Abo | ePaper | App | Newsletter | Facebook | Anzeigen | Trauer

Polizeigewalt und Rassismus-Vorwürfe
Rassismus-Vorwürfe gegen Polizei und Sicherheitsdienste im Rhein-Main-Gebiet häufen sich. Eine Sammlung solcher Fälle und der Debatte darüber.

07. November 2012

Fall Wevelsiep: Prügel-Polizisten in der Klemme

 Von  und 
Seine gültige Fahrkarte hat Derege Wevelsiep nichts genutzt. Foto: Christoph Boeckheler

Der Bericht der Frankfurter Rundschau über eine anscheinend unbegründete Attacke gegen einen Mann in einer U-Bahnstation in Frankfurt findet eine virale Verbreitung in den sozialen Netzwerken. Politik und Polizei werden zusehends in die Enge getrieben.

Drucken per Mail

Der Bericht der Frankfurter Rundschau über eine anscheinend unbegründete Attacke gegen einen Mann in einer U-Bahnstation in Frankfurt findet eine virale Verbreitung in den sozialen Netzwerken. Politik und Polizei werden zusehends in die Enge getrieben.

"Ihr seid hier nicht in Afrika." Der Satz wird im Gedächtnis bleiben. Dem krankenhausreif geprügelten Frankfurter Elektronik-Ingenieur Derege Wevelsiep, der zwar in Äthiopien geboren wurde, aber als Waise in Deutschland adoptiert wurde und aufwuchs und seit sechs Jahren einen deutschen Pass hat, sowieso. Aber auch die vier U-Bahn-Kontrolleure, die ihn anscheinend in der Station Bornheim-Mitte drangsalieren wollten, werden den Spruch einer ihrer Kolleginnen nicht vergessen. Und erst recht nicht jenes Quartett an Polizisten, die Wevelsiep schließlich zusammenschlugen.

Gegen diese vier wird derzeit intern im Frankfurter Polizeipräsidium ermittelt; das bestätigte am frühen Dienstagabend eine Sprecherin der Polizei gegenüber der Nachrichtenagentur dapd. Ebenso, dass eine entsprechende Strafanzeige tatsächlich vorliege. Weshalb sie zu Details auch nichts sagen könne. „Aber klar ist: Es gibt zwei Sichtweisen, die des Anzeigestellers und die der Beamten.“

Virale Verbreitung

Letztere Bemerkung darf als Hinweis auf eine Information verstanden werden, die der Hessische Rundfunk seit Dienstagnachmittag online verbreitet. Demnach habe die Staatsanwaltschaft in Frankfurt mitgeteilt, dass nun auch ein Ermittlungsverfahren gegen das mutmaßliche Opfer eingeleitet worden sei. Die vier betroffenen Beamten hätten den 41-Jährigen wegen Beleidigung angezeigt. Er soll sie als "Nazis" beschimpft haben.

Dieser Gegenschlag liegt in der Logik von Behörden, die sich plötzlich der öffentlichen Kritik ausgesetzt sehen und offensichtlich die schlechteren Karten besitzen. Der Artikel der Frankfurter Rundschau, der am 6. November die Sache ins Rollen brachte, wurde im Laufe des Tages mehr als 17.000 Mal via Facebook weiterempfohlen und rund 950 Mal getwittert (Stand Mittwochmorgen 7.30 Uhr), die Agenturen und andere Medien haben mit eigenen Recherchen begonnen. Das muss zwar weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaft irgendwie kümmern, aber die virale Verbreitung des Artikels schafft ein Klima, das auch die Behörden nicht unbeeinflusst lassen kann.

Außerdem geraten nun die politischen Dienstherren der Frankfurter Polizei und Justiz in den Fokus der Öffentlichkeit. So soll nun der hessische Innenminister Boris Rhein (CDU) nach den Prügel-Vorwürfen im Innenausschuss des Landtages über die Ermittlungen berichten. Das fordert der innenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion in Wiesbaden, Jürgen Frömmrich. „Der Vorwurf, dass hessische Polizisten rassistische Gewalt ausüben und einen Mann offenbar wegen dessen Hautfarbe misshandelt hätten, ist unerträglich. Dieser Vorgang muss lückenlos aufgeklärt werden“, sagte Frömmrich. Nach den Pannen bei der Aufklärung der Morde der NSU-Terroristen sei das Vertrauen vieler Menschen mit Migrationshintergrund in die Sicherheitsbehörden „sowieso erschüttert“.

Der innenpolitische Sprecher der Linken, Hermann Schaus, sagte, so die Vorwürfe Wevelsieps zutreffen, müsse das „ernste Konsequenzen“ haben. Dann brauche es auch „eine Debatte, wie rassistisch motiviertes Denken und Handeln in deutschen Amtsstuben zurückgedrängt werden kann“.

Die Frankfurter Grünen forderten von der Verkehrsgesellschaft VGF, sich an der Aufklärung zu beteiligen, da ihre Angestellten, das Quartett an Kontrolleuren den bisherigen Annahmen nach, den ganzen Vorfall überhaupt erst ausgelöst hatten. Auch sie stehen damit für Viele erstmal unter dem Verdacht rassistischer Äußerungen wie rassistischen Verhaltens.

Spezial

Rassismus-Vorwürfe gegen Polizei und Sicherheitsdienste im Rhein-Main-Gebiet häufen sich. Eine Sammlung solcher Fälle und der Debatte darüber. Das Spezial.


Polizeiwalt und Rassismus
Zur Sache

Derege Wevelsiep steigt Mitte Oktober 2012 mit gültigem Fahrausweis in eine Frankfurter U-Bahn - und wird nach einem Wortgefecht mit Kontrolleuren von herbeigerufenen Polizisten verprügelt.

Wegen seiner Verletzungen muss er drei Tage im Krankenhaus bleiben.

Die Frankfurter Polizei ermittelt intern gegen vier Beamte des 6. Reviers, die der äthiopischstämmige Diplom-Ingenieur beschuldigt, ihn geschlagen zu haben. Sein Anwalt wirft den Beamten Hausfriedensbruch, Beleidigung und Körperverletzung vor.

Im Internet bricht ein Sturm der Entrüstung los, über soziale Netzwerke wird eine Solidaritäts-Demo organisiert.

Auch der Landtag befasst sich mit dem Fall.

Polizeigewalt und Rassismus
Fotostrecke
Frankfurter Hauptbahnhof von oben

Der Frankfurter Hauptbahnhof - aus der Luft fotografiert von Sascha Rheker. Weitere Motive in unserer Premium-Galerie.

Übersicht

Wir informieren Sie aus der ganzen Region. Nachrichten aus Ihrer Stadt können Sie als Newsfeed abonnieren - klicken Sie dazu bitte auf das orange Symbol.

Frankfurt

Rhein-Main

Bad Homburg, Hochtaunus

Bad Vilbel, Wetterau

Darmstadt

Kreis Groß Gerau

Hanau, Main-Kinzig

Main-Taunus

Mainz

Offenbach

Kreis Offenbach

Wiesbaden

Was hilft gegen Rassismus??

Rassismus-Problem bei der deutschen Polizei, was kann dagegen helfen?

Anteil der Migranten unter Beamten sollte dem Anteil der Migranten an der Bevölkerung entsprechen.
Jeder Beamte muss regelmäßig Anti-Rassismus-Training absolvieren.
Eine unabhängige Beschwerdestelle muss gegen Beamte ermitteln und nicht Kollegen gegen Kollegen.
Social Media
In Twitter informieren wir als FRlokal über Frankfurt und Rhein-Main. Folgen Sie uns!
Spezials