Verbraucher

22. Februar 2010

Bio essen trotz Hartz IV: "Erdbeeren sind absoluter Luxus"

Erdbeeren muss man sich mit Hatz IV normalerweise verkneifen. Foto: ddp

Arbeitslos und auf Biokur? - Dekadent! Die Autorin Rosa Wolf hat einen Monat lang ausprobiert, ob man sich von 4,35 Euro am Tag gesund ernähren kann. Ihr Fazit: Fleisch am Stück ist nicht drin.

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Frau Wolf, Sie sagen Hartz-IV-Empfänger können im Bio-Laden einkaufen. Ist das nicht dekadent?

Nein, ich habe das ja nicht aus lauter Übermut versucht. Ich bin freie Journalistin und mir brach im vergangenen Jahr ein Großteil meiner Aufträge weg, weil ein Magazin, das mein Basiseinkommen gesichert hat, eingestellt wurde. Also musste ich mich mit dem Gedanken beschäftigen, dass ich vielleicht von Hartz IV leben muss. Ich esse gern Bioprodukte, weil sie besser schmecken als andere. Außerdem ist es gut für die Umwelt. Den Billigdiscountern mit ihrer lieblosen Präsentation ihrer Waren würde ich mein bisschen Geld nicht in den Rachen werfen.

Ist es nicht egal, ob die Ware schön präsentiert wird oder im Pappkarton? Hauptsache ist doch, dass sie billig ist.

Warum sollen Ärmere billige Lebensmittel essen, die auf schlechte Weise produziert werden? Ich sage nur: Gammelfleisch, Analogkäse, Eier aus Legebatterien, in denen die Hühner zusammengepfercht sind. Meine Selbstachtung verbietet mir, mir so etwas einzuverleiben.

Wie kann man mit einem Tagessatz von 4,35 Euro, Frühstück, Mittag- und Abendessen bestreiten - alles in bio?

Man muss sehr genau schauen, was man kauft und wie man es effizient verwerten kann. Ich konnte es, weil ich mich seit Jahren mit Essen beschäftige und gut koche. Manche Lebensmittel muss man sich allerdings ganz verkneifen. Spargel oder Erdbeeren waren unbezahlbar. Ich habe das Experiment im vergangenen Mai gemacht. Das ist ein ganz schwieriger Monat. Das Wintergemüse taugt nicht mehr, die Orangen sind strohtrocken und es gibt noch nicht genug Frisches aus der Region.

In den ersten Tagen des Experiments haben Sie Ihr Budget regelmäßig überzogen?

Ich musste immer weiter reduzieren, bis ich die Kurve gekriegt habe. Dann habe ich allerdings anständig gegessen und es ist aufgegangen.

Sie haben auch mal über die Stränge geschlagen?

Einmal habe ich mir doch Erdbeeren geleistet. Und an einem Sommertag habe ich im Englischen Garten in München an einem Kiosk ein Bio-Eis gesehen, auf das ich Lust hatte, obwohl es ein großes Loch in mein Budget gerissen hat. Das musste ich an anderer Stelle wieder einsparen. Am nächsten Tag gab es kein Obst, sondern Karotten. Es gibt bestimmte Grundnahrungsmittel, die auch im Bioladen immer günstig sind.

Welche?

Kartoffeln, Karotten, Zwiebeln, Kohl und im Sommer Zucchini. Da kann man viel draus zaubern. Aber Erdbeeren sind absoluter Luxus. Fleisch am Stück war auch nicht drin. Nur einmal habe ich mir ein Schnitzel gekauft und daraus Geschnetzeltes für zwei Tage gemacht. Wer gewohnt ist, morgens, mittags und abends Wurst und Fleisch zu essen, hat bei Bio einen ganz schweren Stand, weil Fleisch dort das Teuerste ist. Das war früher überall so und da gab es nur am Sonntag Fleisch. Heute ist Fleisch in den Discountern billig, doch es ist nicht sozialverträglich.

Wieso?

Für die heutige Massentierhaltung wird das viele Futter großteils aus der Dritten Welt herangekarrt. Es heißt ja auch: Das Vieh der Reichen frisst das Brot der Armen.

Der ehemalige Finanzsenator und heutige Bundesbanker Thilo Sarrazin hat auch einen Speiseplan aufgestellt - für drei Tage. Damit wollte er beweisen, dass man von Hartz IV gut leben kann. Bei ihm gab es jeden Tag Fleisch, Wurst und Fleischkäs.

Von Sarrazins neun Mahlzeiten, enthalten sieben Fleisch und Wurst. Das geht aber nur, weil er Großpackungen kauft. Für einen Ein-Personen-Haushalt ist das jedoch Unsinn. Sarrazin berechnet eine Bratwurst mit 38 Cent. Beim Metzger kriege ich jedoch keine Bratwurst für den Preis. Kaufe ich eine Großpackung mit zehn Würsten für 3,80 Euro, kann ich sicher sein, dass mindestens fünf verderben. Ich möchte nicht zehn Würste in drei Tagen hinunterwürgen. Man muss sich die Lebensmittel über eine Zeitspanne einteilen und da laufe ich immer Gefahr, dass etwas kaputt geht. In dem Moment aber, wo ich einen Teil der billigen Großpackung wegwerfen muss, war der Kauf nicht mehr günstig. Außerdem ist Sarrazins Speiseplan der beste Weg, den Menschen fett zu machen.

Spielt Zeit eine Rolle, wenn man als Armer gesund essen will?

Biolebensmittel zuzubreiten, kostet nicht mehr Zeit, als andere Lebensmittel zuzubereiten. Aber ich habe mehr Zeit als sonst fürs Einkaufen aufgewendet, weil ich immer gucken musste, wo ist was günstig.

Sind Sie froh, dass Ihr Experiment jetzt vorüber ist?

Ich bin schon froh, dass es jetzt wieder für mehr als für 4,35 Euro am Tag reicht. Aber es ging mir gut während meines Experiments. Wer viel Biogemüse und -obst isst, der fühlt sich wohl.

Interview: Katharina Sperber

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