"Ich habe hier doch keinen kleinen Hof mit ein paar Kühen und ein bisschen Mais", sagt Andreas Schmidt, Chef der Kraatz Agrar GmbH an der Oberhavel in Brandenburg. Sondern 850 Stück Vieh, 1400 Hektar Land und 20 Angestellte. Da könne er sich Verluste wie 2006, als ein Drittel der Maisernte von den Larven des Maiszünslers zerstört wurden, nicht leisten.
"Das ist hier ein bisschen was anderes als in Baden und Bayern", wo die Höfe klein und Fraßschäden leicht abzuwehren oder zu verschmerzen seien. Aus betriebswirtschaftlicher Vorsorge sät Schmidt heuer zum dritten Male 50 Hektar gentechnisch veränderten Mais aus. Der produziert permanent ein Insektengift gegen den Maiszünsler.
Während "die da unten" im Süden die gefräßigen Larven des Falters mit mechanischer Bodenbearbeitung oder mit punktuellen Giftduschen in den Griff bekommen, zahlt der Geschäftsführer einer früheren Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) lieber 15 Prozent mehr für den Sack Gen-Mais, um den Schaden abzuwenden.
Der entstehe auch, weil seine Nachbarn den Boden nach der Maisernte nicht mehr pflügten. Damit bauen sie Humus auf, der im sandigen Brandenburg das Wasser besser hält. Das tun sie auch, um zu sparen. Damit aber komme der schädliche Falter in den abgemähten Stängeln ungeschoren davon, sagt Schmidt.
Bei US-Agromulti Monsanto gilt die Handvoll Landwirte, die gegen das Heer zehntausender Gen-Mais-Gegner unter den Bauern opponiert, als Helden. Die Amerikaner pochen darauf, dass die Saat für Mensch und Umwelt unbedenklich sei und dem Landwirt Nutzen beschere: Er ernte mehr, weil die Larven nicht mehr am Mais knabbern.
Expertenkreise: Verbot in Deutschland
Doch um welchen Preis? Bauern, Verbraucher, Umweltschützer und Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) melden unter Hinweis auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse massive Bedenken an. Aigner hat sich selbst - zum Entsetzen von Forschungsministerin Annette Schavan (CDU), die vor einer Dämonisierung der Gentechnik warnt - unter Druck gesetzt. Sollte ein Bericht zum Anbau-Monitoring über Mon 810, dem einzigen in der EU erlaubten Gen-Mais, mangelhaft sein, drohe das Verbot.
Die Nachrichtenagentur dpa will aus Expertenkreisen bereits erfahren haben, dass der Anbau von Genmais in Deutschland verboten wird. Landwirtschaftsministerin Aigner wolle ihre Entscheidung am Vormittag auf einer Pressekonferenz in Berlin bekanntgeben - rechtzeitig vor der Aussaat, die mit der Weißdornblüte beginnt.
Tatsächlich lieferte der US-Agrokonzern den Bericht pünktlich ab, doch das Papier hat Schwächen. Dabei geht es um das sogenannte Tagfaltermonitoring, wie es das Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung betreibt. Monsanto, so eine Auflage des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), sollte mit Hilfe dieser Daten klären, ob der Gen-Mais Vorkommen von Falterarten beeinträchtigt, die nicht Ziel des vom Mais produzierten Insektizids sind. Der Schuss ging nach hinten los. Denn, das bestätigt Helmholtz-Wissenschaftler Josef Settele der FR, die von Monsanto verwendeten Daten "geben keine Auskunft über Häufigkeitsschwankungen. Sehr wohl zeigen sie hingegen, wo aktive Menschen sitzen", die in ehrenamtlicher Arbeit Beobachtungen über das Tagpfauenauge ans Institut nach Leipzig lieferten. Da kommen naturgemäß aus Hessen mehr Daten als aus Mecklenburg-Vorpommern. Deshalb, so Settele zur FR, spiegelten die Infos über die Schmetterlinge "eher die Bevölkerungsverteilung wider als die Verteilung der Art". Rückschlüsse auf den Einfluss des Gen-Mais-Anbaus auf die Falter hingegen seien "willkürlich".
Ob ein mit Schwächen behafteter Bericht Grundlage für ein Verbot sein kann, ist dennoch sehr fraglich. Doch es gibt andere Schrauben: So stehen Imker, in deren Honig Mon-810-Pollen gefunden werden, seit einem Urteil des Verwaltungsgerichtes Augsburg vor dem Ruin: Sie dürfen ihr Naturprodukt nicht mehr vermarkten, weil sich darin Bestandteile eines Gen-Konstrukts befinden, das keine Lebensmittelzulassung besitzt und nur im Viehfutter verwendet werden darf. Ex-Agrarministerin Renate Künast fordert, Mon 810 deshalb die Sortenzulassung zu entziehen.
Eine andere Verbotsvariante könnte darin bestehen, sich auf die Schutzklausel nach Artikel 23 der Freisetzungsrichtlinie der EU zu berufen. Danach können die Mitgliedstaaten - fünf haben das bereits getan - ein Gen-Konstrukt aus dem Verkehr ziehen, wenn seit der Zulassung neue Risikoerkenntnisse aufgekommen sind. Davon gibt es jede Menge: Wissenschaftler fanden jüngst heraus, dass mit Gen-Mais gefütterte Mäuse weniger Nachkommen haben und junge sowie alte Mäuse Probleme mit dem Immunsystem bekamen. Außerdem trifft das vom Mais produzierte Gift auch Arten wie den Marienkäfer, die zu den räuberischen Nutzinsekten gehören - eine Erkenntnis, auf die das BVL bereits vor zwei Jahren hinwies. Nach derzeitigen Einschätzungen reagieren überdies einige Schmetterlingsarten wie die Kohlmotte sogar empfindlicher auf das Gift als der Maiszünsler. Derartige Erkenntnisse "unterstreichen, dass längerfristige Untersuchungen wie Mehrgenerationen-Tests notwendig sind, um die Sicherheit von transgenen Pflanzen zu überprüfen", sagt Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz. Die Darstellung von Monsanto, dass Schmetterlinge, die von Mon 810 nicht getroffen werden sollen, verschont blieben, stuft das Bundesamt deshalb als ungerechtfertigt ein.