"An meinem 80. Geburtstag platzt eine Bombe", soll der reiche Kunstsammler angekündigt haben - doch dazu kommt es nicht mehr. Nach Aufenthalten in einem Dutzend Kliniken und Pflegeheimen stirbt Gustav Rau wenige Wochen vor seinem Geburtstag unter mysteriösen Umständen, während sich bereits Scharen von Anwälten mit aufwendigen juristischen Aktionen an seinem Vermögen bereichert haben.
Am 3. Januar 2002 liegt der Schwerkranke in der Klinik Schillerhöhe im baden-württembergischen Gerlingen. Auf Station C 2 wird Rau um sechs Uhr morgens von Schwestern gewaschen. Dabei verlangt er, dass ihm die Atemwege abgesaugt werden. Um 6.40 Uhr kommen die Schwestern wieder ins Zimmer und finden ihn leblos im Bett. Zwei hinzugerufene Ärzte stellen um 7.15 Uhr den Tod fest. Sie attestieren ein natürliches Ableben und geben als Ursache Ateminsuffizienz und Herz-Kreislauf-Stillstand an.
Am 4. Januar wird die Kripo beauftragt, den Leichnam zu beschlagnahmen. Die Obduktion im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus ergibt keine Anzeichen von Gewalteinwirkung. Um aber eine Vergiftung auszuschließen, wird ein chemisch-toxikologisches Gutachten angefordert, das zu beunruhigenden Ergebnissen kommt. Untersucht wurden Mageninhalt, Blut, Urin, Gallenblaseninhalt, Niere, Muskeln und Haare. In dem Gutachten, das der FR vorliegt, kommt der Leiter des Instituts für forensische Toxikologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Gerold Kauert, zu dem Ergebnis, dass Rau an einer auffällig hohen Konzentration des Medikaments Amantadin gestorben sein kann. Man habe eine "bezogen auf die Toxizitätsgrenze um den Faktor 7 erhöhte Amantadin-Konzentration" festgestellt.
Das Mittel hat Rau zwar per Infusion als Parkinson-Behandlung bekommen, doch die hohe Konzentration im Blut könne allein durch therapeutische Verabreichung "nicht erreicht worden sein", so das Gutachten. Um die bei Rau gemessene Dosis Amantadin im Blut zu erreichen, wäre eine Infusion von sage und schreibe 15 Halb-Liter-Flaschen nötig gewesen. "Ein solches Volumen unauffällig in kurzer Zeit zu infundieren, ist nicht möglich", so der Gutachter.
Bei Rau wurden pro Liter Blut 6,71 Milligramm des Medikaments nachgewiesen. Amantadin-Konzentrationen von 1 bis 5 mg pro Liter Blut könnten toxisch auf das Zentral-Nervensystem wirken, so Kauert. Allein durch eine längerzeitliche Ansammlung des Stoffes in Raus Körper könne "die hohe Blutkonzentration nicht resultieren". Unter Berücksichtigung aller Befunde müsse man "eine zusätzliche Aufnahme von Amantadin in Betracht ziehen".
Wie also kam die giftige Dosis in Raus Körper? Es gebe denStoff auch als Tabletten oder Saft, heißt es im Gutachten. Auffällig sei, dass Raus Mageninhalt 1,6 Liter betragen habe. Im Klartext äußert Professor Kauert in der nüchternen Sprache der Wissenschaft einen schwerwiegenden Verdacht: Dem Milliardär, der nach Auskunft von Beteiligten damals kaum noch selbst trinken konnte, könnte das Medikament von einer anderen Person in hoher Dosis oral eingeflößt worden sein.
Der Verdacht ruft die Staatsanwaltschaft Stuttgart auf den Plan. Sie ermittelt wegen des Verdachts des Totschlags gegen Raus Privatsekretär Robert C. und seine Generalbevollmächtigte Sigrid T. Sie war der letzte Gast an Raus Krankenbett, der in den Akten auftaucht. Am Tag vor seinem Tod trank sie laut Gutachten "gemeinsam eine Flasche Sekt" mit ihm. Die leere Flasche im Krankenzimmer habe Frau T. am Tag nach Raus Ableben selbst weggeräumt, heißt es im Gutachten. Die Staatsanwaltschaft stellt die Ermittlungen im Mai 2005 ein. Man habe "keinerlei Hinweise erlangt", dass "die Generalbevollmächtigte oder der Sekretär dem kranken Dr. Dr. Rau Amantadin zugeführt haben könnten", so die Behörde. Von einem Tötungsdelikt könne "nicht mehr ausgegangen werden".