Köln (thie/dpa) - Nach dem Rücktritt von Unicef-Geschäftsführer Dietrich Garlichs sieht das Kinderhilfswerk in Deutschland Chancen für einen Weg aus der Vertrauenskrise. "Wir wollen jetzt wieder durchstarten, wir wollen arbeiten und wir wollen Reformen durchführen, auf deren Notwendigkeit uns die Krise aufmerksam gemacht hat", sagte der Unicef-Deutschland-Vorsitzende Reinhard Schlagintweit in Köln.
Am Mittwoch soll in einer Vorstandssitzung über eine Nachfolge Garlichs gesprochen werden. Dessen Rücktritt am Freitag stieß durchweg auf ein positives Echo. Unicef-Botschafterin Sabine Christiansen erklärte in Berlin, Garlichs Rücktritt verdiene Respekt und werde "hoffentlich wieder Ruhe und Konzentration auf unsere Arbeit bringen".
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Die frühere, Anfang Februar zurückgetretene Unicef- Vorsitzende Heide Simonis sagte in Kiel, sie sehe nun "die Chance eines echten Neuanfangs". Für die Grünen im Bundestag sagte Unicef-Mitglied Kerstin Müller, der Rücktritt sei zu begrüßen, "weil er den Weg für einen Neuanfang bei Unicef freimacht."
Am Freitag hatte Garlichs in einem Brief an den Unicef-Vorstand erklärt, er übernehme die Verantwortung für den Vertrauensschaden der vergangenen Wochen und hatte sich bei allen Betroffenen entschuldigt. Ihm waren zu großzügige Honorare für externe Berater vorgeworfen worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit Ende November gegen ihn wegen des Anfangsverdachts der Untreue.
Laut Nachrichtenmagazin Focus sind die Untersuchungen verstärkt worden. Der Kölner Oberstaatsanwalt Günther Feld bestätigte am Samstag, es würden neue Unterlagen der deutschen Unicef-Sektion überprüft, darunter auch Dokumente über eine Lebensversicherung, die das Hilfswerk in Köln zugunsten Garlichs finanziert haben soll. Das bestätigen auch Dokumente, die der FR vorliegen (siehe auch: Lebensversicherung für Garlichs).
Feld bestätigte auch, dass Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfungs- Gesellschaft KPMG zu ihrem Unicef-Sondergutachten angehört worden seien. Unicef sieht seine Spitze durch das KPMG-Gutachten entlastet, es seien "keine Verschwendung von Geldern, keine Unregelmäßigkeiten oder gar Satzungs- oder Gesetzesverstöße" festgestellt worden. KPMG hatte dagegen betont, dem Management sei kein strafbares Verhalten anzulasten, es habe aber "Verstöße gegen bestehende Regeln" gegeben.
Schlagintweit betonte, das Wort "Neuanfang" sei ihm zwar zu dramatisch. Er sei jedoch optimistisch, dass Unicef nach einer schwierigen Übergangsphase wieder gut vorankommen werde. Es werde aber wohl Monate bis zu einer Nachfolge-Entscheidung dauern. Das gelte nicht nur für die Geschäftsführung, sondern auch den Vorstand, den er selbst nur vorübergehend nach dem Simonis-Rücktritt übernommen habe.
Simonis verlangte, die Satzungen von Komitee und Stiftung zu reformieren, die Funktionen von Vorstand, Geschäftsführung und Mitgliederversammlung neu zu definieren und die Mandatszeiten zu begrenzen. Die Quote der Verwaltungskosten solle gesenkt werden.
Simonis forderte außerdem, dass bei Budget, Geschäftsbericht, Gewinn- und Verlustrechnung Kontrollverfahren eingeführt werden, bei denen grundsätzlich das Vier-Augen-Prinzip gelte. "Unicef ist die einzige UN-Organisation mit einer breiten Basis in der Bevölkerung. Daher muss die Information der Arbeitsgruppen über Vermögen und Spenden verbessert und ihre Mitbestimmung über Vorhaben und Projekte garantiert werden. Nach außen muss Unicef völlig transparent werden", sagte die ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin.
Der Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), Burkhard Wilke, sagte in der Hannoverschen Zeitung, es werde weiter geprüft, ob Unicef das Spenden-Siegel behalten könne. "Der Rücktritt ist eine personelle Frage, die helfen kann, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, aber das ändert die Strukturen nicht."
Beschäftigte der Kölner Unicef-Zentrale hatten sich zuvor mit einem Schreiben an die Frankfurter Rundschau gewandt. "Die absolut überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter war völlig geschockt, als Frau Simonis am Samstag zurückgetreten ist", heißt es dort. "Besonders aufgeregt hat uns die verlogene Pressekonferenz unserer Führungsriege am Mittwoch in Berlin. Da fliegt ein ganzer Tross in die Hauptstadt, um nichts anderes zu tun, als Herrn Garlichs zu decken und Frau Simonis zu denunzieren."
In der Kölner Unicef-Zentrale sei seit dem Rücktritt von Simonis täglich eine Flut von Protestschreiben und Kündigungen eingegangen. Auch große Unternehmen, die mit Unicef zusammen arbeiten, hatten sich zunehmend besorgt gezeigt über die untransparenten Geschäftspraktiken. Wichtige Sponsoren wie Payback hatten personelle Konsequenzen gefordert.
Angesichts der Unregelmäßigkeiten bei Unicef, die die Frankfurter Rundschau Ende November öffentlich gemacht hatte, überlegt sich nun die Bundesregierung, die Regelungen zur Transparenz von Spendenorganisationen überprüfen. "Nach der vollständigen Aufklärung des Unicef-Falls sollen die Defizite genau geprüft werden", sagte ein Sprecher von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) der FR. "Danach wird entschieden, ob es gesetzliche Änderungen bedarf."
Bei den Mitarbeitern herrscht nach Garlichs Rücktritt überwiegend Erleichterung und Freude. "Uns war allen klar, dass, wenn Garlichs geblieben wäre, hier im Haus die Köpfe gerollt wären", heißt es.