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Ukraine
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17. August 2014

Ukraine: Aufruf an Europas extreme Rechte

 Von 
Freiwillige des Bataillons Asow in Kiew.  Foto: dpa

Ein französischer Söldner rekrutiert Freiwillige für den Krieg in der Ukraine. Mittlerweile kämpfen europäische Unterstützer auf beiden Seiten der Front.

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Es braucht nicht viel, um in den Krieg zu ziehen. Man solle einfach nach Kiew kommen, heißt es in der E-Mail aus der Ukraine. Militärische Erfahrung sei zwar wünschenswert, aber nicht Voraussetzung. Man solle so viel militärische Ausrüstung wie möglich mitbringen. Keine Waffen, die erhält man vor Ort, aber alles andere, was man im Felde so gebrauchen kann. In Kiew könne man zunächst eine Nacht ausschlafen; am besten im Hotel Dnipro. Ansprechpartner und Handynummern befinden sich im Anhang.

Als allererstes aber solle man den Verfasser der E-Mail selbst kontaktieren: Gaston Besson. Er werde dafür sorgen, dass der Freiwillige auch wirklich beim Bataillon Asow landet.

Das Bataillon Asow ist eine Freiwilligen-Einheit mit – nach eigenen Angaben – 500 Kämpfern. Nominell dem Innenministerium unterstellt, handelt es sich tatsächlich um den bewaffneten Arm der rechtsextremen Splitterpartei SNA (Sozial-Nationale Versammlung), die versucht Rechtsradikale aus ganz Europa an die ostukrainische Front zu mobilisieren. Ansprechpartner für die Freiwilligen ist der Franzose Gaston Besson. Ein Mann mit einschlägiger Erfahrung.

Erfahrung in anderen Kriegen

Der 47-Jährige ist in Sachen Krieg ein „alter Hase“. Wahlweise wird er in diversen Publikationen als „Abenteurer“, „Glücksritter“ oder als „Landsknecht“ und „Söldner“ beschrieben, je nachdem ob seine ehemaligen Kameraden oder seine Gegner über ihn schreiben. Der in Thailand geborene Besson verdingte sich unter anderem als Kämpfer in Indochina, ehe es ihn 1991 nach Kroatien zog, wo gerade der Unabhängigkeitskrieg ausgebrochen war.

Dort schloss sich Besson einer Einheit HOS an, dem paramilitärischen Flügel der rechtsradikalen Partei HSP. Die Paramilitärs kämpften gegen serbische Freischärler und die mit ihnen verbündete jugoslawische Armee. Nach Kriegsende machte er Kroatien zu seiner neuen Wahlheimat, der er jedoch im Frühjahr dieses Jahres vorläufig den Rücken kehrte. Besson hat eine neue Aufgabe gefunden: als Rekrutierer für das Asow-Bataillon.

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Besson selbst spricht davon, „Idealisten“ für den ukrainischen Freiheitskampf anzuwerben. Welche Art „Idealisten“ gemeint ist, macht derweil schon die Standarte des Bataillons deutlich, das eine Wolfsangel ziert. Noch deutlicher wird die politische Ausrichtung in einem Aufruf an internationale Freiwillige, der seit einigen Monaten verbreitet wird: „Wir sind sozialistisch, nationalistisch und radikal.“


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Es ist ein Aufruf an Europas extreme Rechte. Doch die ist beim Ukraine-Konflikt gespalten. Während ein Teil den autoritären Kurs Russlands unter Putin begrüßt und mit den Separatisten im Osten der Ukraine sympathisiert, bewundert der andere die Erfolge rechtsradikaler Gruppierungen wie des Prawyj Sektor und sucht den Schulterschluss im Kampf gegen den slawischen Erzfeind Russland.

Rechte auf beiden Seiten

So finden sich in der Ukraine Rechtsradikale auf beiden Seiten der Frontlinie. Während beispielsweise Besson mehrere Kämpfer aus Kroatien anwerben konnte, erhalten die „Volksrepubliken“ im Osten Unterstützung von serbischen Freischärlern, die sich in der Tradition der ultranationalistischen Tschetniks sehen. Denn auch bei den Separatisten gibt es Verbindungen auf den Balkan. Ihr Armeechef Igor Girkin alias Igor Strelkow kämpfte in den 90er-Jahren aufseiten der Serben im Bosnien-Krieg. Darüber, ob sich auch deutsche Rechtsextremisten an den Kämpfen in der Ukraine beteiligen, liegen laut Auskunft des Bundesinnenministeriums keine Erkenntnisse vor.

Beim Werben um Europas Rechtsradikale setzt die SNA auf eine gut organisierte Kampagne in den sozialen Netzwerken. Der Rechte Sektor, ein Zusammenschluss rechter ukrainischer Organisationen, dem auch die SNA angehört, unterhält auf Facebook und dem russischen Pendant „VKontakte“ Gruppen in mehreren europäischen Sprachen. Anhänger erhalten so nicht nur Berichte von der Front, sondern werden auch um Geld- und Sachspenden gebeten. Weil die ständig vom Staatsbankrott bedrohte Ukraine die Freiwilligen nur schlecht versorgt, muss auch das Bataillon Asow seine Ausrüstung selbst organisieren. Besson etwa beklagt in einer E-Mail, die der FR vorliegt, den schlechten Zustand der Fahrzeuge des Bataillons. Auch das blutstillende Medikament Celox scheint in der Ukraine derzeit Mangelware zu sein, wie mehrere Aufrufe auf der Facebook-Seite des Bataillons nahelegen. Unterstützung erhalten sowohl die regulären Armeetruppen als auch Freiwilligenbataillone wie Asow aus der ukrainischen Diaspora in Westeuropa. Unlängst bedankte sich der Bataillonsprecher Yaroslav B. via Facebook für Sachspenden der ukrainischen Gemeinden in Stuttgart und München. Und auch die Frankfurter ukrainische Gemeinde sammelt laut ihrer eigenen Homepage nicht nur humanitäre Güter, sondern auch Personenschutzartikel wie Schutzwesten und Helme.

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