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Lebensmittel: Frischmilch ist oft eher H-Milch

Sie lieben Frischmilch? Verbraucherschützer wissen, bei Edeka, Rewe, Lidl, Aldi, Real und Penny gibt's die genau genommen nicht mehr - sondern das technische Produkt ESL. Von Stephan Börnecke

Else, die Kuh der Grünen Woche, gibt garantiert frische Milch.
Else, die Kuh der Grünen Woche, gibt garantiert frische Milch.
Foto: dpa

Wenige Tage vor der Eröffnung der weltgrößten Messe für Ernährung und Landwirtschaft, der Grünen Woche in Berlin, schäumen die Verbraucherschützer, selbst das Bundeslandwirtschaftsministerium spricht von Verbrauchertäuschung: Denn vom Kunden weitgehend unbemerkt, setzen seit einigen Jahren Handel und Molkereiindustrie dem Milchtrinker keine echte Frischmilch mehr vor, sondern aus Gründen logistischer Vorteile ein technisch äußerst aufwendig hergestelltes Produkt: die ESL-Milch.

Auf der Verpackung steht davon aber nichts.

ESL steht für Extended Shelf Life: Sie ist länger haltbar und deshalb für die Lebensmittelindustrie sowie die Supermärkte leichter handelbar, doch sie ist wesentlich stärker verarbeitet als die herkömmliche Frischmilch Jede Verarbeitung aber, sagt Karin Artzt-Steinbrink, Chefin der nordhessischen Upländer Bauernmolkerei, "führt uns weg von einem natürlichen Produkt".

ESL-Milch ist seit 1996 am Markt. Noch 2003 hatte sie aber erst einen Anteil von drei Prozent am Frischmilchmarkt, schon 2005 aber waren es 14 Prozent. Mindestens. Denn der Milchindustrieverband (MIV) als Dachverband der 100 deutschen Molkereien vermutet, dass die ESL-Milch schon vor wenigen Jahren einen Anteil von 30 Prozent am Frischmilchmarkt hatte.

Heute, ahnt MIV-Sprecher Michael Brandl, könnte sich das Verhältnis von ESL-zu Frischmilch sogar verkehrt haben, die lediglich pasteurisierte Frischmilch käme demnach auf gerade noch ein Drittel im Absatz.

Doch exakte Zahlen darüber gibt es nicht: "Wir hätten sie gerne", sagt Kerstin Keunecke von der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle der Agrarwirtschaft ZMP, "denn das wäre sehr spannend", es gibt sie aber nicht. Oder nicht mehr: Denn die Vorgabe für die Datenerhebung ans Statistische Bundesamt, die ESL einst als H-Milch rubrizierte, wurde geändert.

Seit wenigen Jahren wird ESL-Milch unter Frischmilch geführt und Daten deshalb nicht gesondert erhoben. Auch die Konsumforscher sind überfordert, haben die Erfassung der ESL-Milch aufgegeben, weil, heißt es bei der ZMP, selbst der Strichcode auf dem Produkt keine zweifelsfreie Zuordnung mehr ermögliche.

Damit aber wird ein seit Jahren anhaltender Prozess verschleiert und dem Verbraucher die Entscheidung abgenommen. So warnt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg, dass Aldi und andere ein "wertvolles Lebensmittel fast bis zum letzten Tropfen aus den Geschäften verbannen".

Der Marktcheck der Hamburger Verbraucherschützer förderte zu Tage, dass bei Edeka, Rewe, Lidl, Aldi, Real und Penny manchmal überhaupt keine Frischmilch mehr angeboten wird. Stattdessen beherrschen neben der H-Milch, die am gesamten Milchabsatz einen Anteil von 65 Prozent hat, die ESL-Produkte den Markt.

Der Verbraucher merkt davon nichts, allenfalls Hinweise wie "länger frisch" oder "maxi-frisch" geben einen Hinweis auf ESL. "Das ist irreführend", sagt Schwartau, weil eine "maxi frische" Milch eben alles andere als frisch sei. Die ESL-Milch gilt als Kompromiss zwischen Natürlichkeit und Convenience.

Sie ist 21 Tage haltbar, herkömmliche Frischmilch kommt auf zehn Tage. Und auch dies nur mit einer zusätzlichen, erst vor wenigen Jahren eingeführten Tiefenfiltration, bei der die Milch durch besondere Filter läuft, wobei Keime zurückgehalten werden.

Bei der ESL-Milch aber geschieht alles in einem hochkomplexen, technisch gewieften Verfahren. Welchen ernährungsphysiologischen Effekt die Verfahren haben, ob Vitamine und andere Inhaltsstoffe verloren gehen, ist umstritten, auf jeden Fall aber, so Kritiker wie die Verbraucherzentrale, ist diese Milch "weniger natürlich", da höher verarbeitet.

Die Produktverschleierung zieht inzwischen Kreise: Sogar die Redaktionsleitung des Fachdienstes "Agrarheute.com" aus dem Deutschen Landwirtschaftsverlag hat in einem Brief an Aldi-Gründer Theo Albrecht vom Handel ein Verbraucherrecht auf "saubere Deklaration" verlangt. Mehr noch: Aldi sollte umgehend wieder echte Frischmilch ins Regal stellen.

Die parlamentarische Staatssekretärinbeim Bundesernährungsministerium, Ursula Heinen, votiert inzwischen für eine "eindeutigere Kennzeichnung", geht aber noch einen Schritt weiter. Laut Lebensmittelzeitung droht Heinen mit einer "ungarischen Lösung".

Ungarn hatte für die EU eine Regelung vorgeschlagen, wonach Milch nur dann als frisch bezeichnet werden darf, wenn sie nicht länger als 15 Sekunden mehr als 72 Grad erhitzt wurde. Dann wäre ESL-Milch wieder H-Milch.

Autor:  STEPHAN BÖRNECKE
Datum:  14 | 1 | 2009
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