Vilbel
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26. November 2012

Bad Vilbel: Letzte Ruhe unter dem Baum

 Von Detlef Sundermann
Die preiswerte Bestattung im Wald soll die Stadt entlasten. Foto: dpa

Einen Grabstein auf einem Sozialgrab kann sich die Stadt nicht leisten. Bei einem Forstfriedhof sollen die Sozialgräber jetzt aber nicht mehr anonym bleiben.

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Wer sich sein Begräbnis nicht leisten kann, soll dennoch nicht namenlos unter die Erde kommen. Das soll nach einem Antrag der SPD-Fraktion nicht mehr vorkommen. Die CDU/FDP-Koalition brachte einen Änderungsantrag ein, um die Möglichkeit einer preiswerten Bestattung im Wald prüfen zu lassen – nicht nur für Arme. Die katholische St. Nikolausgemeinde steht dem Vorhaben skeptisch gegenüber.

Wer in der Quellenstadt als mittelloser Mensch stirbt, erhält auf Kosten der Stadt nur ein namenloses Grab auf einem Gottesacker im Ort, dass musste Bürgermeister Thomas Stöhr (CDU) im Sommer der SPD auf eine Anfrage mitteilen. Die Sozialdemokraten haben in der jüngsten Parlamentssitzung mit einem Antrag reagiert. Danach soll es keine anonymen Gräber wegen Armut mehr geben. Es sei zu befürchten, dass mit der steigenden Altersarmut immer mehr Menschen nicht mehr in der Lage sein werden, die Kosten für ihre eigene Beerdigung oder eines Verwandten tragen zu können, heißt es in der Begründung. Ein Sozialbegräbnis dürfe nicht mit dem entwürdigenden Verlust der Identität einhergehen, wenn dies für die Zivilgemeinde nicht mit unzumutbaren Kosten verbunden sei.

Herbert Jung, Pfarrer der St. Nikolaus-Kirche, erfüllt das bisherige Gebaren der Stadt leicht mit Zorn. „Ein Toter ist keine namenlose Masse wie Müll. Ein Mensch trägt einen Namen, den er auch im Tod behält.“ Bei zwei Sozialbestattungen war Jung als Amtsträger zugegen. Der Priester erinnert an die „positive Diskussion“ um einen Namen für die Säuglingsleiche am Nidda-Ufer. Das Kind ist als „Magdalene“ begraben worden. Auf einem Friedhof solle deshalb wenigstens ein großes Kreuz mit den Namen der Sozialbestatteten aufgestellt werden, fordert er.

Bürgermeister Stöhr rechnete der SPD im Parlament vor, dass das schlichte Sozialgrab der Stadt bereits 2000 Euro koste. Ein Gedenkstein würde die Ausgaben deutlich in die Höhe treiben.

FDP-Fraktionschef Kai König sah hingegen mit dem Änderungsantrag „Baumbestattung“ der Koalition eine Chance, künftig ein Sozialgrab mit dem Namen des Toten zu versehen, ohne dass besondere Ausgaben anfallen.

Die Friedhofssatzung soll für Bestattungen im Wald erweitert werden, wie es bereits in anderen Kommunen geschehen ist. Konkrete Vorschläge wurden in dem einstimmig beschlossenen Änderungsantrag nicht gemacht. Unklar ist der Ort und ob die Gräberstätte von einer Firma oder der Stadt betrieben wird.

In der Regel sind Beisetzungen im Forst nur in einem ausgewiesenen Gebiet und in Urnen zulässig. Das Aschebehältnis wird an einem Baum in die Erde eingelassen. Ein kleines Namensschild am Stamm bleibt die einzige sichtbare Erinnerung an den Toten, sofern kein anonymes Grab gewollt war. Die Kosten sollen bei etwas über 200 Euro liegen.

Waldbestattungen werden immer beliebter, meldet die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau in ihrer aktuellen Ausgabe Evangelische Sonntagszeitung. Auch habe die Kirche mancherorts etwa mit der Einsegnung der Orte Akzeptanz gezeigt, heißt es. Katholik Jung berichtet hingegen von Ablehnung in seiner Kirche unter den Bischöfen. Für Jung ist es eine „Grenzfrage“, die lautet: „Ist es noch eine Bestattung oder bereits eine Entsorgung?“

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