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Karl GeroldKarl Gerold war fast 30 Jahre das Gesicht der Frankfurter Rundschau und des Druck- und Verlagshauses, das die FR herausgibt. Er übernahm 1946 eine Lizenz an der Zeitung und leitete sie ab 1954 als alleiniger Verleger und Chefredakteur bis zu seinem Tod 1973. Am 29. August 2006 wäre Karl Gerold 100 Jahre alt geworden - Anlass für eine Hommage an den großen deutschen Nachkriegsjournalisten.


Leitartikel von Karl Gerold, 14. Mai 1966

Steh auf, mein Volk!

VON KARL GEROLD

Der Schreiber dieser Zeilen, Karl Gerold, will sich mit dem Titel "Steh auf, mein Volk!" nicht als eine Art von "Volksführer" oder etwas Ähnliches präsentieren. Im Gegenteil: Ich würde mich heute, angesichts der Serie von "Starfighter-Unfällen", schämen, ein Bundestagsabgeordneter, ein Minister oder ein hoher Angestellter der zuständigen Stellen zu sein. Wenn ich sage, "mein" Volk, so denke ich lediglich daran, dass jeder Bürger unseres Staates sich mitverantwortlich fühlt, fühlen muss, für die vielen Toten, die vielen jungen Piloten, die so gut wie sinnlos durch ein sichtlich falsches Waffensystem in furchtbarer Weise sterben mussten. Ich bin kein "Volksverführer", sondern durch meinen "Beruf" dazu "berufen", ein Mahner zu sein; und ich bleibe dabei, dass alle diejenigen "von oben", die sich dazu verantwortlich fühlen müssten und es bis jetzt nicht getan haben, bewusst oder unbewusst, Feiglinge und Mörder sind!

"Mörder von oben"


Nun jedoch appelliere ich an unser Volk, an jeden einzelnen, sich mit diesen "schweigsamen Mördern von oben" nicht durch ihre eigene Schweigsamkeit zu identifizieren. Ich sagte schon im Titel "mein" Volk, dabei denke ich, dass jeder Staatsbürger der deutschen Bundesrepublik das ganze Volk als sein Volk betrachtet. Und jedes Opfer, das unser Volk, gezwungen durch verantwortungslose "Mörder von oben", zu bringen hat, ist ein Opfer, das jeder einzelne von uns - gleichgültig welcher Partei, gleichgültig welcher Kirche, Weltanschauung oder sonstiger Institution er angehört - ganz persönlich mit zu verantworten hat.

Mein Appell von heute geht nunmehr, wie leicht erkennbar, an das Gewissen jedes einzelnen von uns in unserem Volk. Mein Appell geht, ausgehend von dieser Feststellung, dahin, dass sich kein Bürger unseres Staates, unseres Volkes, weiterhin das gefallen lässt, was allein - und ich sage ganz bewusst allein - in der Sache "Starfighter" passiert ist. Es gäbe noch manche Sachen, die unserem Staate "von oben" her geschehen, zu kritisieren. Sie werden von uns auch kritisiert. Jetzt aber geht es darum, dass wir es uns als Staatsbürger nicht gefallen lassen dürfen, dass diese "Starfighter-Mordaffäre" so weitergeht. Das darf keiner von uns dulden - sofern er sich als freier Bürger einer freien Demokratie fühlt.

Nun, wir haben staatsrechtlich entsprechend dem Grundgesetz keine Möglichkeit, ein "Volksbegehren" zu verlangen. Was ich aber in diesem meinem Aufruf verlange, ist das "Aufbegehren" aller jener Millionen Mitmenschen, die sich dagegen wenden, dass eine solche Art von tödlichem Menschenmissbrauch fortgesetzt wird. Dass dieses Aufbegehren möglich ist, beweist das Bundesverfassungsgericht in seiner Rechtsprechung zum Artikel I des Grundgesetzes. Meine Meinung: die Antastbarkeit der Würde des Menschen ist durch die unmögliche Starfighter-Affäre gegeben.

Ein solches Aufbegehren des Volkes ist keinesfalls verfassungswidrig. Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner Rechtsprechung zum Artikel I des Grundgesetzes, der die Unantastbarkeit der Würde des Menschen garantiert, eindeutig festgestellt, dass es nicht genüge, wenn eine Obrigkeit sich bemühe, noch so gut für das Wohl von "Untertanen" zu sorgen; der einzelne solle vielmehr im möglichst weiten Umfange verantwortlich auch an den Entscheidungen der Gesamtheit mitwirken. "Alle staatlichen Entscheidungen sollen den Eigenwert der Person achten und die Spannung zwischen Person und Gemeinschaft im Rahmen des auch dem einzelnen Zumutbaren ausgleichen."

Wir sind keine Feiglinge!


Mit diesen Feststellungen des Bundesverfassungsgerichts haben wir alle, Sie und ich, meine lieben Mitbürger, das Recht, in einer solchen "Mordsache" aufzubegehren. Wenn ich das persönlich so grundgesetzlich feststelle, so nur deshalb, weil ich mich mit den Lebenden und Toten unseres Volkes identifiziere. Weil ich fest daran glaube, dass unser Volk, wir alle, denen "da oben" beweisen müssen, dass sie weder uns, unsere Toten und die Lebenden, weder jetzt noch in Zukunft manipulieren können, so wie sie, die "Gewählten", es sich vorstellen.

Und nun in dem Augenblick, da ich dies schreibe, erhalte ich die letzten Nachrichten zu dieser Affäre. Jener Herr von Hassel, der Bundesverteidigungsminister, der zur Zeit auf unser aller Kosten in Amerika weilt, behauptet, trotz zahlreicher Abstürze sei der Starfighter "ein erstklassiges Flugzeug". Ich erfahre weiter, dass auf sein Ersuchen hin die "Lockheed-Flugzeugwerke" am 1. August eine 36köpfige Expertengruppe in die Bundesrepublik schicken werden, welche die Bundesluftwaffe in der - immerhin zugegebenen - "Starfighter-Angelegenheit" beraten soll. Immerhin, bei seinen Gesprächen mit Lockheed soll es um die außerordentlich hohe Absturzquote dieses, "unseres" Düsenjägers gegangen sein.

Also: Jetzt nach den vielen Abstürzen und Toten will man durch 36 Lockheed-Leute "beraten" werden. Zu spät! Wird dadurch einer unserer toten Mitbürger, der ein qualifizierter Techniker hätte werden können, wieder lebendig? Von seinen Angehörigen brauchen wir in diesem Zusammenhang wohl kaum mehr zu reden; deren Gedanken und Gefühle können wir uns ja vorstellen!

Und nun zum Schluss meines Appells, der sich an Euch, liebe Mitbürger, wendet: Lasst es nicht zu, dass man auf diese 36 Berater bis zum 1. August dieses Jahres warten muss. Lasst es auch nicht zu, dass sich die Herren Bundestagsabgeordneten heute überlegen, ob sie wohl bereit sind, über die "Starfighter"-Gemordeten "möglicherweise" im Parlament zu diskutieren. Und nun - leider - muss ich auch die Sozialdemokraten angreifen. In ihrem heutigen "Parlamentarisch-Politischen Pressedienst" schreiben sie davon, dass eine weitere Bundestagsdebatte über den Starfighter auf jeden Fall im Herbst stattfinden wird. "Auf jeden Fall" ist gut! So habe ich mir die Sozialdemokraten vorgestellt. Wie viele unserer mutigen, jungen Mitbürger, die Starfighter-Piloten, sollen bis zum 1. August und bis zu der Starfighter-Debatte, wie sie von den Sozialdemokraten erst für den Herbst angekündigt wird, noch kläglich verrecken? Sicher, die Starfighter-Kommandeure werden versuchen aufzupassen. Ich sage versuchen und verbinde damit die Hoffnung, dass damit die Todesserie unterbrochen wird.

Und nun zum Schluss, Ihr lieben Mitbürger aller Weltanschauungen und Konfessionen, Ihr Mitverantwortlichen: Wehrt Euch gegen diese Art von "Mörderstaat". Ich verlange hiermit in Eurem Namen eine sofortige Sitzung des Bundestags, die sich einzig und allein mit diesem Menschheitsverbrechen an unserer Bundeswehr beschäftigt. Dabei muss herauskommen: Stilllegung aller Starfighter. Wer sich, liebe Mitbürger, an dieser Forderung nicht beteiligt, den nenne ich auch einen Feigling! Aber - ich setze das ganz bewusst hinzu - wir alle, die wir unter jenem A.H. so viel Schreckliches durchgemacht haben, wir sind und wir werden keine Feiglinge! Wozu ich Euch aber alle auffordere, ist lediglich, menschlich zu sein und unsere Kinder noch menschlicher zu machen.


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Copyright © FR-online.de 2010
Dokument erstellt am 29.08.2006 um 10:44:08 Uhr
Letzte Änderung am 29.08.2006 um 14:36:34 Uhr
Erscheinungsdatum 29.08.2006
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