Aktuell: Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Polizeigewalt und Rassismus-Vorwürfe
Rassismus-Vorwürfe gegen Polizei und Sicherheitsdienste im Rhein-Main-Gebiet häufen sich. Eine Sammlung solcher Fälle und der Debatte darüber.

29. Oktober 2014

Derege Wevelsiep: Der Fall Wevelsiep vor Gericht

 Von 
Der Fall Derege Wevelsiep wird im Dezember neu aufgerollt.

Heute beginnt vor dem Frankfurter Amtsgericht der Prozess gegen den Polizisten, der Derege Wevelsiep veprügelt haben soll. Viele hoffen, dass die Vorfälle nun endlich aufgeklärt werden.

Drucken per Mail

Eine ganz gewöhnliche Gerichtsverhandlung wird es vermutlich nicht werden. Der Prozess gegen einen 33-jährigen Polizeioberkommissar, der am heutigen Donnerstag vor dem Frankfurter Amtsgericht beginnt, hat dafür einfach zu viele Besonderheiten. Erstens wird die Verhandlung seit zwei Jahren mit großer Spannung erwartet, der Fall hat bundesweit Schlagzeilen gemacht. Zweitens haben sich bereits Aktivisten aus der antirassistischen Szene angekündigt, die dem Gericht ganz genau auf die Finger schauen wollen. Und drittens steht ein Polizist vor Gericht, weil er einen schwarzen Deutschen misshandelt haben soll – es ist nicht eben alltäglich, dass ein Beamter in so einem Fall angeklagt wird. Es geht um Körperverletzung im Amt und Beleidigung, der Geschädigte, der auch als Nebenkläger auftritt, heißt Derege Wevelsiep.

Viel ist bereits über den Tag geschrieben worden, an dem der Fall Wevelsiep seinen Anfang nahm. Die genauen Abläufe konnten bisher nicht geklärt werden. Fest steht, dass der deutsch-äthiopische Ingenieur am 17. Oktober 2012 an der U-Bahn-Station Bornheim-Mitte ankommt. Seine Verlobte, die mit ihrem gemeinsamen Sohn in der Bahn sitzt und der er seine Monatskarte überlassen hat, hat ihn angerufen, weil vier Kontrolleure ihr vorwerfen, ohne Ticket gefahren zu sein. Wevelsiep gerät mit den Kontrolleuren aneinander. Als der Streit heftiger wird, so schildert es Wevelsiep, habe eine VGF-Mitarbeiterin einen seitdem viel zitierten Satz gesagt: „Ihr seid hier nicht in Afrika.“ Wevelsiep empört sich, die Situation wird immer ungemütlicher.

Schließlich erscheinen vier Polizisten in der U-Bahn-Station. Weil Wevelsiep seinen Ausweis nicht bei sich hat, wollen sie mit ihm in seine Wohnung fahren, um seine Personalien aufzunehmen. Als der Ingenieur sich weigert, sich dafür Handschellen anlegen zu lassen, soll einer der Beamten ihn laut Anklage erst „dummer Schwätzer“ genannt und dann drei Mal geschlagen und zwei Mal getreten haben – Schläge ins Gesicht, auf die Brust und in die Nierengegend, Tritte in die Hüfte und gegen das Knie. Die Verletzungen, die Wevelsiep dabei erlitten haben soll, sind durch ein ärztliches Attest dokumentiert. Eine Platzwunde an der linken Augenbraue, Prellungen des Thorax, des rechten Knies und der Hüfte. Die Ermittlungen gegen drei der Polizisten sind mittlerweile eingestellt worden. Nur bei dem 33-jährigen Beamten war die Frankfurter Staatsanwaltschaft sich ihrer Beweise so sicher, dass es für eine öffentliche Anklage reichte.

Zwei Verhandlungstage

Das Gericht hat für den Prozess zunächst nur zwei Verhandlungstage angesetzt. Neben Wevelsiep und den Polizisten, mit denen er aneinandergeraten ist, dürften auch Wevelsieps Verlobte, der untersuchende Arzt und die Fahrkarten-Kontrolleure als Zeugen vernommen werden. Da es bei einem Strafprozess vor allem um die individuelle Schuld des Angeklagten geht, kann niemand garantieren, dass die Abläufe in der U-Bahn-Station endgültig geklärt sein werden, wenn die Kammer ein Urteil fällt.

Als sicher darf dagegen gelten, dass die Verhandlung nicht nur von den Aktivisten der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, die eine kritische Prozess-Beobachtung bereits angekündigt haben, ganz genau beobachtet wird. Auch an der Spitze des Frankfurter Polizeipräsidiums ist das Interesse am Ausgang des Verfahrens mit Sicherheit hoch. Frankfurts neuer Polizeipräsident Gerhard Bereswill hatte schon kurz nach seinem Amtsantritt in der vergangenen Woche durchblicken lassen, wie sehr der Fall Wevelsiep die Frankfurter Polizei immer noch bewege. Ermittlungen gegen eigene Kollegen seien „kein einfaches Thema“, hatte Bereswill vor Journalisten gesagt – und vorsorglich hinzugefügt, dass er als Polizeipräsident Vorwürfe gegen seine eigenen Leute nicht auf die leichte Schulter nehmen werde: „In dem Moment, wo erkennbar ist, dass ein Fehlverhalten vorliegt, müssen wir aktiv werden.“

Mehr dazu

Bereswill vollzog damit auch eine vorsichtige Abgrenzung von seinem Amtsvorgänger Achim Thiel, der es trotz des großen öffentlichen Drucks nie für nötig erachtet hatte, sich zu den Vorwürfen von Wevelsiep zu äußern. Stoisch hatte Thiel gegenüber Journalisten immer wieder auf die laufenden Ermittlungen verwiesen, die ihm jeden Kommentar unmöglich machen würden. Der Vorwurf, Frankfurter Polizisten misshandelten Menschen ohne jeden triftigen Grund, hat in den vergangenen zwei Jahren schwer an der Polizei genagt. Es wird ein besonderer Prozess.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Dossier

Vorwürfe gegen Polizei und Sicherheitsdienste im Rhein-Main-Gebiet häufen sich. Eine Sammlung solcher Fälle und die Debatte darüber. Das Dossier.


Attacke gegen Deutsch-Äthiopier

"Ihr seid hier nicht in Afrika"

Derege Wevelsiep am Tatort.

Nach Aufdeckung des NSU-Terrors war viel die Rede von mehr Sensibilität der Behörden gegenüber Zuwanderern. Ein Jahr später steigt Derege Wevelsiep in eine Frankfurter U-Bahn und wird von Polizisten verprügelt. Ein Blick zurück: Wie im Herbst 2012 alles begann. Mehr...

Fall Wevelsiep

Ein ungewöhnliches Urteil

Von  |
Derege Wevelsiep (rechts) und sein Anwalt Johannes Hallenberger während des ersten Prozesstages.

Die Verurteilung eines Polizisten im Fall des Deutsch-Äthiopiers Wevelsiep stößt auf ein geteiltes Echo. Ob das Urteil gegen den 33-jährigen Oberkommissar wegen Körperverletzung im Amt tatsächlich rechtskräftig wird, ist noch nicht absehbar. Mehr...

Karikatur: Leonard Riegel.

Polizeiwalt und Rassismus
Zur Sache

Derege Wevelsiep steigt Mitte Oktober 2012 mit gültigem Fahrausweis in eine Frankfurter U-Bahn. Nach einem Wortgefecht mit Kontrolleuren wird der äthiopischstämmige Diplom-Ingenieur von herbeigerufenen Polizisten verprügelt.

Wegen seiner Verletzungen muss er drei Tage im Krankenhaus bleiben.

Im Internet bricht ein Sturm der Entrüstung los, über soziale Netzwerke wird eine Solidaritäts-Demo organisiert.

Auch der Landtag befasst sich mit dem Fall.

Polizeigewalt und Rassismus
Fotostrecke
Frankfurter Hauptbahnhof von oben

Der Frankfurter Hauptbahnhof - aus der Luft fotografiert von Sascha Rheker. Weitere Motive in unserer Premium-Galerie.

Übersicht

Wir informieren Sie aus der ganzen Region. Nachrichten aus Ihrer Stadt können Sie als Newsfeed abonnieren - klicken Sie bitte auf das orange Symbol.

Regionale Startseite

Frankfurt

Rhein-Main

Bad Homburg, Hochtaunus

Bad Vilbel, Wetterau

Darmstadt

Kreis Groß Gerau

Hanau, Main-Kinzig

Main-Taunus

Offenbach

Kreis Offenbach

Wiesbaden

Was hilft gegen Rassismus??

Rassismus-Problem bei der deutschen Polizei, was kann dagegen helfen?

Anteil der Migranten unter Beamten sollte dem Anteil der Migranten an der Bevölkerung entsprechen.
Jeder Beamte muss regelmäßig Anti-Rassismus-Training absolvieren.
Eine unabhängige Beschwerdestelle muss gegen Beamte ermitteln und nicht Kollegen gegen Kollegen.
Social Media
In Twitter informieren wir als FRlokal über Frankfurt und Rhein-Main. Folgen Sie uns!
Spezials