Herr Oberbürgermeister, als Sie die Geschichte von Derege Wevelsiep gehört haben, der angibt, von Kontrolleuren beschimpft und von Polizisten zusammengeschlagen worden zu sein, was haben Sie empfunden?
Ich war von der Heftigkeit der gegenseitigen Vorwürfe überrascht. Die Vorgänge müssen dringend aufgeklärt werden, es braucht Transparenz. Es darf hier kein Versteckspiel geben, da setze ich auf die Staatsanwaltschaft.
Kann die Stadt auch die Ausbildung der Kontrolleure verbessern?
Auf jeden Fall. Das Thema Deeskalation gehört bei der Ausbildung auf Tagesordnungspunkt eins. Und es braucht zudem ständige Begleiter, die abends in allen U-Bahn-Wagen mitfahren. Das ist bisher erst zum Teil der Fall.
Es war ein empörter Aufruf via Facebook. Er brauchte etwas Anschub und dann wurde die Aufforderung, gegen Rassismus in der Polizei und für Solidarität mit dem Gewaltopfer Derege Wevelsiep zu demonstrieren, viral.
Foto: Alex KrausWie lässt sich die Atmosphäre gerade am Abend in den Stationen und Bahnen sicherer gestalten?
Ich appelliere an alle, die tagsüber eine Polizei-Uniform tragen, sie auch nach Dienstschluss auf dem Nachhauseweg anzubehalten. Polizisten sollten auch dann als Ansprechpartner für die Menschen zur Verfügung stehen. Dafür dürfen ja auch die hessischen Polizisten und die Bundespolizisten den öffentlichen Nahverkehr kostenlos benutzen.
Helfen mehr Überwachungskameras in den Stationen?
Diese politische Diskussion führen wir ja in Frankfurt schon länger. Ich sage: Kameras, vor denen dann keiner sitzt, um das Bild zu verfolgen, sind nicht der richtige Weg. Was es braucht, sind Menschen, die vor Ort Präsenz zeigen. Es kann nicht das Ziel sein, die Stadt und den öffentlichen Raum mit Kameras zu überziehen.
Sie werden also mit den Verantwortlichen der Verkehrsgesellschaft Frankfurt sprechen?
Ja, ganz sicher. Wir müssen untersuchen, wie wir die Präsenz von Sicherheitspersonal in den Bahnen und Stationen verstärken können.
Wie schätzen Sie denn die derzeitige soziale Situation in Frankfurt ein?
Frankfurt ist grundsätzlich eine friedliche Stadt. Bis auf wenige Konflikte kommen die Menschen aus mindestens 140 verschiedenen Nationen, die hier leben, gut miteinander aus. Und das soll auch so bleiben. Wir wollen und dürfen in Frankfurt nicht bei den schlimmen Zuständen enden, die in den Vorstädten der Metropolen Paris oder London herrschen.
Da ist soziale Prävention nötig.
Davon bin ich überzeugt. Es braucht gerade in den Stadtteilen genügend Ansprechpartner und Betreuer zum Beispiel in den Jugendzentren. Wenn wir hier in unseren Anstrengungen nachlassen, provozieren wir in der Folge Konflikte im öffentlichen Raum und im öffentlichen Nahverkehr.
Das Interview führte Claus-Jürgen Göpfert
Ein Schwarzer gerät in der U-Bahn in Konflikt mit Fahrkarten-Kontrolleuren und der Polizei Frankfurt. Am Ende liegt er im Krankenhaus. Die Polizei sieht sich Rassismus-Vorwürfen ausgesetzt. Das Spezial.
Derege Wevelsiep steigt Mitte Oktober mit gültigem Fahrausweis in eine Frankfurter U-Bahn - und wird nach einem Wortgefecht mit Kontrolleuren von herbeigerufenen Polizisten verprügelt.
Wegen seiner Verletzungen muss er drei Tage im Krankenhaus bleiben.
Die Frankfurter Polizei ermittelt intern gegen vier Beamte des 6. Reviers, die der äthiopischstämmige Diplom-Ingenieur beschuldigt, ihn geschlagen zu haben. Sein Anwalt wirft den Beamten Hausfriedensbruch, Beleidigung und Körperverletzung vor.
Im Internet bricht ein Sturm der Entrüstung los, über soziale Netzwerke wird eine Solidaritäts-Demo organisiert.
Auch der Landtag befasst sich mit dem Fall.
Wir informieren Sie aus der ganzen Region. Nachrichten aus Ihrer Stadt können Sie als Newsfeed abonnieren - klicken Sie dazu bitte auf das orange Symbol.