte einfach einen Job und in der Ukraine bleiben.“ Nach der Maidan-Revolution sei er in Odessa grundlos auf der Straße verprügelt worden. Das Land sei aggressiver geworden.

… bevor der Krieg zum bestimmenden Lebensgefühl in der Ukraine wurde.  Foto: rtr

Dann kam die erste Mobilisierungswelle, die zweite folgte, inzwischen wird von der fünften geredet, weil trotz aller Mühen die Regierung in Kiew nicht die angestrebte Zahl von 60 000 Reservisten erreichen kann. Fast alle der neun Ukrainer in Kitzingen haben eine Einberufungsbescheinigung erhalten. Das war ein Signal. Sie packten ihre Koffer und reisten gen Westen – weit weg vom Krieg.

„Die können mich sonst gleich erschießen“, sagt Roman, „ich bin kein Militär“. Er ist über 35 Jahre alt, genauere Angaben will er nicht machen. Auch die anderen Männer verraten nicht viel über sich. Sie kommen aus dem Westen und aus dem umkämpften Osten, aus dem Norden und aus der Region nahe Krim. Miteinander sprechen sie Russisch mit ukrainischem Akzent. Wenn sie fluchen, dann in hartem Russisch. Je länger sie von ihrem Leben berichten, desto mehr Flüche fallen. Alle teilen sie die Wut auf die „Diebe“ an der Macht.

Grischa, 26, stammt aus einer Militärfamilie. Sein Bruder ist Kraftstofffahrer für die Armee. Grischa redet schnell und hebt dabei seine Stimme. „Ich kenne Leute, die getötet wurden, ich kenne Leute, die entführt wurden, ich kenne Leute, die eingekesselt waren. Wer kämpfen geht, muss sich auf eigene Kosten versorgen.“ Für seinen Bruder hätten er und Freunde Geld gesammelt und Uniformen für verschiedene Jahreszeiten gekauft. „Du bist denen da oben nichts wert“, sagt Grischa über die Armee.

Der Mann ist frustriert. Das hängt aber nicht nur mit dem Krieg zusammen oder damit, dass der junge, kräftige Arbeiter seine Zeit jetzt mit Nichtstun verbringen muss, sondern auch mit dem europäischen Asylsystem. Grischa hat vor wenigen Tagen vom Dubliner Übereinkommen erfahren. Er spricht den Namen der irischen Hauptstadt, in der das EU-Prozedere zur Prüfung von Asylanträgen beschlossen worden war, mit einem „U“ aus und wird dabei wütend. „D-U-blin, was ist das für ein Scheiß …“ Grischa und fast alle anderen sind nämlich mit polnischen Visa nach Deutschland gekommen.

Was das bedeutet, erklärt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Zuständig sei der EU-Mitgliedstaat, welcher das Visum erteilt habe. „Stellt die Person einen Asylantrag in Deutschland, würde sie im Rahmen der Dublin-Verordnung nach Polen überstellt werden.“ Allerdings: Das Bundesamt wird bei den Ukrainern zunehmend sensibler, weil die Zahl der Anträge „rapide“ steige, sagt eine Sprecherin. Am Asyl-Verfahren selbst werde derzeit nicht gerüttelt. „Wir gehen nach wie vor davon aus, dass es interne Fluchtalternativen gibt“, heißt es. Verglichen mit afghanischen oder syrischen Flüchtlingen, bei denen die Asylquote 80 bis 100 Prozent beträgt, haben die Ukrainer eher schlechte Chancen, hier bleiben zu dürfen: 2014 erhielten lediglich 5,5 Prozent der Antragsteller Asyl. „Aber was wir tun, das ist eine politische Entscheidung, wir führen nur die Vorgaben aus“, betont die Sprecherin.

Für die Bundesregierung sind die steigenden Zahlen der ukrainischen Flüchtlinge heikel. Berlin ist der wichtigste Vermittler zwischen Kiew und Moskau, das die Separatisten unterstützt. Im Konflikt selbst befürwortet Berlin Sanktionen gegen Russland und unterstützt die ukrainische Regierung. Nun fliehen aber ukrainische Männer im wehrfähigem Alter vor dieser Regierung.

„Ich habe diese Regierung nicht gewollt“, sagt Serhej, 40. Er habe als Programmierer gearbeitet und gut gelebt. Er habe zwar auch dem gestürzten Präsidenten Wiktor Janukowitsch nicht geglaubt, aber seit der Maidan-Revolution vor einem Jahr werde es schlimmer im Land. Serhej ist der einzige aus der Runde der Kitzinger, der nach eigenen Angaben ein deutsches Visum hat.

Anfang Februar hat er seinen Einberufungsbescheid bekommen und ist abgehauen. „Für 1000 Euro kann man sich auch freikaufen, ein halbes Jahr lassen sie dich dann in Ruhe“, erzählt er von Gerüchten. Serhej versteht die Revolutionäre in seiner Heimat nicht. „Mit Patriotismus kommst du nicht weit“, sagt er. Dass es auf dem Maidan um Demokratie gegangen sei, darüber lacht er. „Geld. Es ging um ökonomische Interessen. Ein Dieb ist weg, jetzt ist einer neuer da“, urteilt er über den Präsidenten Petro Poroschenko. Als er in seiner Firma Bescheid gab, dass er untertauchen werde, hätten alle Verständnis gehabt, auch seine Chefin.

„Ich verstehe nicht, wofür ich kämpfen soll. Für kaputte Straßen? Für Oligarchen? Wen soll ich verteidigen?“ Es gebe in der Ukraine eine Redewendung, sagt er: „Wer den Brei gekocht hat, der muss den auch auslöffeln.“ Er ergänzt: „Ich war nicht auf dem Maidan.“

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