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Unicef-Interview: "Was sind uns unsere Kinder wert?"

Der Unicef-Vorsitzende Jürgen Heraeus über benachteiligte Kinder in Deutschland, die Lehren aus dem Spendenskandal und den Erbschaftsstreit um die millionenschwere Kunstsammlung von Gustav Rau.

Der Unicef-Vorsitzende Jürgen Heraeus im Interview.
Der Unicef-Vorsitzende Jürgen Heraeus im Interview.
Foto: dpa

Herr Heraeus, Sie haben mal gesagt: "Sie müssen ein Unternehmen fest in der Hand halten, das ist keine demokratische Veranstaltung." Nach vier Monaten als Vorsitzender: Haben Sie Unicef in der Hand?

Was der neue Vorstand vor vier Monaten versprochen hatte, wurde alles umgesetzt. Wir haben die Satzung geändert, Vorstand und Geschäftsführung klar voneinander getrennt. Wir haben einen Wirtschafts- und Investitionsausschuss, der auch Beraterverträge genehmigen muss. Wir haben eine interne Revision, die von einer unabhängigen Prüfungsgesellschaft durchgeführt wird.

Zur Person

Der Manager Jürgen Heraeus ist seit dem 11. April 2008 Vorsitzender des Deutschen Komitees von Unicef. Zuvor hatte sich der 71-Jährige einen Namen als Unternehmer der alten Schule gemacht, als einer, der stets auch soziale Verantwortung für seine Mitarbeiter und für gesellschaftliche Belange übernimmt.

In seiner Heimatstadt Hanau kennt man den Vater von fünf Töchtern als Mäzen und Sponsor. Von 1983 bis 2000 war er Vorstandsvorsitzender der Heraeus GmbH, eines hochspezialisierten Edelmetall- und Technologiekonzerns. Heute ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens.Mit seiner Wahl zum Unicef-Vorsitzenden endete im April die bislang schwerste Krise des Kinderhilfswerks. Sie hatte im November 2007 begonnen, als unter anderem bekannt wurde, dass der damalige Geschäftsführer Dietrich Garlichs mit Spendengeld hohe Provisionen an Mitarbeiter gezahlt hatte, ohne den Vorstand darüber im Einzelnen zu informieren. Daraufhin entspann sich eine monatelange Führungskrise, in deren Verlauf Garlichs, die Vorsitzende Heide Simonis, schließlich der komplette Vorstand zurücktraten und Unicef auch das Spendensiegel entzogen wurde.

Mit Heraeus‘ Amtsübernahme kehrte wieder weitgehend Ruhe ein. Der Manager umgab sich mit PR-Profis, sorgte dafür, dass Unicef einen detaillierten Geschäftsbericht vorlegte und beruhigte mit etlichen Regionalkonferenzen die Basis. Für neue Aufregung sorgte zuletzt jedoch der Erbschaftsstreit um die millionenschwere Kunstsammlung von Gustav Rau. Unicef sieht sich als rechtmäßiger Erbe der Werke aus dem Nachlass und hat jüngst auch in erster gerichtlicher Instanz vor dem Landgericht Konstanz Recht bekommen.

Ist es für Sie nachvollziehbar, dass es das vorher alles nicht gegeben hat?

Ja, ein Stück weit ist das schon nachvollziehbar. Schließlich gibt es auch andere kleine Unternehmen und Institutionen, die solche Regelungen nicht haben. Was ich nicht nachvollziehen kann, ist: Warum die ehemals Verantwortlichen bei Unicef - und dazu zählt sowohl die Geschäftsführung als auch der Vorstand - nicht genauer auf Strukturen geschaut haben.

Ist die Aufarbeitung der Vergangenheit aus Ihrer Sicht abgeschlossen?

Ja, die ist abgeschlossen. Wir haben alles geprüft, was geprüft werden konnte. Sicher wurden viele Fehler gemacht, aber es hat niemand in die Kasse gegriffen. Das ist bewiesen! Auch viele weitere Anschuldigungen, die erhoben wurden, haben sich im Nachhinein als unhaltbar erwiesen. Aber lassen Sie uns nach vorne schauen.

Eine der wichtigsten ersten Maßnahmen, mit denen Sie die Arbeit von Unicef transparenter machen wollten, war die Veröffentlichung eines viel detaillierteren Geschäftsberichts. Es werden nun Gehälter von Bereichsleitern, Referenten, sogar Sekretärinnen veröffentlicht. Aber nicht die Einkünfte des Geschäftsführers. Warum nicht?

Das hätte ich haben wollen. Allerdings war der frühere Geschäftsführer nicht damit einverstanden und vertraglich auch nicht dazu verpflichtet. Deshalb konnten wir diese Zahl nicht veröffentlichen. Bei dem neuen Geschäftsführer werden wir das aber machen.

Sie haben vor vier Monaten auch angekündigt, dass es keine Provisionszahlungen mehr für Spendeneintreiber geben soll. Bleibt es dabei?

Grundsätzlich sind Provisionen ja nichts Verwerfliches und unter bestimmten Voraussetzungen vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen auch erlaubt. Ich habe anfangs gesagt, dass ich mir das auch bei Unicef vorstellen könnte, wenn es offen gemacht wird. Inzwischen bin ich etwas anderer Meinung. Das liegt an der Konstruktion der Organisation: Die 8000 Ehrenamtlichen kriegen ja kein Geld und geben sich trotzdem große Mühe, Spenden zu sammeln. Wenn man jetzt einen auf Provisionsbasis hinsetzt und sagt, der kriegt sieben Prozent oder maximal soundsoviel, ist das etwas problematisch. Deswegen würde ich dieses Thema im Moment nicht weiter verfolgen. Ob das auf Dauer richtig ist, weiß ich nicht. Das wird ja in großem Umfang gemacht. Die Zeiten, wo man nur auf der Straße mit der Büchse geklingelt hat, sind vorbei.

Haben Sie inzwischen das Vertrauen der ehrenamtlichen Basis zurückgewonnen?

Also, erst mal: Über 80 Prozent der Fördermitglieder sind uns auch in der Krise treu geblieben! Auch die ehrenamtlichen Helfer waren natürlich tief getroffen. Aber nur eine von über 100 Unicef-Gruppen hat sich aufgelöst. Das Vertrauen zurückzugewinnen, ist eine unserer vordringlichsten Aufgaben. Dabei stimmt mich zuversichtlich, dass es beispielsweise im Juni mehr Veranstaltungen der Arbeitsgruppen gab als im Vorjahr. Und natürlich würde ich mich freuen, wenn auch die FR in ihrem Einzugsgebiet diese Arbeit wieder positiv begleitet.

Es gibt neue Vorwürfe an Unicef, das Kinderhilfswerk führt einen Rechtsstreit um die Frage, ob es rechtmäßiger Erbe der Kunstsammlung Rau ist. Sind Sie im Einzelnen über diesen langjährigen Streit informiert?

Ja. und deshalb weiß ich auch, dass es keine "neuen Vorwürfe" gibt. Diese sind lediglich durch eine verzerrte Berichterstattung aufgetaucht. Man muss doch erst mal eines sehen: Nach allem was wir wissen, hat Herr Dr. Rau nie daran gedacht, den Urenkeln der Schwester seiner Frau sein Vermögen zu vermachen. Sein Bestreben war es, sein Vermögen Hilfsprojekten zur Unterstützung von Kindern in der Dritten Welt zukommen zu lassen. Er hat dann unterschiedliche Stiftungen gegründet, zunächst in der Schweiz, dann in Liechtenstein. 1999 kam er zu Unicef und hat uns einen Teil seiner Sammlung geschenkt. Dann kam das Erbe. Und das hat er ja gemacht, weil er gesehen hat, dass das bei Unicef in guten Händen ist. Sein Krankenhaus in Afrika mit 5000 Patienten am Tag, das sollte auf jeden Fall unterstützt werden, das war sein Wunsch. Den Streit haben die Schweizer Stiftungen und die Urenkel der Schwester von Frau Rau angefangen.

Die sich auf ärztliche Gutachten stützen, wonach Rau zum Zeitpunkt seiner Unterschrift nicht mehr geschäftsfähig war.

Das war ein Privatgutachten, das die Erben in Auftrag gegeben haben. Unicef hat nichts anderes gemacht, als seine Rechte zu verteidigen. Wenn Ihre Zeitung schreibt, dass wir das bleiben lassen sollen, kann ich nur sagen: Das kann nicht Ihr Ernst sein! Wenn ich a) eine Schenkung und b) ein Erbe habe und gebe das auf, nur weil das jemand anficht, würde ich bei einer Aktiengesellschaft der Untreue angeklagt werden.

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Datum:  27 | 8 | 2008
Seiten:  1 2
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