Respekt, Frau Aigner. Die Entscheidung, den einzigen Gen-Mais derzeit in der EU vom Markt zu nehmen und damit ganz Deutschland zur gentechnikfreien Zone zu erklären, zeugt von Mut.
Bei allen populistischen Erwägungen, die hinter diesem Entschluss stehen mögen: Gen-Mais stellt ein Risiko für unsere Umwelt dar, ist in der Landwirtschaft völlig überflüssig, steht für eine industrielle Agrarwirtschaft, bürdet der in Deutschland üblichen gentechnikfreien Lebensmittelherstellung unsinnige Kosten auf und kann sogar Imker in den Ruin treiben.
Das alles ist hinlänglich dargelegt worden. Dass dies in den Entscheidungsgremien der Republik zu einem Verbot führt, ist endlich mal konsequent.
Noch Mitte März hatte Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner vorsichtig im Bayernkurier geschrieben, für ein Anbauverbot von Gen-Mais sei keine Mehrheit zu erreichen, ihre Absicht, den Mon 810 des US-Agrarkonzerns Monsanto möglicherweise zu verbieten, ließe sich nicht realisieren.
Womit sich die forschungs- und angeblich so fortschrittsgläubige Riege in der Bundesregierung erneut gegen alle Bedenken von Wissenschaftlern, Umweltpolitikern, Umweltfreunden und Verbraucherschützern durchgesetzt hätte.
Aigners Eingeständnis zeigte auch: Die Politikerin und ihr Umfeld wissen seit langem, dass Gen-Mais ein Umweltproblem verursacht. Der bayerische Umweltminister Markus Söder wollte ihn deshalb in Bayern ins Gewächshaus verbannen.
Die Gegnerschaft, wie beispielsweise die Vize-Fraktionschefin der Union, Katherina Reiche, tönte von "unverantwortlicher Stimmungsmache" der CSU.
Die kleine Ministerin agiert nicht nur gegen Schwesterpartei und um ihre Arbeit besorgte Wissenschaftler, die von einem drohenden Exodus der Forscher sprechen, sondern auch gegen einen omnipotenten Saatgutkonzern, für den die Politiker wie die Bauern dieser Welt kaum mehr als Spielfiguren sind.
Dass Aigners Haus sich gegen den Weltmarktführer auf dem Gebiet der Gentechnik zur Wehr setzt, verdient Anerkennung. Das Risiko ist hoch: Monsanto droht, wie sollte es anders sein, mit einer millionenschweren Klage, um die wirtschaftlichen Einbußen, mehr aber noch den Imageschaden einzudämmen.
Für den Konzern, der seit langem um sein Ansehen bangt, steht viel auf dem Spiel. Beim US-Multi dürfte kaum jemand eine Entscheidung gegen den Gen-Mais einkalkuliert haben. Dass so etwas in Frankreich, Österreich, Polen oder Ungarn vorkommt, ja nun, damit könnte man leben. Aber im braven Deutschland?
Monsanto überzieht. Schon seit vielen Jahren äußern Politiker ihren Unmut darüber, dass kaum ein Lobbyist derart massiv, gar aggressiv auftrete. Das Gehabe des US-Konzerns soll auch Aigners Vorgänger Seehofer genervt haben.
Die Praktiken Monsantos stoßen auf Ablehnung, aber auch die Produkte. Saatgut, das für Bauern nicht mehr vermehrbar ist, gehört dazu, Rinderhormone, damit Kühe mehr Milch geben, sind ein Thema und das Schweinepatent.
5000 Organisationen haben gegen ein von Monsanto beantragtes, inzwischen an ein Partnerunternehmen verkauftes Patent Einspruch erhoben, das ein Monopol auf genetisches Material vom Schwein beinhaltet. Bauern sehen sich um ihre Arbeit gebracht, wenn sich eine Firma die Natur patentieren lässt und das Wissen vermarktet.
Und dann die Gentechnik: 90 Prozent der Gen-Pflanzen stammen von Monsanto. Doch das sind nicht etwa Pflanzen, die mit Hitze oder Trockenheit besser zurechtkommen und mit denen sich vielleicht etwas gegen den Hunger auf der Welt ausrichten ließe.
Nein, es sind Pflanzen, die meistens Totalherbiziden trotzen und damit ein weiteres Geschäft des Konzerns beflügeln, das mit Pflanzenschutzmitteln. Wer herbizidresistentes Gen-Soja sät, der kauft auch den dazu passenden Unkrautvertilger.
Dass es mit der Umweltverträglichkeit des Herbizids nicht sehr weit her ist, zeigten jüngst Versuche französischer Forscher.
Die unheilvolle Allianz von Unkrautvernichter und Gentechniker spielt auch im nächsten Gen-Mais-Fall eine Rolle. Die Konzerne Syngenta und Pioneer wollen sich einen Gen-Mais genehmigen lassen, der dem hauseigenen Herbizid widersteht.
Der darin enthaltene Wirkstoff gilt wegen seiner im Tierversuch nachgewiesenen Gefährlichkeit als Auslaufmodell. Er wird, allerdings erst nach 2017, deshalb auch keine EU-Zulassung mehr bekommen. Wenn die EU diesen Mais zulässt, wogegen sich nicht nur Umweltkommissar Stavros Dimas wehrt, hintertreibt sie ihre eigenen Ziele.