Verbraucher

10. Juli 2009

Kommentar zu Mogel-Lebensmitteln: Miese Cocktails statt leckeres Essen

 Von Stephan Börnecke
Stephan Börnecke ist Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Die Nahrungsindustrie haut Verbraucher übers Ohr. Sie streckt und panscht Lebensmittel, und sie lügt. Doch das sind Marginalien, verglichen mit den kleinen Helfern, gekennzeichnet mit E-Nummern. Von Stephan Börnecke

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Sie wissen nicht, was "Schwaas" ist? In einer Milchkanne holte man einst beim Metzger das Schweineblut (Schweiß, also Schwaas), vermengte es mit Speck und Zwiebeln und brutzelte es in der Pfanne. Das mag nicht jedermanns Sache sein, zeigt aber, dass die Resteverwertung ganz normal ist, und zwar bis heute.

Es ist deshalb zunächst nichts Anrüchiges daran, wenn in der Fleischwurst der Knochenputz aus der Schlachtung ("Separatorenfleisch") steckt, denn auch jeder Sushi-Fan greift zum Surimi: Fischfetzen, von den Gräten zusammengekratzt und in Form gebracht.

Auch Hähnchen-Schnitten oder Formfleisch, aus Schnitzelchen gepresst, bedeuten zunächst nichts Schädliches, sondern können auch Zeichen einer optimalen Rohstoffausbeute sein. Wer sich zu Fleisch oder Fisch bekennt, der muss das ganze Tier meinen. Ein Hähnchen besteht nicht nur aus Brustfleisch.

Etwas anderes ist es, wenn uns die Industrie übers Ohr haut. Gestreckt, gepanscht, gelogen. Denn damit aus unappetitlichen Brocken etwas Schinkenähnliches entsteht, muss Füllmasse und Klebstoff unbekannter Provenienz hinzu gestopft werden. Angereichert mit bunten Bildchen und euphemistischen Wortgeschöpfen werden Qualitäten behauptet, aber nicht eingelöst.

Die meisten Täuschungen sind plump. Jeder Verbraucher entlarvt sie wenn er denn will. Ein Hähnchen, dass nur 1,99 Euro kostet, kann nicht aus artgerechter Haltung stammen. Es wurde fünf Wochen alt und vegetierte Brust an Brust mit Leidensgenossen in einem Industriepferch.

Doch das sind fast Marginalien, verglichen mit der Rolle der kleinen Helfer: 316 Zusatzstoffe sind erlaubt. Etliche davon stehen im Verdacht, die Gesundheit zu gefährden von Alzheimer über Knochen- und Zahnschäden bis hin zu ADHS und Allergien. Dieser völlig legale, sogar offen deklarierte Cocktail aber ist verkleidet in ein für Verbraucher nicht durchschaubares E-Nummern-System.

Kaum jemand weiß mit diesen vielen Stoffen etwas anzufangen. Dieser Schmu wird durch die nicht deklarierungspflichtige Nano-Technologie getoppt: Mit Hilfe der Kleinstzusätze fließt Ketchup besser, und aus Pulver hergestellte Produkte pappen erst dank der Nanos zusammen. Mit natürlichen Lebensmitteln hat das alles nichts zu tun.

Doch der Preisdruck, unter dem die Branche zu stehen glaubt, erzwingt offenbar undelikate Methoden. Und der Kunde frisst es, Hauptsache süß, salzig oder sauer. Das muss nicht so sein. Der Kunde hat es in der Hand, diese abwärts gerichtete Spirale zu durchbrechen. Es gibt genügend Alternativen. Noch.

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