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Gentechnik-Kennzeichnung: Wer bietet mehr?

In wie vielen Produkten findet sich Gentechnik? In 60 Prozent? Oder gar 70 bis 90 Prozent? Ein Vorstoß der Ernährungsindustrie zur Gentechnik-Kennzeichnung stößt auf Kritik. Von Stephan Börnecke

Fratze Gen-Mais, wie Greenpeace das umstrittene Gewächs sieht: Der Verbraucher hat noch die Wahlfreiheit.
Fratze Gen-Mais, wie Greenpeace das umstrittene Gewächs sieht: Der Verbraucher hat noch die Wahlfreiheit.
Foto: ddp

Auf keiner Tüte Milch steht es drauf, auf keinem Eierkarton, an keiner Leberwursthülle: Dass Kuh, Huhn und Schwein mit GenSoja gepäppelt wurden - sofern deren Produkte nicht für das Siegel "Ohne Gentechnik" oder den Bioladen hergestellt wurden. Der Grund: Die konventionelle Landwirtschaft verabreicht dem Vieh Kraftfutter, das zu einem Viertel aus Übersee- Gen-Soja stammt.

Die Herkunft ist auf der Packung nicht vermerkt - ein Webfehler des EU-Gentechnikrechts, das die Deklarierung von Gen-Partikeln regelt. Agrarministerin Ilse Aigner hat versucht, diese Lücke mit dem "Ohne-Gentechnik"-Siegel, das auf Gentechnik-freies Futter abstellt, zu schließen.

Nun sorgt ein Vorstoß der Bundesvereinigung der Lebensmittelindustrie BVE für Wirbel: Der BVE will, das ein Produkt immer dann als gentechnisch verändert deklariert werden muss, wenn es irgendwo im Herstellungsprozess die Gentechnik gesehen hat. "Positivkennzeichnung" nennen das auch Union und Liberale in ihrem Koalitionsvertrag.

Der Bundestagsabgeordnete Max Lehmer (CSU) sagt der Frankfurter Rundschau, warum: Das Siegel "Ohne Gentechnik" sei "nicht konsequent". Es spare die Zusatzstoffe aus, die mit gentechnischer Hilfe produziert wurden, und, so auch Marcus Girnau vom Bund für Lebensmittelrecht, berge etwa wegen in der Aufzuchtphase erlaubten Gen-Futters ein "Glaubwürdigkeitsproblem".

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Schon überbieten sich die Beteiligten in der Angabe, wie viele Produkte heute eine Gentechnik-Vita haben. 60 Prozent? So der BVE. Oder 70 bis 90 Prozent, was Lehmer glaubt, oder gar "fast alle" verarbeiteten Nahrungsmittel, wie Lebensmittelchemiker Udo Pollmer der FR verrät?

Doch der Blick in die Berichte der Lebensmittelkontrollbehörden zeigt: Eine verschwindende Minderheit von Lebensmitteln weist Reste von Gen-Soja oder Gen-Mais auf. So rät denn auch Matthias Wolfschmidt von Foodwatch zum Maßhalten: Anders als von der Industrie "suggeriert, wird in der gesamten EU nach wie vor eine weitgehend gentechnikfreie Landwirtschaft betrieben".

Doch Gentechnik und Gentechnik sind zweierlei. Die Gentechnik vom Acker und im Futtertrog auf der einen Seite und jene im Labor, wo Zusatzstoffe entstehen, auf der anderen. Der Anbau von Gen-Pflanzen birgt Risiken: "Die negativen Auswirkungen auf die Umwelt sind gut belegt", weiß Gentechnik-Kritikerin Heike Moldenhauer vom BUND.

Enzyme, Vitamine oder Aminosäuren hingegen kommen aus dem geschlossenen, von der Umwelt abgeriegelten Fermenter. Dort spielt die Gentechnik letztlich nur die Rolle eines Prozesshelfers, wenn genmodifizierte Bakterien ein Vitamin produzieren. Das so hergestellte Vitamin ist frei von gentechnisch veränderten Partikeln.

Wem dieser Prozess dennoch nicht behagt, geht mit dem Siegel "Ohne Gentechnik" auf Nummer sicher: Für diese Lebensmittel (bei Tierfutter ist es anders) dürfen nur Zusatzstoffe benutzt werden, die nach der Öko-Verordnung geduldet sind. Bis heute gibt es kein einziges aus dem Gen-Labor stammendes Vitamin oder Enzym, das beim Siegel erlaubt ist.

Mehr noch: Einige dieser so produzierten Stoffe zählen nur zu den technischen Hilfsstoffen und müssen lebensmittelrechtlich auch sonst nicht deklariert werden, sagt Gentechnik-Experte Gerd Spelsberg. Sollte nun eine Kennzeichnung aller Gentechnik-Schritte kommen, fragt Spelsberg sofort: "Kann man das überhaupt kontrollieren?" Er vermutet: nein.

Bei der Supermarktkette Tegut, die das Ohne-Gentechnik-Label nutzt, kann Manager Andreas Swoboda der Prozesskennzeichnung einiges Positives abgewinnen, unter einer Bedingung: "Wir müssen die Leistungen der Bauern", die auf Gentechnik verzichten, "herausstellen dürfen."

Autor:  Stephan Börnecke
Datum:  27 | 1 | 2010
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