Herr Ahmari, wäre der Fall Wevelsiep anders ausgegangen, wenn Derege Wevelsiep kein Schwarzer wäre und keinen Migrationshintergrund hätte?
Es ist viel zu früh für irgendwelche Bewertungen. Alles, was man zu diesem Punkt erklären könnte, wäre Spekulation. Derzeit laufen die Ermittlungen, deshalb kann und möchte ich dazu auch nichts weiter sagen. Es gab offenbar eine Kontrolle, die eskaliert ist. So etwas soll nicht passieren, kann aber leider passieren. Weitere Bewertungen kann und sollte man erst anstellen, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen.
Hat die Polizei mit Rassisten in den eigenen Reihen zu tun?
Nein. Das belegen Studien, die es dazu gab. Es ist aber bekannt, dass gerade Polizisten in die eine oder andere Situation kommen können, die besonders viel Überblick und kulturübergreifendes Verständnis erfordern. Etwa wenn sie bei Kontrollen häufig von jungen Migranten angepöbelt werden. Um dann Vorurteilen entgegenzuwirken, gibt es die Seminare in interkultureller Kompetenz.
Es war ein empörter Aufruf via Facebook. Er brauchte etwas Anschub und dann wurde die Aufforderung, gegen Rassismus in der Polizei und für Solidarität mit dem Gewaltopfer Derege Wevelsiep zu demonstrieren, viral.
Foto: Alex KrausWie kommen diese Seminare bei Ihren Kolleginnen und Kollegen an?
Vor allem jüngere Polizisten äußern sich positiv. Viele von denen haben Freunde und Bekannte mit Migrationshintergrund. Sie wissen, dass sich unsere Gesellschaft verändert hat und darauf auch die Polizei reagieren muss. Bei älteren Beamten gibt es aber auch manchmal Vorbehalte.

Reza Ahmari ist Pressesprecher der Bundespolizei. Nebenberuflich arbeitet der 44-jährige Beamte im Rang eines Ersten Polizeihauptkommissar als Trainer für interkulturelle Kommunikation. Geboren wurde Ahmari in Deutschland, sein Vater ist Iraner. Spätestens im Januar wird er die Polizei verlassen und als Sprecher im Wiesbadener Rathaus anfangen.
Was wollen Sie in den Seminaren vermitteln?
Die Kolleginnen und Kollegen sollen verstehen, dass sie selbst alles durch eine kulturelle Brille sehen. Sie gehen von ihrem eigenen Kulturkreis als Maßstab aus. Deshalb kann es zu Missverständnissen kommen.
Zum Beispiel?
Wenn Polizisten einen jungen Mann mit türkischem Migrationshintergrund in der Bahn nach seinem Ausweis fragen, und der junge Mann hat seine Freundin dabei, dann kann es sein, dass er sich wehrt und Widerworte gibt und vielleicht beleidigend wird. Ganz einfach, weil seine Freundin dabei ist, vor der er nicht klein beigeben will. Die Kollegen aber sagen sich, dass der Mann verpflichtet ist, seinen Ausweis vorzuzeigen, und ziehen die Kontrolle durch. Dann kann so eine Situation eskalieren. Später auf der Wache, wenn seine Freundin weg ist, ist der Mann dann oft lammfromm und entschuldigt sich noch bei den Kollegen. Oft heißt es dann: Sorry, Jungs, aber ich konnte nicht anders handeln.
Zwei Männer stützen am 30.09.2010 im Schlossgarten in Stuttgart den verletzten Dietrich Wagner. Bei einer S 21 Demonstration wird er durch einen Wasserwerferstrahl schwer verletzt, der ihn direkt ins Gesicht trifft. Das linke Auge Wagners bleibt völlig zerstört, die Sehkraft des anderen Auges beträgt lediglich noch 8 % und reicht nicht mehr zum Lesen oder Autofahren reichen. Die Stuttgarter Polizei wirft Wagner eine Mitschuld vor, da er sich „nicht weggeduckt“ habe.
Foto: dpaNehmen genügend Beamte diese Seminare in Anspruch?
Dazu liegen mir keine konkreten Daten vor, aber mein persönlicher Eindruck ist, dass bei der hessischen Polizei viel in dieser Richtung getan wird. Das Bundesland ist da meiner Einschätzung nach vorbildlich. Die Thematik ist Teil der Ausbildung, und viele Kolleginnen und Kollegen machen eine entsprechende Fortbildung. Bei der Bundespolizei am Frankfurter Flughafen beispielsweise arbeitet heute grundsätzlich niemand, der das Seminar nicht gemacht hat.
Sollte eine solche Weiterbildung bundesweit für alle Polizisten verpflichtend sein?
Das sehe ich eher skeptisch. Wenn Kollegen von ihrem Chef zu so einem Seminar geschickt werden, reagieren sie oft genervt oder glauben gar, der Vorgesetzte halte sie für einen Rassisten. Dann sitzen sie mit verschränkten Armen im Kurs – das hilft keinem. Es muss aus eigener Überzeugung kommen. Die jeweilige Polizeiführung muss es vorleben und sich für die interkulturelle Öffnung ihrer Behörde einsetzen.
Das Interview führte Georg Leppert.
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