Verbraucherschützer sprechen von der "Lizenz zum Mogeln". Einzelhändler hoffen auf neue Möglichkeiten im Marketing. "Ich wage die Prognose, dass es beim Bier bald Sonderflaschen geben wird", sagt Roland Demleitner, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Privatbrauereien.
Für acht Produktgruppen fallen von heute an gesetzlich vorgeschriebene Mengenvorgaben weg. Und dazu gehört neben Fruchtsaft, Milch oder Schokolade auch Bier. Nur für Wein und Spirituosen bleiben die Restriktionen bestehen. Der Gerstensaft durfte bislang nur in zehn genau bestimmten Füllmengen zwischen 0,25 und zehn Liter verkauft werden. In der Fertigpackungsverordnung war das festgelegt.
Ab sofort ist alles möglich, auch krumme Mengen wie 0,47 Liter Bier in einer Flasche. Demleitner kann nicht sagen, wer wann von der neuen Freiheit Gebrauch macht. Aber mit "großer Wahrscheinlichkeit" werde das "im Einwegbereich" passieren.
Die Verbraucherzentralen befürchten, dass die Hersteller die Deregulierung nutzen und verstärkt Mogelpackungen in den Handel bringen und ein "Preischaos" im Supermarkt veranstalten: Der Tetra-Pak mit Orangensaft, der fast genau so aussieht wie früher, aber nur noch 0,95 Liter statt einem Liter enthält - und zum gleichen Preis verkauft wird, was die Marge des Herstellers erhöht. "Die Trickserei wird der Industrie noch leichter gemacht", sagte ein Sprecher des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen der FR.
Für Demleitner steht indes fest, dass "diese Liberalisierung nicht notwendig gewesen wäre." Und das Geschäft mit den Mehrwegflaschen, auf die die große Mehrheit der Privatbrauer setzt, werde davon sowieso nicht beeinflusst. Denn an deren Standards hängt eine komplexe Infrastruktur. "Man müsste dann Kastengrößen ändern und Abfüllanlagen umbauen", so Demleitner. Ähnlich dürfte es beim Mineralwasser sein, das noch immer in großen Mengen via Mehrweg vertrieben wird. 0,75- und die Ein-Liter-Flaschen sind bislang die populärsten Größen.
Branchenkenner gehen aber davon aus, dass zuerst bei Discountern mit neuen Füllmengen operiert wird - besonders dort, wo der Wettbewerb hart ist und mit Eigenmarken gearbeitet wird. Etwa beim Billigbier oder beim Billigsprudel. Insider wissen, dass es Gespräche zwischen Herstellern und großen Handelskonzernen gibt: "Es hat Anfragen gegeben."
Nestlé gehört nach eigenen Angaben nicht dazu - der weltgrößte Lebensmittelkonzern ist unter anderem im Geschäft mit Mineralwasser aktiv. "Bei uns gibt es definitiv keine Planungen in diese Richtung", sagte ein Nestlé-Sprecher der FR. Bestimmte Mengen seien gelernt. Das Pfund beim Kaffee etwa, für den es auch bislang keine Restriktionen gab. Hersteller, die dies ignorierten, liefen Gefahr "von Kunden abgestraft zu werden", so der Nestlé-Sprecher.
Branchenkenner gehen deshalb davon aus, dass Hersteller von Markenprodukten sich mit neuen Füllmengen erst einmal zurückhalten. Sie wissen, dass Verbraucherschützer in den nächsten Wochen genau darauf achten, wo sich etwas ändert. Wer als Erster erwischt wird, dem sind Negativschlagzeilen und Imageverlust sicher. "Das traut sich keiner", sagt denn auch Winfried Meier, Vertriebschef der Milchunion Hocheifel (MUH). Bei einem Grundnahrungsmittel wie der Milch mit weitgehend gleichförmigem Einstiegspreis werde so rasch keine Molkerei mit kleineren Füllmengen knapp unter dem bisherigen Standard operieren. Auch andere Branchengrößen bleiben defensiv. Bei Campina (Landliebe) heißt es, es werde "nichts geändert". Die Hochwald-Molkerei teilt mit: "Bei uns kein Thema."