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Ukraine
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09. März 2014

Ukraine-Konflikt: Putins verwirrendes Hütchenspiel

 Von 
Wladimir Putin lädt förmlich ein zur Dämonisierung.  Foto: REUTERS

Ein bisschen Zar, ein bisschen Erster Sekretär, eine kräftige Portion Nationalismus und eine würzige Prise Männerschweiß: Putins Schauspiel lebt vom paradoxen Potpourri. Russlands Krim-Politik kommt daher wie ein verwirrendes Hütchenspiel - das ist volle Absicht. Die Kolumne zum Ukraine-Konflikt.

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Extra für das heutige Thema habe ich meine Kolumnistenuniform neutralisiert: Kein Hoheitszeichen mehr, kein Rang, kein Name. Dank Klettband geht das ruckzuck. Ratsch, ab. Nun also trete ich Ihnen als anonyme journalistische Selbstverteidigungskräfte gegenüber. Mit einem vollautomatischen Kugelschreiber, wie man ihn in jedem Supermarkt kaufen kann. Mein Auto trägt kein Nummernschild mehr. Sie sind verwirrt? Ich auch.

Weil derzeit nichts zusammenzupassen scheint. Des Kremls Wirken auf der Krim kommt daher wie ein Hütchenspiel: Wir schicken Soldaten, aber ätsch, es sind gar nicht unsere! Wir installieren schwupps ein neues Parlament und eine Regierung. Aber nein, das waren wir gar nicht. Wir blockieren Straßen, Grenzen, die Kasernen, den Flughafen, verjagen alle unabhängigen Beobachter … Wir? Wir doch nicht!

Solche Scharaden, im Stil irgendwo zwischen Kanonenboot und Tim und Struppi angesiedelt, sind Herzstück von Wladimir Putins Krim-Politik. Und während die Welt noch konsterniert „ja, aber …“ Japst, ist schon der nächste Fakt geschaffen.

Putins Schauspiel lebt vom paradoxen Potpourri: Ein bisschen Zar, ein bisschen Erster Sekretär, gewürzt mit einem Quentchen Orthodoxie, einer kräftigen Portion Nationalismus und einer würzigen Prise Männerschweiß.

Putin lädt förmlich ein zur Dämonisierung. Denn er und seine Marionetten, Milliardäre und Musikanten orchestrieren gefährliche Gefühle: den Stolz der Nation, die ach so gedemütigt, nun aufersteht und die Würde des Russen rettet.

Europa stockt der Atem

Den Zorn auf die Feinde, all diese Faschisten, Feministinnen, Amerikaner, Sodomiten, Tschetschenen, Oppositionellen, die das geliebte Vaterland in den Schmutz zerren. Solches Gerede zündet nur, wenn die Hirne abgeschaltet, die Öffentlichkeit ausgeschaltet wird. Propaganda ist Putins Kerngeschäft, seine wichtigste Waffe die Verwirrung. Doch Putin hat kein Monopol auf Falschmeldungen. Krieg und Lüge sind ein altes, trautes Paar. Auch die Irak-Invasion der USA wurde mit dreister Desinformation begründet. Das Grundmuster der russischen Rhetorik ist aus Georgien bekannt: Wir schützen nur unsere Russen. Doch stellt die Mixtur aus Mimikry und Propaganda auf der Krim eine neue Konfusionsstufe dar: So frech, dass Europa der Atem stockt.

Letzte Woche habe ich alte Notizen und Fotos von der Krim herausgekramt, die Geschichte dieser Halbinsel bis zurück zu den Neandertalern studiert. Sehr viele Völker haben hier gesiedelt, bis auf Azteken und Maori so ziemlich alle. Orthodoxe, Katholiken, Muslime und Juden lebten auf der Krim oft friedlich nebeneinander. Die Halbinsel hätte, trotz etlicher Kriege (zuletzt haben die Deutschen hier gewütet), das Zeug zum Multikulti-Paradies. Sie hat so viele Wurzeln.

Schon als Fürst Grigori Potemkin die Krim 1783 seiner geliebten Zarin zu Füßen legte, war die Welt konsterniert. Er schenkte ihr eine neue Südküste. Sie nannte ihn „Wauwau“, „Goldfasan“, „mein Täubchen“. „Den Neid Europas betrachte ich in aller Ruhe“, schrieb Katharina II., die fortan „die Große“ genannt werden sollte, an ihren Lover. „Mögen sie scherzen, während wir unsere Geschäfte abwickeln.“

Das Scherzen zumindest ist uns akut vergangen.

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