Vilbel
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28. November 2012

Schlitzer von Echzell: Der Schlitzer packt aus

 Von Meike Kolodziejczyk
Leider auch eine Plattform für Prügelvideos: Youtube.  Foto: dpa

Das Landgericht Gießen überzieht den Neonazi Patrick W. mit Klage um Klage. Das Leben des 27-Jährigen gerät endgültig aus allen Fugen. Und deshalb redet er nun. Wie ein Wasserfall... der in einer Kloake endet.

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Sein Leben sei derzeit „die absolute Katastrophe“: Haus weg, Tattoo-Studio weg, Auto weg. Nicht, dass er mit alledem momentan viel anfangen könnte im Knast, wo er seit März nach Aufhebung von zwei Bewährungsstrafen sitzt. Doch auch Freunde seien weg. Und „im Prinzip“ auch seine Frau, bedauert Patrick W., genannt „Schlitzer“, am zwölften Verhandlungstag.

Seit August muss sich der 27-jährige Neonazi aus Echzell vor dem Landgericht Gießen verantworten. Sieben Anklagen wurden für den ursprünglich auf zehn Sitzungstage angesetzten Prozess zusammengefasst. W. werden Volksverhetzung, Körperverletzung, Nötigung, diverse Verstöße gegen das Waffen- und das Kriegswaffenkontrollgesetz sowie gegen das Betäubungsmittelgesetz angelastet. Inzwischen wurden sechs zusätzliche Termine anberaumt, etwa der am Montag, an dem sich W. vor allem zu Drogen- und Waffen-Vorwürfen äußerte.

Waffenkoffer als Pfand

„Ich will das jetzt alles komplett hinter mir haben“, lässt er verlauten. Ganz so umfassend fällt sein Geständnis zwar nicht aus. Doch einzelne Punkte, die W. bisher abgestritten hatte, räumt er nun ein, unter anderem den zeitweiligen Besitz und Gebrauch diverser Schusswaffen. Vor allem aber nennt er gut ein Dutzend Namen und belastet Bekannte. Das Video von seinem Nachbarn etwa, den seine Kumpels im Frühjahr 2010 verprügelt und entkleidet hatten, habe ein Freund unter „pauldeprinz“ bei Youtube eingestellt. Sein eigenes Profil laute dagegen „Schlitzer 8888“.

Der Großteil seiner Einlassung kreist indes um einen Koffer, der seinerseits offenbar durch die halbe Wetterau kreiste. Im Gepäck: eine Maschinenpistole, ein Revolver, eine Pistole, Schalldämpfer, ein Schießkugelschreiber sowie Teile einer Ceska-Maschinenpistole. Ein Bekannter, der ihm 1750 Euro schuldete, habe ihm den Koffer samt Inhalt im Winter 2009/2010 gegeben, „quasi als Pfand“, wie W. sagt. Separat habe er zudem den Rahmen der Ceska bekommen. Bis Sommer 2010 habe er alles bei sich zu Hause oder im Tattoo-Studio aufbewahrt.

"Der taucht nie wieder auf"

Dann wurde der Koffer hin und her geschoben. Mal beherbergte ihn dieser Kumpel, mal jener, mal wieder Patrick W. So auch „für drei Tage“ im Februar 2011. Bei der Gelegenheit habe ein Freund ihn aufgefordert: „Komm, wir gehen mal ballern.“ Was man dann auch im „Schießzimmer“ seiner Hofreite getan habe. Bislang hatte W. diese Episode abgestritten und wiederholt betont, dass die Polizei keine funktionstüchtigen Waffen bei ihm habe finden können.

Noch ist auch der Koffer nicht gefunden worden. Er selbst habe ihn „zum letzten Mal gesehen“, als er ihn im Februar 2011 bei einer Freundin seiner Frau deponieren ließ, sagt W. Im November 2011, W. war just aus der U-Haft entlassen worden, habe er entschieden: „Der Koffer muss endgültig weg.“ Das sei bereits geschehen, „der taucht nie wieder auf“, habe die Gattin beschwichtigt. Doch wo und wie er Koffer entsorgt worden sei, habe sie nicht verraten. Erst vorige Woche habe er erfahren, dass ihn Bekannte auf Geheiß seiner Frau vergraben hätten.
„Ich hätte ja alle ans Messer liefern müssen“, begründet W. seine späte Einlassung. Jetzt aber sei ihm das „scheißegal“. Die Staatsanwaltschaft hat auf seine Aussage hin neue Verfahren eingeleitet, erste polizeiliche Vernehmungen erfolgten am Dienstag. Für den nächsten Prozesstag am Freitag sind Zeugen nachgeladen worden, darunter auch W.’s Frau.

Amphetamin bei Oma

Überdies verblüfft der 27-Jährige am Montag mit Angaben zu seinem Dasein als Drogen-Dealer und -konsument. Er gibt zu, kiloweise Amphetamin bezogen zu haben und dafür selbst nach Holland gefahren zu sein. Treibende Kraft sei allerdings sein bereits verurteilter Kompagnon gewesen. Das Amphetamin habe er zuweilen bei der „Oma im Gemüsefach“ gelagert, zwei Kilo habe er mit Wodka und Koffeinpulver per Fleischwolf gestreckt. Er spricht über Crystal Meth, Koks und LSD, nennt Abnehmer und weitere Händler. „Die ganze Wetterau ist verseucht mit Drogendealern.“

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